Zeitung Heute : Urlaub – das kann ich mir nicht leisten

Viele Selbstständige fürchten, in den Ferien Aufträge zu verpassen und bleiben lieber im Büro

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Dem Chef zur Ferienhauptsaison zwei ganze Wochen Urlaub abzuringen, kann ein schwieriges Unterfangen sein. Was aber, wenn man sein eigener Chef ist? Gilt dann: endlich reisen, wann und so oft es einem gefällt?

„Im Gegenteil“, sagt Ina Rathfelder vom Existenz-Gründer Institut Berlin e.V. Als die studierte Pädagogin sich vor fünf Jahren als Büroberaterin selbständig machte, verordnete sie sich selbst zuerst eine Urlaubssperre. Für drei Jahre. „Erst dann habe ich mir eine Woche Urlaub gegönnt“, erzählt die 40-Jährige. „Und das ist auch jetzt immer noch das Maximum im Jahr.“

Kein Einzelfall, weiß Susanne Schmitt-Wollschläger. Sie berät Existenzgründer bei der Industrie- und Handelskammer Berlin. Schon beim ersten Gespräch erzählt sie jedem: „Wenn Sie sich selbstständig machen, müssen Sie damit rechnen, dass Sie keinen geregelten Urlaub mehr haben werden.“ Besonders am Anfang müsse man dafür sorgen, „dass man sein Unternehmen voranbringt“, sagt die IHK-Beraterin. Und auch, wenn sie etabliert sind, falle es vielen Selbstständigen schwer, das Geschäft länger als ein paar Tage im Stich zu lassen.

„Viele merken leider erst, wenn sie krank werden, dass niemand sie ersetzen kann“, sagt Schmitt-Wollschläger. Das gilt natürlich in erster Linie für Einzelkämpfer. Eine Vertretung einzustellen, kostet erstens Geld und zweitens eine Menge Zeit.

Um sich als Freiberufler vertreten zu lassen, braucht man außerdem absolutes Vertrauen, so Schmitt-Wollschläger. Denn je nachdem, wie lange der Urlaub dauern soll, braucht der Vertreter eine Reihe von Vollmachten. Er muss Verträge unterzeichnen dürfen, braucht Zugriff auf die Bankkonten, Passwörter für sämtliche Kundendateien sowie den Schlüssel zum Tresor. Die IHK-Beraterin rät darum jedem Selbstständigen, sich rechtzeitig einen Stellvertreter aufzubauen. Auch Ina Rathfelder hat deshalb, sobald es ging, eine Halbtagskraft eingestellt. „Bis dahin hatte ich jedesmal Bedenken wegzufahren, auch wenn ich gar nichts zu tun hatte.“ Sie fürchtete immer, dass doch noch ein Auftrag kommen könnte. Wenn die Kunden dann nur den Anrufbeantworter hörten, warteten sie nicht auf einen Rückruf, sondern suchten sich jemand anderen.

In anderen Fällen aber haben Selbstständige deutlich mehr Freiheiten als Angestellte: Wie Rathfelders Nachbar, der Matchbox-Autos verkauft und am vergangenen Freitag folgendes Schild in sein Schaufenster hängte: „Ich sitze im Olympia-Stadion und drücke Deutschland die Daumen. Sollten Sie umsonst gekommen sein, ersetzen wir Ihnen bei Ihrem nächsten Besuch gerne die Fahrtkosten.“ mirs

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