Zeitung Heute : Urlaub: Die Leichtigkeit des Seins

Cristoph Hennnig

Es ist schon erstaunlich, wie viele Paradiese es auf der Welt gibt. Nicht nur auf Bali, in der Südsee, auf Hawaii scheint die Sonne - wenn man den Prospekten der Reiseveranstalter glauben darf - ständig auf sorglose, heitere Menschen, denen die Natur ihre Früchte gleichsam in den Mund wachsen lässt. Nein, paradiesisch sind auch näher gelegene Winkel der Erde, wie die Toskana, die Provence oder Irland (im Paradies, das sieht man am letzten Beispiel, darf es neuerdings auch schon mal regnen). Mini-Paradiese liegen direkt vor der Haustür: das "Kulinarische Paradies Bayern" zum Beispiel, wie ein Buchtitel formuliert, oder der "paradiesische Kaiserstuhl" - zu schweigen von den künstlichen Ferienwelten der Freizeitparks, die selbst in der Norddeutschen Tiefebene auf unfruchtbarem Sandboden "tropische Badeparadiese" haben wachsen lassen.

Ohne ein sittlich anständiges Leben (und mancher Jahre im Fegefeuer) kam man in früheren, gläubigen Zeiten nicht in den Garten Eden. Heute geht es offenbar einfacher. Ganz ungeniert verspricht der Reiseführerprospekt einer großen Buchladenkette: "Die Wege ins Paradies und eine Fülle an Geheimtipps finden Sie in unserer Reisebuchabteilung." Weisen heute Reisebuchautoren die verschlungenen Pfade zur Erlösung, zu einem Leben jenseits der Lasten des Alltags? Treten an die Stelle der Priester die Reiseveranstalter?

Schon vor 75 Jahren schrieb der Philosoph Siegfried Kracauer, das Reisen habe eine "theologische Bedeutung" erlangt. Und ein kürzlich erschienenes Standardwerk zum modernen Tourismus, das Buch "On Holiday" des schwedischen Ethnologen Orvar Löfgren, schließt mit der These: "Eine seltsame und oft unersättliche Sehnsucht nach Transzendenz gibt dem Tourismus den Zug einer weltlichen Religion, einer Suche nach Erfüllung, die irgendwo draußen, im Anderswo, wartet." Vom Paradies - oder einer vergleichbaren vollkommenen Welt ohne Kummer und Schmerz, Sorgen und Leiden - sprechen die Mythen vieler Zeiten und Völker. Die Griechen und Römer fantasierten ein Goldenes Zeitalter; Hesiod und Ovid haben es in literarischen Werken beschrieben.

Die Menschen aller Kulturen überwinden in der Fantasie immer wieder die Beschränkungen der Existenz und träumen von der "Leichtigkeit des Seins". Ein Paradies jenseits der realen Welt - wie das Goldene Zeitalter oder die christliche Heilserwartung - kann man nicht auf Reisen erreichen. Im europäischen Mittelalter aber entwickelte sich die Idee des "Irdischen Paradieses", das angeblich irgendwo in Asien oder auch auf den "Glücklichen Inseln" des Atlantik liegen sollte. Damit wurde das Paradies zum Reiseziel.

Als die ersten Entdecker der europäischen Neuzeit zu ihren Fahrten aufbrachen, trieb sie - mehr noch als die Sucht nach Ruhm und Reichtum - die Hoffnung, das Gelobte Land zu finden. Kolumbus glaubte, sich in der Karibik diesem Ziel immerhin genähert zu haben, und manche der spanischen Eroberer Südamerikas meinten wirklich, an dem perfekten Ort ihrer Träume angekommen zu sein. Dafür sprachen die Friedfertigkeit der Bewohner, die fruchtbare Natur und nicht zuletzt das viele Gold, das sie dort fanden - das edle Metall hatte nicht nur großen ökonomischen Wert, sondern galt auch als Symbol der Vollkommenheit. Die Sehnsucht nach einer Idealwelt stand somit am Beginn des neuzeitlichen Reisens.

Mit der Entdeckung der Südsee im 18. Jahrhundert schien das Ziel endgültig erreicht. Die anschaulichen Berichte der Seefahrer Louis Antoine de Bougainville, James Cook und Georg Forster wurden von vielen europäischen Schriftstellern ausgesponnen zum Bild eines glücklichen, sorgenfreien Lebens in Harmonie mit der Natur, einer Existenz ohne Arbeit und Konkurrenz, Hass und Krieg. Gemälde, Theaterstücke und Romane - fast ausnahmslos von Autoren, die Europa nie verlassen hatten - verbreiteten die Vorstellung vom exotischen Garten Eden.

Diese mehr als 200 Jahre alte Idee ist so tief verwurzelt, dass der Ethnologe Hans Fischer noch 1984 bei einer Untersuchung feststellen konnte: Fast alle von ihm befragten deutschen Samoa-Touristen meinten, auf der Insel das tropische Paradies zu finden. Und die Autorin Cordula Rüschhoff bemerkte 1995 bei der Analyse von Südsee-Reiseprospekten, dass diese "teilweise den gleichen Wortlaut enthalten wie die Beschreibungen der Entdeckungsreisenden".

Nicht nur die Südsee, sondern viele andere Regionen werden in der Tourismuswerbung, in Diavorträgen und Reiseführern als "paradiesisch" präsentiert. Freundliche und spontane Menschen erscheinen auf den bunten Bildern aus aller Welt: toskanische Winzer, provençalische Boule-Spieler, griechische Fischer, balinesische Tempeltänzerinnen. Die Natur der Feriengebiete ist harmonisch und immer wunderschön. Fabriken, Schnellstraßen, Hochspannungsleitungen oder Baukräne scheint es in den Feriengebieten nicht zu geben. Die Einheimischen feiern Feste oder sitzen im Café, Mühsal und Arbeit sind ihnen unbekannt. Es ist leicht, solche illusionären Bilder zu "entlarven". Das Südsee-Reiseziel Samoa hat beispielsweise so hohe Mordraten wie die USA, auch Suizide und psychische Erkrankungen kommen häufig vor - die Insel ist alles andere als eine Idylle. Die Toskana ist gewiss eine reizvolle Landschaft; aber die fast in allen Reisereportagen abgebildeten Winzer und Olivenbauern machen nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung aus - die große Mehrheit arbeitet in städtischen Büros ... Ganz davon abgesehen, dass auch der naturverbundenste Winzer nicht immer Grund zum Lächeln hat. Das Paradies ist nicht ein bestimmter Ort. Es ist ein psychischer Zustand. Der Zustand, in dem die gesamte "Last des Daseins" von uns abfällt - in dem wir ohne Angst, Sorgen, Schmerz und Leid existieren. Diesen Zustand erreichen wir höchstens für eine begrenzte Zeit. Dauerhaft ist die paradiesische Existenz nur in der Fantasie. Und in der Fantasie verbindet sie sich mit Bildern von Orten und Landschaften. So kommt es zu den konkreten Vorstellungen vom Gelobten Land - Ideen, wie der Philosoph Helmuth Pleßner schreibt, "ohne die noch keine menschliche Generation gelebt hat ...

Also: Nicht die Toskana oder die Südsee sind das Paradies, so schön sie auch sein mögen. Aber die psychische Verfassung, in die wir - wenn alles gut geht! - an diesen Orten geraten, kann das Paradies bedeuten. Der Urlaub befreit uns aus dem "stählernen Gehäuse" der Zwänge und Pflichten und gibt Raum für eine spielerische, ziel- und zweckfreie Existenz. Auf einmal nimmt die paradiesische Leichtigkeit des Seins von uns Besitz.

Unvermeidlich verschwindet der Seelenzustand "Paradies" wieder - spätestens drei Tage nach Urlaubsende. Aber die Sehnsucht bleibt.

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