Zeitung Heute : Ursprung hehrer Träume - Musicalpremiere nahe Schloss Neuschwanstein

Rainer W. Hamberger

Neuschwanstein vor Beginn eines der Schlosskonzerte. Verklingendes Tageslicht lässt die Grenzberge zu Österreich noch ein Mal aufleuchten, während der stille Alpsee hinter dem Schloss Hohenschwangau fast schon im Dunkeln liegt. In Füssen blinken die ersten Lichter rund um das Hohe Schloss. Auch weitgereiste Zeitgenossen werden angesichts dieses Szenarios still. Jemand deutet nach Westen. Am jenseitigen Ufer des Forggensees steht ein fast symmetrisches Gebäude großen Ausmaßes: das neue Festspielhaus. Hier soll nun die Synthese zwischen den Träumen eines Königs und den Sehnsüchten der Neuzeit herbeigeführt werden. Von dort unten blickt man über den Forggensee hier hinauf zum beleuchteten Schloss Neuschwanstein, dem Ort des Ursprungs hehrer Träume.

Die Premiere ist soeben gelaufen, und die Macher des Musical Theaters "Ludwig II. - Sehnsucht nach dem Paradies" lassen sich von Misserfolgen anderer Produktionen nicht abschrecken. Sie selbst sind keine Träumer. Wie in kaum einem anderen Musical stimmt hier das kulturelle und historische Umfeld. Es war nicht nötig, amerikanische Ereignisse und Szenen in irgend eine deutsche Stadt zu übertragen. Der Stoff liegt vor dem Theater, ist für den Gast im Königswinkel allgegenwärtig. Es muss keine Kunstwelt geschaffen werden, wenngleich die Inszenierung sehr großzügig mit den historischen Fakten spielt - ganz bewusst!

Komponist Franz Hummel bietet dem geneigten Publikum ein Mosaik von Stilen in einer Bandbreite von Wagnerschen Klangwogen bis zu Arien, Ohrwürmern und bayerischer Blasmusik. Auch auf die Stilmittel der Oper und Operette greift Hummel zurück und setzt sich bewusst vom angloamerikanischen Klischee ab. Szenisch gibt es überraschende Abwechslungen. Speziell dressierte Pferde traben auf der zweitgrößten Drehbühne Deutschlands, schwarze Nymphen verwandeln sich in weiße Tauben, und ein Regenbogen erstrahlt über der Bühne. Eine gelungene Symbiose: Intendant Stephano Barbarino arbeitet an der künstlerischen Gestaltung während Josephine Barbarino als Architektin das an den Stil Gottfried Sempers orientierte Gebäude entstehen ließ. Es gibt wenig Vergleichbares - Inszenierung und Architektur aus einem Guss.

Täglich soll es nun eine Aufführung für 1400 Gäste geben und manchmal sogar zwei. Die Eintrittspreise bewegen sich zwischen 85 Mark im Parkett bis 230 Mark in der Königsloge - mit individueller Bewirtung, versteht sich. Es sollten schon etwa 360 000 Besucher jährlich das Musical besuchen, um zumindest die finanziellen Erwartungen der Investoren zu erfüllen.

Füssen und Schwangau sind international durch die Königsschlösser bekannt. Liegt doch Füssen an der Romantischen Straße, die quer durch Süddeutschland historische und romantische Kleinodien und Idyllen wie auch Dinkelsbühl und Rothenburg ob der Tauber miteinander verbindet. An Besuchern der historischen Bauwerke fehlt es nicht, jedoch möchte man die Gästeströme einerseits noch verstärken, andererseits zum Bleiben animieren.

Königswelten GmbH, eine Tochtergesellschaft des 74 Millionen schweren Projektes - davon wurden 42 Millionen für den Bau und 32 Millionen für die Produktion verwendet - offeriert ein breites Spektrum von Ergänzungsprogrammen: für 420 Mark können sich vier Gäste im vierspännigen Landauer von einem Hohenschwangauer Hotel zur Aufführung kutschieren lassen. Arrangements mit dem "königsblauen Luxuszug" oder Zithermusikabende, Segeln auf dem vorgelagerten Forggensee, Seminarangebote für Institutionen und Betriebe sind möglich sowie vieles andere mehr. Auch gibt es Kombinationsangebote mit den Oberammergauer Festspielen, eine Passionskönigsvariante - immerhin fehlte es Ludwig II. auch nicht an Passion.

Mit vielschichtigen Aktionen geschieht die Vermarktung der Karten. Große Hoffnungen setzt man in die Verkaufsbüros in Japan und den USA. Etwa 50 internationale Verkaufsveranstaltungen im Jahr stehen auf dem Kalender und allein in Deutschland offerieren 6000 Reisebüros über bewährte Computerbuchungssysteme die Eintrittskarten und gegebenenfalls auch Ergänzungsprogramme.

Die Region braucht umweltverträgliche Attraktionen, um die bestehenden Kapazitäten vor allem außerhalb der wärmeren Jahreszeiten besser auslasten zu können, denn die Orte Füssen und Schwangau sind mit etwa 800 bis 900 Meter Meereshöhe keine ausgemachten Wintersportdestinationen, allenfalls bieten sie neben unterschiedlich langen Loipen Stützpunkte für benachbarte Pisten im Ostallgäu und in Tirol. Sollte die Wertschöpfung für den Königswinkel der beiden Gemeinden Schwangau und Füssen gelingen und die Auslastung von Gästezimmern wie vorhergesagt auch in den Wintermonaten steigen, werden die anfänglichen Querelen am Ort um das Projekt bald vergessen sein.

Da gab es zunächst einmal Schwierigkeiten mit dem Baugrundstück, das sich als zu klein erwies. Kurzerhand wurde es durch Aufschüttungen im Uferbereich des aufgestauten Forggensees vergrößert. Initiativgruppen wandten sich gegen den zwangsläufig mit dem Musicalbetrieb anwachsenden Busverkehr, der neben Abgasen auch Müll zurücklassen wird. Tagesfahrten von Omnibusgesellschaften zum Musicalbesuch sorgen für einen Eckpfeiler des Umsatzes. Füssen ist hier sehr sensibel, litt die romantische Stadt doch viele Jahre unter der Last von Blechlawinen, die sich in Richtung Österreich mitten durch die Stadt wälzten. Erst im Sommer 1999 wurde am westlichen Stadtrand ein Tunnel eröffnet, der den von Pfronten kommenden Verkehr rechtzeitig umleitet. Weitsichtige Parkplatzplanung und strenge Umweltauflagen sind jetzt die Antwort. Als größte Wirtschaftsförderung der Region bezeichnen Fachleute das Projekt, denn allein Füssen mit seinen 14 000 Einwohnern zählt jährlich 1,2 Millionen Übernachtungen. Ohne Tourismus wäre das Städtchen im idyllischen Königswinkel rasch am Ende. Kein Wunder, dass gleichzeitig das erste Fünf-Sterne-Hotel in Füssen entstehen soll. Führend ist dabei ein Hotelier der Stadt, dem es bisher durch gezieltes Marketing am besten gelang, Gruppenreisen aus Japan in sein Haus zu holen.Eintrittskarten und Ergänzungsprogramme sind erhältlich über die Tickethotline 018 05 / 58 39 44, sowie bei allen bekannten Vorverkaufsstellen, Reisebüros beziehungsweise Reiseveranstaltern.

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