Urteil zu Raucher Adolfs : Null Toleranz ist ein ungutes gesellschaftliches Klima

Ist es rechtens, einem starken Raucher die Wohnung zu kündigen, weil sich seine Nachbarn wegen der Qualmerei beschweren? Und was hat das mit Mohammed-Karikaturen zu tun? Ein Kommentar.

Arno Makowsky
Am Mittwoch verhandelt der Bundesgerichtshof in Karlsruhe über den Fall des Rauchers Friedhelm Adolfs, dessen Wohnung fristlos gekündigt wurde.
Am Mittwoch verhandelt der Bundesgerichtshof in Karlsruhe über den Fall des Rauchers Friedhelm Adolfs, dessen Wohnung fristlos...Foto: dpa

Der Mann ist, mit Verlaub, eine Nervensäge. Sitzt in jeder Talkshow, lässt sich für jede Zeitung fotografieren, gerne mit brennender Zigarette im Mund. Schließlich kämpft Friedhelm Adolfs, Deutschlands berühmtester Kettenraucher, für das Recht, weiterhin in seiner eigenen Wohnung qualmen zu dürfen, auch wenn sich die Nachbarn wegen des Gestanks beschweren.

Dabei sieht es nicht gut aus für „Raucher Adolfs“ wie er von den Medien inzwischen genannt wird. Zweimal schon hat er erfolglos gegen die Kündigung seiner Wohnung geklagt, am Mittwoch urteilt der Bundesgerichtshof (BGH) abschließend. Alle Experten glauben, dass Adolfs keine Chance hat.

Wer nun einwendet, dass dieser Fall angesichts scheiternder Friedensverhandlungen und drohender Staatspleiten weltpolitisch eher unbedeutend ist, hat damit natürlich recht, andererseits: Bei der Auseinandersetzung zwischen Rauchern und Nichtrauchern gibt es glücklicherweise keine Toten, doch kaum ein Alltagskampf wird erbitterter geführt. Und nirgends zeigt sich die zunehmende Unfähigkeit der Gesellschaft zum Ausgleich deutlicher als bei diesem Konflikt.
Sicher, es geht auch um eine polarisierende Frage: Kann Rauchen jetzt auch in den eigenen vier Wänden verboten werden? Oder, etwas weniger drastisch formuliert: Ist es rechtens, einem starken Raucher die Wohnung zu kündigen, weil sich seine Nachbarn wegen der Qualmerei beschweren?

Urteilt der Bundesgerichtshof entsprechend, werden auch die Amtsrichter immer öfter ähnlich entscheiden. Wenn Nichtraucher sich belästigt fühlen, haben Raucher in Zukunft schlechte Karten - und belästigt fühlt sich schnell jemand. Wer das Argument der bedrohten Gesundheit anführen kann, darf sich ohnehin im Recht fühlen. Im gleichen Maße, in dem Rauchen gesellschaftlich geächtet wird, nimmt die Toleranz gegenüber Leuten ab, die sich gerne unvernünftig verhalten möchten.

Schmückende Toleranz

Dabei schmücken sich gerade in Zeiten bedrohter Freiheit viele Menschen mit einer Haltung, die sie selbst als überaus tolerant empfinden: Wir finden Mohammed-Karikaturen toll! Satire darf alles! Je suis Charlie! Diesen Toleranz-Jüngern geht nichts über eine weltoffene und wahrhaft liberale Gesellschaft – vorausgesetzt, man wird selbst nicht von ihr behelligt. Das neue Islam-Zentrum ist so lange prima, bis es in der eigenen Straße gebaut wird. Und wer seine Kinder selbst in der Privatschule unterbringt, kann die Kritiker von Schulklassen mit Migrantenkindern aus 17 verschiedenen Ländern getrost als fremdenfeindlich beschimpfen.

Toleranz – dieser Begriff spielt immer öfter nur auf der Tonspur der politischen Korrektheit eine Rolle, für das wirkliche Leben ist er untauglich. Vor allem an der Nikotinfront: In einem Rechtsstreit zwischen Rauchern und Nichtrauchern in Rathenow befand das Gericht, die beiden Parteien sollten sich doch bitte auf ein Zeitmodell einigen, wann genau die Raucher auf dem Balkon ihrem Laster nachgehen dürften.

Zuvor hatten die Nichtraucher über Wochen hinweg den Aschenbecher auf dem Balkon ihrer Nachbarn fotografiert, um deren hohen Zigarettenkonsum zu dokumentieren. Der Vorsitzende Richter fand diese Kontrolle übrigens völlig in Ordnung.

Es kann nicht mehr lange dauern, bis der Zwang zur Alltagskonformität auch in anderen Lebensbereichen gerichtlich durchgesetzt wird. Nach dem populären Motto: null Toleranz! Gegenüber exotischen Geruchsschwaden aus der Balkontür, politisch unkorrekten Witzen am Arbeitsplatz und Familien, deren herumliegende Schuhe im Hausflur das Auge beleidigen.

Wenn heute also Raucher Adolfs vom BGH bestätigt bekommt, dass er aus seiner Wohnung ausziehen muss, dann ist das kein Sieg der Vernunft, sondern Ausweis eines unguten neuen gesellschaftlichen Klimas. Der Mann mag uns auf die Nerven fallen, aber vor militanten Nichtrauchern, Besserwissern und anderen Fundamentalisten des Alltags sollten wir ihn in Schutz nehmen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

111 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben