US-Deserteur : Fahnenflucht nach vorn

Seine Familie ist schockiert. Manche seiner Landsleute wollen ihn hängen sehen. André Shepherd ist ein Deserteur, davongelaufen vor dem Irakkrieg – und der erste US-Soldat, der in Deutschland um politisches Asyl bittet.

Verena Mayer

HeidelbergNormalerweise wäre der amerikanische Soldat André Shepherd jetzt im Irak. Er würde AH-64 A-Apache-Kampfhubschrauber reparieren, wie er es immer gemacht hat, er hätte am Samstag die Provinzwahlen mitbekommen und die Attentate am Donnerstag, bei denen in Bagdad, Mossul und Mandali fünf Menschen starben. Doch André Shepherd hat Urlaub von der US-Armee genommen, und als der Urlaub vorbei war, ist er für 19 Monate untergetaucht. Danach hat er in Deutschland um politisches Asyl angesucht. Weil er nicht länger in einem Krieg kämpfen will, den er für völkerrechtswidrig und unmoralisch hält.

Der Amerikaner Shepherd ist jetzt ein Asylbewerber wie die 22 085 anderen, die im vergangenen Jahr registriert wurden. Er lebt von 40 Euro Unterstützung im Monat, in einer Flüchtlingsunterkunft, wo die Leute kommen und gehen. Viele Iraker sind darunter, sie bleiben meistens unter sich. Hin und wieder wechselt Shepherd ein paar Worte mit ihnen, im Deutschkurs oder auf dem Weg zum Bad. Er weiß nicht viel über sie, nur, dass sie im Irak oft kleine Geschäfte hatten oder Händler waren. Und dass sie plötzlich im selben Boot sitzen, der amerikanische Soldat und die Iraker, in deren Land er eigentlich Krieg führen sollte.

Shepherd, 31 Jahre alt, ist groß und durchtrainiert wie ein Basketball-Star. Zum Interview ist er nach Bammental gekommen, einem winzigen Ort in der Nähe von Heidelberg. In einem hübschen Fachwerkhaus hat das „Military Counseling Network“ sein Büro, ein Verein, der amerikanische Soldaten berät, die in Deutschland stationiert sind. 60 000 sind es insgesamt, und seit dem Golfkrieg 1991 sind immer mal wieder GIs in Deutschland untergetaucht. Doch Shepherd ist der erste, der um politisches Asyl ansucht.

Shepherd erzählt, dass er viel liest und im Internet Informationen über den Irakkrieg sucht, dass er Sport treibt und Schlösser in Süddeutschland besichtigt. Dass er sich in die deutsche Gesellschaft integrieren will. Man merkt, dass er aus einem Land kommt, in dem jeder versuchen muss, das Beste aus seiner Situation zu machen. Gerade bereitet er sich auf die Leute vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vor, die an diesem Mittwoch zu ihm kommen und ihm Fragen stellen werden. Er wird ihnen sagen, dass er im Irak „am Abschlachten von unschuldigen Menschen beteiligt“ gewesen sei und dass es ihm sein Gewissen verbiete, weiter in der US-Armee seinen Dienst zu versehen.

Er hat das in den vergangenen Wochen schon sehr oft gesagt. Nach der Flucht aus der Armee ist er die Flucht nach vorn angetreten, ins Rampenlicht. Er hat eine Pressekonferenz gegeben, Journalisten dürfen ihn jederzeit auf dem Handy anrufen. Für einen Mann, der von der amerikanischen Armee gesucht wird, scheint die Öffentlichkeit der bessere Schutz zu sein als der Untergrund.

Shepherd sitzt kerzengerade auf seinem Stuhl, Fragen beantwortet er mit „Right“ oder mit einem knappen Satz, ganz so, wie er es beim Militär gelernt hat. Wenn er spricht, verwendet er militärisches Vokabular. Sehr oft fällt der Ausdruck „AWOL“, „absent without official leave“, unerlaubt entfernt. Das ist sein derzeitiger Status. Seine Uniform hat er abgestreift, die Armee ist an ihm haften geblieben.

Shepherd will das auch gar nicht anders. Er sagt: „Ich bin nicht gegen jeden Krieg. Ich bin nur gegen diesen Krieg.“ Er sagt, dass er der Armee, der er sich bis 2011 verpflichtet hatte, auch anders entkommen wäre. Er hätte sich mit Drogen erwischen lassen können oder behaupten können, er sei homosexuell. „Aber da hätte ich lügen müssen. Und ich bin kein Krimineller. Ich habe immer alle Gesetze befolgt.“ In den munteren Gleichklang seiner Erzählungen mischt sich eine wütende Entschlossenheit. Immer wieder sagt Shepherd, dass er sein Land liebe. Selbst als Asylbewerber in Deutschland quält ihn ein sehr amerikanisches Gefühl: die Angst, jemand könnte glauben, er sei kein Patriot.

Shepherd hat eine typische amerikanische Soldatenbiografie. In der Mitte des Landes, in Cleveland/Ohio aufgewachsen, schlug er sich mehr schlecht als recht durchs Leben, bis er auf der Straße landete. Da sprach ihn ein Army Recruiter an und sagte, dass sein Land ihn brauche, um die Diktatoren zu stoppen. Shepherd unterschrieb. Weil die Armee genau das war, wonach er suchte, Lebensinhalt, Aufstiegsmöglichkeit, „Elite-Club“. Und sein Vater war endlich wieder stolz auf ihn.

Den Eignungstest bestand Shepherd so gut, dass er eine technische Ausbildung machen durfte. Im September 2004 kam er erst nach Katterbach, dem US-Stützpunkt in der Nähe von Nürnberg. Von dort ging es direkt in den Irak, ins Camp Speicher bei Tikrit, 200 Kilometer nördlich von Bagdad. Dort reparierte er sechs Monate lang zwölf Stunden am Tag Apache-Hubschrauber, jeder von ihnen ausgerüstet mit Raketen, die Hellfire hießen und Hydra, und einer Maschinenkanone, die zehn Schüsse in der Sekunde abgeben kann. Shepherd sah die Hubschrauber ankommen und wieder wegfliegen, und irgendwann begann er sich zu fragen, was diese Hubschrauber außerhalb der Sandmauern des Camps eigentlich machten.

Als er nach einem halben Jahr wieder nach Katterbach kam, begann er zu recherchieren. Las von verwüsteten Städten und zerstörter Infrastruktur, von getöteten Zivilisten und Schätzungen ihrer Zahl – 80 000, glauben die Vereinten Nationen, 150 000 die Weltgesundheitsorganisation. Eine amerikanische Privatuniversität schätzt: 600 000.

Einen bedeutenden Teil der Toten hätten die Apache-Hubschrauber zu verantworten, glaubt Shepherd. „Obwohl ich nicht selbst kämpfte, arbeitete ich in dieser Maschinerie“, sagt er. Da sei ihm klar geworden, dass er nicht mehr in den Irak zurückgehen werde. Kurz bevor er zum zweiten Mal dorthin abkommandiert wurde, desertierte er und tauchte im April 2007 in Süddeutschland unter.

Aus solchen Geschichten könnte man Spielfilme machen. Allein die eineinhalb Jahre, die er in Bayern im Untergrund verbrachte. Shepherd schlief mal hier, mal dort, bei Bekannten oder in einsamen Hütten. An den Wochenenden sah er sich Schlösser an. „Neuschwanstein, das kannte ich von Walt Disney, und, wow, da ist es wirklich.“ Er tat alles, um wie ein amerikanischer Tourist auszusehen, mied Bahnhöfe und öffentliche Verkehrsmittel, und wenn er in eine Polizeikontrolle kam, zeigte er seinen Militärausweis. Er habe allen erzählt, was er getan habe, sagt Shepherd. Und egal, wo er hinkam – man habe ihn unterstützt. Selbst die Bauern in Bayern, deren Wiesen er mähte, um ein bisschen Geld zu verdienen.

Doch unter seinen Landsleuten hat sich Shepherd keine Freunde gemacht. „Viele Amerikaner nehmen das persönlich, sie glauben, dass man sein Land nicht liebt“, sagt Shepherd. In Blogs wird gefordert, Shepherd sofort auszuliefern, nicht wenige wollen einen Verräter wie ihn hängen sehen. Seine Familie sei schockiert gewesen, seine Kameraden wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. „Die Amerikaner verstehen mich nicht, die sehen nur Gut und Böse.“ In Amerika taugt die Figur des Deserteurs nicht zum Helden, nicht einmal in Antikriegsfilmen.

Und der neue Präsident? Shepherd zuckt mit den Achseln. Der hat den Verteidigungsminister aus der Ära Bush übernommen, Shepherd glaubt nicht, dass sich für ihn etwas ändern werde. Und ob Shepherd deutsches Recht auf seiner Seite hat, ist ungewiss. Reinhard Marx, Shepherds Frankfurter Anwalt, beruft sich auf eine EU-Richtlinie, die die Genfer Flüchtlingskonvention auslegt und seit 2006 in Deutschland gilt. Sie besagt, dass ein Deserteur, der an Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Verbrechen gegen den Frieden beteiligt war, als verfolgt gilt und daher Asyl bekommen muss.

Um zu belegen, dass Shepherd im Irak in Kriegsverbrechen verwickelt gewesen sein muss, listet Marx die Einsätze der Apache-Helikopter auf, des wichtigsten Kampfhubschraubers bei Luftangriffen. Der Asylantrag für Shepherd liest sich wie eine Chronik von Kurzmeldungen aus dem Irakkrieg. 15 Tote in Sadr City nach einem Luftangriff, darunter Frauen und Kinder. – Fünf Frauen und ein Kind, als ein Haus aus der Luft angegriffen wird. – Auf neun Zivilisten wird aus der Luft das Feuer eröffnet. – Acht Menschen sterben, als ein Haus getroffen wird, darunter fünf Kinder derselben Familie.

Rechtsanwalt Marx ist zuversichtlich, dass sein Mandant Asyl bekommt. Zwar haben die Vereinten Nationen die Besatzung des Irak im Nachhinein per Resolution legitimiert, und unlängst wurde ein US-Soldat, der nach Kanada geflüchtet war und ähnlich argumentiert hatte wie André Shepherd, in die USA abgeschoben. Aber da ist noch der Fall des Bundeswehr-Majors Florian Pfaff. Der hatte sich geweigert, an der Entwicklung eines Computerprogramms zu arbeiten, das für Einsätze im Irak gedacht war. Das Bundesverwaltungsgericht gab ihm 2005 Recht. Er habe den Befehl verweigern dürfen, da es gegen den Irakkrieg „gravierende rechtliche Bedenken“ gebe.

Was passiert, wenn sein Antrag abgelehnt wird? „Dann werde ich an die Army ausgeliefert und komme in den Knast“, sagt André Shepherd. Ihm drohen eine Haftstrafe und die Abschiebung in die USA. Davor graut Shepherd am meisten. „Ich befürchte, dass sie sich an mir rächen werden.“ Für Fälle wie ihn gibt es eigene Gerichtssäle und Gefängnisse der US-Armee in Deutschland, so wie es hier Armee-Krankenhäuser gibt, in denen Irak-Veteranen behandelt werden, und Armee-Stützpunkte, von denen aus die amerikanischen Soldaten in den Irak geflogen werden. Über deutschen Luftraum. Und so erzählt Shepherds Fall auch davon: Dass Deutschland vom Irakkrieg nicht so unberührt ist, wie es oft den Eindruck macht.

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