US-Immobilienkrise : Harrys Häuser

Er ist Immobilienmakler, er muss vorsichtig sein. Er hat mit Verlierern der Weltfinanzkrise zu tun, die hier in Amerika ihren Anfang nahm. Aber auch mit den ersten Gewinnern.

Christoph Marschall[Manassas Park Virginia]

Der Anruf kam nicht unerwartet und doch ein wenig überraschend nach dem tagelangen Warten. „Wollen Sie noch immer ein Haus in Zwangsvollstreckung sehen?“ Harry sagte die Adresse durch. Seit über einer Woche waren wir im Kontakt. Harry ist der Freund eines Freundes, sonst wäre er vielleicht nicht so zugänglich gewesen. Er ist Makler, und die müssen in diesen Zeiten des Volkszorns über die Immobilienkrise vorsichtig sein. Begegnungen mit Harry gleichen Expeditionen tief hinein in die amerikanische Gesellschaft. Er hat mit Verlierern und Gewinnern des Zusammenbruchs zu tun. Er kennt die schmutzigen Klauseln der Kreditverträge. Und er vermittelt eine Ahnung davon, was der Crash für das Wirtschaftsleben einer ganzen Kleinstadt bedeutet. Denn die lebte bisher von den Grundsteuern. Die bleiben jetzt aus.

Eine knappe Stunde später stehen wir vor einem bescheidenen, anderthalbstöckigen Häuschen in Manassas Park, einer Schlafstadt am Rand des Großraums Washington DC, etwa 50 Kilometer westlich vom Weißen Haus. „Keine Klimaanlage, kein Keller und nur ein Bad, alles zusammen nicht mal 100 Quadratmeter“, sagt Harry. „Wir versuchen, es für 107 000 Dollar zu verkaufen. Aber wahrscheinlich ist es höchstens noch 90 000 wert.“ Der kräftige 51-Jährige mit Glatze erinnert entfernt an den Fernsehdetektiv Kojak, und er bittet erstmal ins Haus. Die Küche ist klein, das Wohnzimmer schmal, alles wirkt sauber und gepflegt, bis auf eine unregelmäßige Kratzspur in der Holztäfelung – als hätte ein Kleinkind mit einem scharfen Gegenstand dort die Reichweite seiner Ärmchen erprobt.

Harry tritt aus der Hintertür in den Garten und blickt auf das Herbstlaub, das im Sonnenlicht aus den Ästen der mächtigen alten Bäume herabsegelt. „Für die Kinder war das hier ein kleines Paradies. Ach, es ist eine Tragödie.“ Für einen Moment könnte man meinen, dass seine Augen feucht schimmern. „Ich bin bloß froh, dass José und Maria das Haus nicht von mir gekauft hatten.“

Harry musste den Besitzern die schlimme Botschaft überbringen: Zwangsvollstreckung. Die Bank hat die Firma seines Chefs mit der Abwicklung beauftragt. Harry spricht Spanisch, er hat ein Herz für Latinos, seine Frau stammt aus Nicaragua. Die Hausbesitzer, José und Maria, kamen aus Honduras – „Na, Sie können sich schon denken: illegale Einwanderer.“ Halt, korrigiert er sich. „Das sollte ich nicht sagen. Schreiben Sie: Mitbürger ohne Dokumente.“ José, 35, arbeitete auf dem Bau, „ich schätze mal, der brachte 35 000 Dollar im Jahr nach Hause“. Maria, 27, kümmerte sich um die drei Kinder. Vor anderthalb Jahren hatten sie das Haus für 330 000 Dollar gekauft, „natürlich ohne Eigenkapital und mit einer negativen Tilgungsklausel“.

Negative Tilgungsklausel? „Das war üblich in den Boomzeiten“, sagt Harry. José musste nur drei Prozent Zinsen direkt bedienen, obwohl der tatsächliche Zinssatz sechs Prozent betrug. Die anderen drei Prozent wollte sich die Bank holen, indem sie die Schuldsumme jedes Jahr um drei Prozent erhöhen würde. José sollte also gar nicht tilgen, sondern seine Verschuldung wuchs. Das fand niemand schlimm, so lange der Boom anhielt und der Wert des Hauses noch schneller wuchs als Josés Verschuldung.

Doch dann: zerbrach dieses System, aus der Immobilienblase wurde eine Immobilienkrise, die Preise sanken. Und in Josés Fall griff eine Vertragsklausel: Sobald die Verschuldung 115 Prozent des aktuellen Marktwerts übersteigt, wird aus der negativen Tilgung ein regulärer Kredit, den er mit jährlich sieben Prozent bedienen muss. Aus 900 Dollar Belastung monatlich wurden rund 2000 – und die konnten sich José und Maria nicht leisten. „Sie haben geweint, als ich sagte, dass sie aus dem Haus raus müssen, aber nach drei Gesprächen haben sie sich in ihr Schicksal gefügt.“

Wo sind sie heute? „I guess, they moved on.“

„Move on“, das kann man in diesen Tagen oft hören in Manassas Park, beim Autohändler, im Lebensmittelladen – und natürlich bei Harry. Es ist eine sehr amerikanische Art, mit dem Crash umzugehen: Es hat keinen Sinn zurückzuschauen, man muss weiterziehen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Es ist besser, das alte Kapitel abzuschließen und ein neues zu beginnen.

Ein ganz altes Kapitel in Manassas ist der amerikanische Bürgerkrieg. Eine seiner berühmtesten Schlachten wurde hier geschlagen. Es gab die Guten und die Bösen, die Täter und die Opfer, doch wer diese Rollen heute innehat, das lässt sich nicht ganz so leicht sagen wie damals, als es um Abschaffung oder Verteidigung der Sklaverei ging. Harry jedenfalls hat bereits bei den ersten Gesprächen gern die Perspektiven gewechselt. Was für die einen den Zusammenbruch bedeutet, eröffnet anderen neue Chancen.

Er erzählte von jungen Familien, die in den Boomjahren verzweifelten, weil sie sich von ihren bescheidenen Einstiegsgehältern kein Zuhause leisten konnten – jedenfalls so lange sie seriöse Kredite wünschten, die sie auch in Krisenzeiten bedienen können. Nun aber, sagt Harry, „kann ich Joe und Patsy ihren Traum erfüllen, weil einfache Häuser 100 000 und nicht mehr 300 000 kosten“.

Quer durch Manassas Park führt der Manassas Drive. Vom Auto aus kann man die Vorgärten sehen, kurz geschnittene Rasenflächen, und die Schilder mit den Aufschriften „Foreclosure“ – Zwangsvollstreckung –, „For sale“ oder „For rent“. In die Seelen ihrer Bewohner blickt man nicht. Im Westen liegen die Seitenstraßen mit den bescheidenen Häuschen ohne Keller und Klimaanlage, im Osten liegt der Golfplatz. Drumherum hat die weiße Mittelschicht in jüngeren Jahren zwei- bis dreistöckige Häuser gebaut, Preisklasse 600 000 bis 700 000 Dollar, im Boom, auch sie sind jetzt nur noch die Hälfte wert.

Harry hatte mehrfach davor gewarnt, auf eigene Faust das Gespräch mit Opfern der Krise zu suchen. „Das Klima da draußen ist zur Zeit ein bisschen roh.“ Bei manchen Häusern, deren Zwangsvollstreckung er abwickeln soll, öffnen die Besitzer mit Eisenstangen in der Hand.

Und dann sind da noch die Häuser, deren Bewohner die Flucht ergreifen, ehe die Bank sich meldet – vorher lassen sie aber ihrer Wut freien Lauf. „Drinnen stinkt es nach Urin, die Ausgüsse sind mit Zement verstopft, Wände wurden mit dem Vorschlaghammer eingedrückt.“

Harry fährt seit ein paar Wochen in einem alten rostigen Ford herum. Den habe er für 500 Dollar gekauft, sagt er. Sein besseres Auto lasse er vorsichtshalber in der Garage. Das ist jedenfalls die Version, wenn Harry Optimismus predigt – und das entspricht seinem Naturell mehr als das Klagen. Dann sagt er auch, für ihn laufe das Geschäft jetzt besser als früher. Der Wert der Häuser, die er vermittle, habe sich zwar mehr als halbiert – und damit auch seine Provision. Aber dafür verkaufe er jetzt mehr Objekte als zuvor. Von den einst 4000 Maklern hier im Nordwesten Virginias hätten nur 2000 überlebt.

In selteneren Momenten lässt Harry durchblicken, er habe seinen Lexus, einen Luxuswagen, weggegeben, weil der Unterhalt zu teuer wurde. Er hatte auch befürchtet, er müsse seine Kinder von der katholischen Privatschule nehmen. Aber der Direktor zeigte Verständnis für Harrys Lage: Er dürfe das Schuldgeld von 800 auf 300 Dollar pro Monat reduzieren, bis er wieder bei Kasse sei. Richtig weh tat die Trennung von einigen Schallplatten aus seiner Sammlung – Musik, Jazz, ist für Harry Hobby und Zweitberuf. Blue Note Records 1588, Sonny Clark, „Cool Struttin’“, schwärmt er. 4000 Dollar hat ihm der Verkauf eingebracht.

Die Hauptschuld an der Krise gibt Harry der Politik, freilich weniger Präsident George W. Bush als vielmehr den Demokraten im Kongress. Die hätten Immobilienkreditriesen wie Fannie Mae und Freddie Mac gedrängt, allen Leuten billige Kredite zu geben, und die Ablehnung der nicht kreditwürdigen Kunden als „Diskriminierung“ verfolgt. Ein McCain-Palin-Aufkleber ziert Harrys Ford.

In der Mitte des Manassas Drive, an der Kreuzung mit der Centreville Road, liegt das Autogeschäft Peter Farrell Supercars. Im Vorführraum stehen ein roter Porsche, ein schwarzes Mercedes Cabrio und ein dunkelblauer BMW. Draußen auf dem Hof werden bejahrte Alltagswagen angeboten. Peter Farrell, ein 51-Jähriger mit Sommersprossen, sagt: „Noch vor kurzem war die Preisklasse 30 000 Dollar und höher unser Kerngeschäft. Jetzt machen wir unseren Umsatz mit Autos für 5000 bis 10 000 Dollar.“ Farrell stammt aus Neuseeland, 1984 war er in die USA gekommen, um Autorallyes zu fahren. Stolz verweist er auf die Pokale im Regal und ein Bild an der Wand, das ihn in einem Mercedes-Tourenwagen auf dem Hockenheimring zeigt. 2006 hat er das Geschäft in Manassas aufgemacht.

Er sagt, er hat die Krise kommen sehen und sich rechtzeitig umgestellt. Viele Autohändler seien Pleite gegangen, er nicht – weil er mit Banken kooperiere, die seinen Kunden weiter Kredit geben. Das Geschäft sei mühsamer geworden, wegen all des Papierkrams. Die Banken verlangen Gehaltsnachweise von Privatleuten und Umsatzbescheinigungen von Geschäftskunden, zur Sicherheit.

Politisch dagegen könnte man Peter Farrell einen Krisengewinnler nennen. Er kandidiert für den Stadtrat, als erster Demokrat seit 22 Jahren. Bisher war Manassas Park republikanisches Territorium. Wenn er die Wahl gewinne, werde das wohl sein letzter Glücksmoment auf absehbare Zeit, prognostiziert er. „2009 bringt ein finanzielles Blutbad für die Stadt.“ Die Einnahmen brechen weg, Manassas habe zu sehr auf den Immobilienboom gesetzt.

„You have to move on“, sagt auch er. Sein Wahlprogramm: „Wir müssen wirtschaftsfreundlicher werden und Unternehmern den Erfolg erleichtern.“ Dann können Einnahmen aus der Sales Tax die fehlenden Grundsteuern ausgleichen.

In der Shopping Mall einen Block weiter wartet Nelson im „Mercado Hispano“ auf Kunden. Um 40 Prozent sei sein Umsatz in den vergangenen Monaten gesunken, sagt der stämmige 31-Jährige, der einst aus El Salvador kam. Er hat die Angestellten entlassen und steht jetzt von 9 Uhr morgens bis 21 Uhr abends selbst an der Theke. „Erfolg“, sagt er, „misst sich heute nicht daran, wie viel Gewinn man macht. Erfolg heißt jetzt, zu überleben.“

Einen Gewinner gibt es dann doch noch: das Bankhaus Burke & Herbert, das seit Bürgerkriegszeiten in der Inhaberfamilie von Generation zu Generation weitergereicht wird. Die neumodischen Finanzmethoden wie „negative Tilgung“ hat die Bank nicht mitgemacht. Ihre Rendite blieb hinter der großer Konkurrenten wie Wachovia zurück, aber Vertrauen und Kundennähe hat sie sich bewahrt. Die Bürger von Manassas verlegen jetzt massenhaft ihre Konten zurück zu Burke & Herbert – und das gewiss nicht nur deshalb, weil für Kunden mit Vierbeinern dort stets eine Schüssel mit Hundekuchen am altmodischen Holztresen wartet.

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