Zeitung Heute : US-Unternehmer über Investitionen in Russland - Prämien für drohende Kapitalvernichtung

Ralf Schönball

Für Jerry Speyer, Gesellschafter eines der größten internationalen Entwickler von Immobilien, ist der Fall klar: "Für Kapital ist die Glaubwürdigkeit entscheidend." So kämen für sein Unternehmen Geschäfte in Russland so lange nicht in Frage, wie das Land seine Staatsverschuldung nicht im Griff, mithin seine Währung nicht stabilisiert habe. Anders hält es sein Landsmann und neben Speyer wohl namhaftester Immobilienty-coon: der 70jährige Gerald Hines. Er ging ins Risiko mit einigen Wohnungsbauprojekten in Russland. Wagemutig oder übermütig?

"Moskau muss teilhaben an der Weltwirtschaft", sagt Vladimir Ressine, Premierminister in der russischen Hauptstadt. Mochte auch einiges an Emphase im Wort des Ministers mitschwingen, seine Rede anlässlich einer Diskussionsrunde unter Fachleuchten nahm sich weiten Teils aus wie einst programmatische Deklamationen vor dem Politbüro der KPDSU. Wer sie verstehen wollte, mühte sich ab, zwischen den Zeilen zu lesen. Und wem der Glaube nicht fehlte, mochte dabei manche Botschaft hören. Einer der wenigen konkreten Inhalte von Ressines Worten: Gemeinsam mit der Harvard-Universität wagen die Moskowiten dieser Tage ein Pilotprojekt zur Privatisierung von Wohnungen. Pikant an der Angelegenheit: Grundeigentum ist in Moskau nicht käuflich zu erwerben. So stellte sich mancher die Frage, wie ein Immobilienmarkt funktionieren soll, wenn dessen Fundament, die Beleihung des Grundeigentums durch Hypotheken, nicht gelegt werden kann.

"Wir bereiten ein Gesetz vor, dass das Eigentum von Investoren absichert", sagte Ressine. Details waren ihm auf der Podiumsdiskussion trotz hartnäckiger Nachfragen nicht zu entlocken. Daran änderte auch der deutliche Fingerzeig von Immobilienmogul Gerald Hines nichts, wonach "die Beleihung von Grundstücken essentiell für den Immobilienmarkt sind." Doch für Ressine steht fest: "Der Verkauf von Wohnungen bleibt Sache der Stadt." Sie übernimmt auch im Fall des Pilotprojektes die Initiative: Der Verwaltung dürfen 200 Moskowiten ihre Wohnungen abkaufen für einen Gegenwert von umgerechnet rund 2600 DM pro Quadratmeter. Wie erfolgreich dieses Pilotprojekt sein wird, davon dürfte die Zukunft der Privatisierung von Wohneigentum in Moskau überhaupt abhängen. Zumindest versteht der Minister das Projekt als maßgeblichen Schritt "in unserer Übergangsphase von der Plan- zur Marktwirtschaft."

Dass sich der Politiker schwer tut, die Siebenmeilenstiefel überzustreifen, erklärt er so: Jahrzehnte hätten die Menschen im real existierenden Sozialismus ein verbrieftes Recht auf eine Wohnung. Dafür hätten sie wenig, zum Teil auch gar nichts bezahlt. Kündigungen habe es nicht gegeben. Und diese Gepflogenheiten wirken heute offenbar noch nach: "Ein Problem wird es sein, den Vertrag zu kündigen, wenn ein Eigentümer seine Hypothekenraten nicht mehr bedient", sagt Ressine. Ob rechtliche oder politische Hindernisse einem Durchgriff gegenüber säumigen Schuldnern im Wege stehen, ließ der Minister offen.

Unwägbarkeiten dieser Art erklären wohl auch, warum die Renditen in Russland exorbitant sind: In gut drei Jahren amortisiere sich eine Immobilieninvestition, so die Experten auf dem Podium. Das wären Renditen in den USA, wo das "Return on Investment" ohnedies bereits viel früher erreicht ist als beispielsweise in Deutschland. Für Vladimir Ressine sind diese hohen Renditen ein Standortfaktor: So rief er ein herzliches Willkommen den im Auditorium versammelten internationalen Investoren zu. Nur Moderator Geoffrey Hamilton ließ es sich nicht nehmen, an das marktwirtschaftliche Einmaleins zu erinnern: Hohe Renditen versprächen zwar, dass das eingesetzte Kapital zügig refinanziert sei, so der Europa-Beauftragte der UNO-Wirtschaftskommission, die Kehrseite seien aber die in den Renditen gespiegelten hohen Risiken - Belohnung für eingesetztes Risikokapital nennen das Optimisten, Zyniker sprechen von Prämien für die bevorstehende Kapitalvernichtung.

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