US-Vorwahl : Ein Tag wie kein anderer

Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Demokraten Hillary Clinton und Barack Obama begeistert selbst politikverdrossene junge Amerikaner. Heute wird gleichzeitig in über 20 US-Staaten gewählt - und am Ende steht möglicherweise schon ein Sieger fest. Alle Welt erwartet mit Spannung den Super Tuesday. Aber worum geht es dabei genau?

Christoph Marschall[Washington]

Wie wichtig ist der Super Tuesday?

Amerika bemüht die Wucht eines Seebebens, um die Bedeutung dieses Wahltags zu beschreiben: „Tsunami Tuesday“. In mehr als 20 Staaten stimmen die Bürger heute ab, wer für die Demokraten und wer für die Republikaner bei der Präsidentenwahl am 4. November antreten soll. Anders als in Deutschland entscheiden das nicht Parteigremien oder – wie teilweise bei den Grünen oder der SPD – nur Parteimitglieder. Ganz basisdemokratisch haben die Bürger ein Mitspracherecht bei der Kandidatenkür.

Im Prinzip kann dieser Dienstag schon die Entscheidung bringen. Bei den Demokraten wird mehr als die Hälfte der Delegiertenstimmen für den Nominierungsparteitag vergeben: 2075. Theoretisch könnte Hillary Clinton oder Barack Obama heute 2025 Delegierte für sich gewinnen, was der absoluten Mehrheit entspricht, zumal beide bereits in Iowa, New Hampshire, Nevada und South Carolina Stimmen gesammelt haben. In der Praxis wird ein Rennen Kopf an Kopf erwartet, das sich noch über Wochen und Monate hinziehen kann. Nach der jüngsten CBSUmfrage kommen Clinton und Obama jetzt landesweit auf je 41 Prozent Zustimmung. Vor wenigen Wochen führte Clinton noch mit zweistelligem Prozentsatz.

Bei den Republikanern wird dagegen schon heute mit einer Vorentscheidung gerechnet. Der moderat konservative Senator John McCain geht als hoher Favorit in den Tsunami Tuesday. Die Konservativen vergeben heute 1081 Delegiertenstimmen. 1191 sind für die absolute Mehrheit erforderlich.

So viele Staaten, so früh im Kalender: Das hat es in der Geschichte der USA noch nicht gegeben. 2000 wählten nur zehn, 2004 16 Staaten am Super Tuesday, und der lag damals Anfang März. Diesmal drängten so viele Staaten auf einen frühen Termin, weil die Erfahrung den Schluss nahelegt: Je früher ein Staat wählt, desto größer sein Einfluss auf die Kandidatenkür. Wer spät dran ist, riskiert Bedeutungslosigkeit, denn ein Bewerber könnte bereits die absolute Mehrheit der Delegierten haben, wenn die späten Staaten im Mai oder Juni ihre Vorwahlen abhalten. Ironischerweise geht nun von 2008 vermutlich das umgekehrte Signal aus: Nach den Vorwahlen in den frühen Staaten herrscht eine Patt zwischen Clinton und Obama. Die späten Staaten werden zum Zünglein an der Waage. Wer zu früh kommt, den bestraft – wer spät dran ist, den belohnt das Leben.

Wie laufen die Vorwahlen genau ab?

Amerika kennt kein nationales Wahlrecht. Jeder Bundesstaat entscheidet, wie und wann er Vorwahlen abhält. In manchen Staaten stimmen Demokraten und Republikaner an verschiedenen Tagen ab. Daher die unterschiedlichen Angaben, ob heute 22 oder 24 Staaten wählen. Tatsächlich gehen die Bürger in 24 Staaten zur Wahl.Da aber fünf „eine halbe Vorwahl“ abhalten – nur die Demokraten oder nur die Republikaner –, entspricht das in der gerundeten Summe 22 Vorwahlen in beiden Parteien.

Außerdem gibt es zwei Typen von Vorwahlen: Der „Caucus“ ist eine von der regionalen Parteiführung organisierte Versammlung der Parteianhänger zu einer festen Stunde, meist abends, in einer Turnhalle, einem Kino oder einem Mehrzweckraum. Die „Primary“ ist vom Staat organisiert, abgestimmt wird in Wahllokalen, die von morgens bis abends geöffnet haben. Hier sind alle Bürger wahlberechtigt, auch wenn sie sich nicht als Anhänger einer der beiden Parteien melden.

Die Berechnung der Delegierten ist in beiden Parteien unterschiedlich. Die Demokraten verteilen sie proportional zum Ergebnis im jeweiligen Staat. Bei den Republikanern gibt es in manchen Staaten eine „The winner takes it all“-Regel, dort gehen die schlechter Platzierten leer aus.



Wie stehen die Kandidaten in den wichtigsten Staaten da?

Die USA sind ein höchst unterschiedliches Land mit regional abweichender politischer Kultur. Die Küstenstaaten am Atlantik und Pazifik sind liberaler, die Mitte des Kontinents konservativer. Im Norden und Osten ist die Parteidisziplin und die ideologische Loyalität tendenziell höher. Im Westen herrscht ein toleranteres Lebensgefühl gegenüber Andersdenkenden und Minderheiten.

Besonderes Gewicht haben wegen ihrer Bevölkerungszahl und Delegiertenstimmen Kalifornien, wo 37 Millionen der 300 Millionen Amerikaner leben, der Staat New York (19 Millionen) und New Jersey (7 Millionen). In New York hat Hillary Clinton Heimvorteil, im benachbarten New Jersey lag sie vorn, doch nun scheint das Rennen auch dort enger zu werden. Barack Obama führt neuerdings in manchen Umfragen für Kalifornien. Da kommt ihm die Unterstützung durch Prominente zugute, die für ihn Wahlkampf führen: Maria Shriver aus dem Kennedyclan und Ehefrau des republikanischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger, die schwarze Talkshow-Queen Oprah Winfrey und Senator Ted Kennedy, der bei Hispanics beliebt ist und deren Rassenvorbehalte gegen den Afroamerikaner Obama überwinden möchte. Obama liegt in Staaten mit hohem Schwarzenanteil wie Georgia vorn und in liberalen Staaten wie Arizona.

Generell hat Clinton heute strukturelle Vorteile. Sie kann eher auf die Hispanics zählen, die größte Minderheit im Lande, und auf die große weiße Arbeiterschaft. Sie schneidet bei Frauen besser ab, Obama bei Männern. Jüngere Wähler sind seine Fans, Ältere ihre Anhänger. Wie sich alle diese Faktoren in der Summe des Super Tuesday auswirken, ist eine offene Frage. Wie schnell Siegertypen stürzen können, haben die Amerikaner am Sonntag erlebt. Die „Super Bowl“, das Endspiel der Football-Meisterschaft, gewannen nicht die favorisierten New England Patriots, sondern die New York Giants.

John McCains Führung bei den Republikanern ist klarer, auch weil der Zweite in den Umfragen, Mitt Romney, und der Dritte, Mike Huckabee, sich im Werben um den rechten Parteiflügel gegenseitig blockieren. Die Bewerber können nicht gleichzeitig in mehr als 20 Staaten auftreten. Jede(r) musste seine Prioritäten setzen – und läuft Gefahr, die Staaten an Konkurrenten zu verlieren, die er oder sie nicht persönlich umworben hat.

Welche Szenarien sind nach dem Super Tuesday möglich?

Fachleute prognostizieren, dass das Rennen bei den Republikanern dann so gut wie entschieden sein dürfte, bei den Demokraten es aber noch länger offen ist. 28 weitere Vorwahltermine folgen, darunter in so großen Staaten wie Texas und so bevölkerungsreichen wie Pennsylvania. Im Extremfall gewinnen weder Clinton noch Obama die absolute Mehrheit der Delegierten vor dem Nominierungsparteitag Ende August.

Nach jüngsten Umfragen zu potenziellen Duellen in der Hauptwahl hat Barack Obama bessere Siegchancen als Hillary Clinton. Laut „Washington Post“ würde Clinton nach heutigem Stand gegen John McCain 46 zu 49 verlieren, Obama dagegen 49 zu 46 gegen McCain gewinnen. Gegen einen Kandidaten Mitt Romney würden beide Demokraten siegen, Obama jedoch mit 59 zu 34 klarer als Clinton (53 zu 41). Bis November kann freilich noch viel passieren, was die Stimmungen und Sympathien verschiebt.

Aktuelle Ergebnisse und Analysen rund um den Super Tuesday finden Sie ab Mittwochmorgen in unserer Onlineausgabe.

www.tagesspiegel.de/us-wahl

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