US-Vorwahlen : Auf eigene Rechnung

Auch zwei Tage nach dem Super Tuesday ist nicht wirklich klar, wie viele Delegierte Hillary Clinton und Barack Obama auf sich vereinen können. Wie verändert der Wahltag das Rennen zwischen den beiden Bewerbern?

Christoph Marschall[Washington]

Der politische Witz über Russland besagt: Das Ergebnis stehe fest, nun könne die Wahl beginnen. In den USA ist es umgekehrt. Selbst Tage nach Schließung der Wahllokale steht das Resultat nicht fest. Als Beleg muss man nicht einmal die Hängepartie Florida bei der Präsidentenwahl 2000 bemühen.

Am Donnerstag rätselte das Land weiter, wer denn nun den Super Tuesday in über 20 US-Staaten gewonnen habe. Entscheidend ist die Summe der Delegierten für den Nominierungsparteitag. Doch die Regeln für die Umrechnung von Wähler- in Delegiertenstimmen variieren von Staat zu Staat. Außerdem halten es Republikaner und Demokraten unterschiedlich. Deshalb nennen TV-Anstalten und Zeitungen verschiedene Zahlen. Große Blätter wie die „New York Times“ erklären ihren Lesern auf Doppelseiten Hintergründe der Differenzen: Nevada hat zwar gewählt, aber die offizielle Verteilung der Delegierten folgt erst im April. Minnesota hat noch keine offiziellen Daten herausgegeben. In Colorado, Idaho, North Dakota und Alaska sind die gewählten Delegierten nicht an das Wählervotum gebunden, sie dürfen nach Gewissen entscheiden. Und je nach regionalem Resultat werden dann nochmals „Superdelegierte“ vergeben, die grundsätzlich frei entscheiden dürfen. Viele dieser Faktoren müssen die Medien mangels offizieller Daten schätzen.

Klar ist bei den Republikanern: John McCain liegt weit vor Mitt Romney und Mike Huckabee. Die geschätzten Delegiertenzahlen differieren beträchtlich, machen aber keinen Unterschied im Gesamtbild aus. Die „New York Times“ rechnet die Ergebnisse des Super Tuesday in 689 Delegierte für McCain, 156 für Huckabee und 133 für Romney um, die „Washington Post“ in 605 für McCain, 152 für Huckabee, 201 für Romney. 1191 Delegierte benötigt ein Republikaner für die Nominierung. Bei den Demokraten, wo das Rennen viel enger verläuft, verändern solche Abweichungen dagegen die Wahrnehmung von Sieger und Verlierer. Der TV-Sender MSNBC sieht Obama 738 zu 734 vor Clinton, die „New York Times“ umgekehrt Clinton mit 892 zu 716 vor Obama, die „Washington Post“ errechnet unter Einbeziehung der Superdelegierten 1045 für Clinton und 960 für Obama.

Einig sind sich die Medien aber in der Bewertung: Nichts ist entschieden, Obama sei in „striking distance“, könne Clinton also noch leicht abfangen. 2025 Delegierte sind erforderlich für die absolute Mehrheit beim Parteitag der Demokraten. Und 2429 werden noch in den verbleibenden Vorwahlen vergeben.

Der Super Tuesday hat die Psychologie des Rennens verändert. Für Hillary Clinton rächt es sich nun, dass sie sich über ein Jahr lang als klare Favoritin und eigentlich unvermeidliche Kandidatin präsentierte, der die Nominierung am Ende automatisch zufalle. Auch ihre Finanzplanung hatte sie offenbar darauf abgestellt, nach dem Super Tuesday einen kaum noch einholbaren Vorsprung zu haben. Nun gestand sie bei einer Pressekonferenz, dass das Geld knapp werde. Obama warb allein im Januar 32 Millionen Dollar Spenden ein, sie nur 13. Fünf Millionen Dollar hat die Privatfrau Clinton deshalb nun der Kandidatin Hillary aus ihrem Privatvermögen „geliehen“. Das sei aber gut angelegtes Geld, sagte sie ein wenig trotzig. Sie habe damit den Super Tuesday gewonnen.

Zugleich aber ändert sie ihre Selbstdarstellung und verwickelt sich so in Widersprüche. Sie sei nun der „Underdog“ und „Obama der Kandidat des Establishments“, behauptete Clinton auf derselben Pressekonferenz. Seit Jahr und Tag hatte sie auf ihre Erfahrung und ihre Verbindungen zum Establishment der Partei, der Wirtschaft und der Politik gepocht. Je länger Barack Obama das Rennen offen halten kann, desto mehr wird er nun zum Favoriten.

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