US-Vorwahlen : Die Macht der Hintermänner

Clinton gegen Obama – der Kampf wird härter. Nun bearbeiten die Kandidaten selbst Hinterbänkler wie nie zuvor. Denn jetzt entscheiden nicht mehr nur Bürger, sondern Superdelegierte, wer für die Demokraten ins Rennen um die Präsidentschaft geht.

Christoph von Marschall
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Der Schatten des Kandidaten. Barack Obama muss inzwischen nicht allein bei Bürgern um Stimmen werben. In Philadelphia hat sich...Foto: AFP

Philadelphia/Pennsylvania Er hat sich noch nicht entschieden. Zumindest sagt er das. Sicher ist nur, dass sie ihn beide angerufen haben. Und dass Barack Obama schneller war. „Er hat sich schon im Sommer 2007 gemeldet, Hillary im Februar 2008“, sagt Jason Altmire. Seit Anfang März nun rufen beide Lager regelmäßig bei ihm an. Als „äußerst schmeichelhaft“ beschreibt er den Inhalt der Gespräche. Deutlicher wird er nicht.

Selten werden selbst Kongress-Hinterbänkler so bearbeitet. Aber sie sind ja auch noch nie Königsmacher gewesen. Altmire ist einer der rund 800 Superdelegierten beim Parteitag der Demokraten Ende August in Denver. Wenn nach Ende aller Vorwahlen weder Obama noch Clinton die 2025 Delegierten hinter sich haben, die für die Nominierung als Präsidentschaftskandidat nötig sind, dann geben die Superdelegierten den Ausschlag. 2008 wird das wohl zum ersten Mal in Amerikas Geschichte passieren. So knapp ist das Rennen zwischen Obama und Clinton inzwischen.

Superdelegierter wird man durch ein Amt

Früher schälte sich in den Vorwahlen ein klarer Favorit heraus, die Nominierung durch den Parteitag war nur noch Formsache. In den Vorwahlen stimmen die Bürger Staat für Staat über den Wunschkandidaten ihrer Partei ab. Das Ergebnis wird in eine Zahl von Delegierten für die einzelnen Kandidaten umgerechnet. Superdelegierte dagegen verdanken ihre Rolle einem Amt – als Abgeordneter, Senator, Gouverneur eines Bundesstaates oder als hoher Parteifunktionär.

Und so führen Clinton und Obama den Wahlkampf längst auf zwei Ebenen, derzeit in Pennsylvania, das heute seine Vorwahl abhält: Sie umwerben die Bürger. Und sie ringen um die Superdelegierten.

Hillary habe sich zwei Mal mit ihm in Washington getroffen, sagt Altmire. Auch ihr Mann Bill habe angerufen. Und Obama suche ebenfalls den persönlichen Kontakt.

Die Wähler des "Rostgürtels" sehen sich als Verlierer

Aber Altmire hat sich entschlossen, erst einmal neutral zu bleiben. Er ist 40 Jahre alt, Parlamentsneuling und vertritt einen Wahlkreis im Nordwesten Pennsylvanias, an der Grenze zu Ohio. „Viele Arbeiter, alte Industrien“, sagt er. Solche Gegenden nennt man auch rust belt, „Rostgürtel“. Die Wähler fühlen sich als Opfer des Strukturwandels und sind „in überwältigender Mehrheit für Hillary“.

Seine offizielle Begründung, warum er keine Präferenz erklärt: Die Vorwahlen seien der Prozess der Kandidatenfindung. Es wäre unfair, ihn durch vorzeitige Parteinahme zu beenden. Erst sollten alle Bürger die Chance haben abzustimmen.

Wäre es möglich, dass Jason Altmire sich zurückhält, weil die Wähler in seinem Bezirk Hillary bevorzugen, er selbst aber für Obama ist – oder zumindest glaubt, dass der am Ende Kandidat wird? Schließlich wird am 4. November nicht nur ein neuer Präsident gewählt. Auch die 435 Kongressabgeordneten müssen sich der Wahl stellen. Altmire antwortet mit einem sibyllinischen Lächeln: „Auch das könnte eine Rolle spielen.“

Obama hatte gegen, Hillary für den Irakkrieg gestimmt

Patrick Murphy hat sich bereits vor acht Monaten festgelegt – auf Barack Obama. Der 34 Jahre alte Hauptmann einer Fallschirmspringereinheit ist der einzige Abgeordnete mit Irakerfahrung. Auch er wurde erst 2006 gewählt, als Befürworter eines zügigen Abzugs. „Als ich aus Bagdad zurückkam, wusste ich, dass wir eine neue Richtung einschlagen müssen“, begründete er im August 2007 seine Parteinahme für Obama. Der war von Anfang an gegen den Irakkrieg gewesen. Hillary Clinton hatte für den Feldzug gestimmt.

Die offene Parteinahme als Superdelegierter war durchaus mutig, denn sie kann die eigenen Wahlaussichten mindern. Der lange und zunehmend persönlich geführte Kampf um die Kandidatur spaltet die Demokratische Partei in Obama- und Clinton-Befürworter. Murphy hat den Wahlkreis 8 nordöstlich von Philadelphia mit einer Mehrheit von nur 1024 Wählerstimmen gewonnen. In den 14 Jahren zuvor votierten die Bürger dort republikanisch.

Wenn ihn je Sorgen plagten, sein Bekenntnis zu Obama könne ihn 2008 die Wiederwahl kosten, dann haben sie sich seit Freitag wohl verflüchtigt. Da stand er neben Obama im Jubel von 35 000 Anhängern vor der Independence Hall in Philadelphia. Sie ist der Geburtsort der amerikanischen Nation. 1776 wurde hier die Unabhängigkeit von Großbritannien erklärt, hier tagte die verfassungsgebende Versammlung. Und nun waren mehr Menschen als je zuvor in der Geschichte der US-Vorwahlen zu einem Wahlkampfauftritt gekommen. Sie jubelten Obama zu und damit auch Murphy. Noch Stunden später zogen begeisterte Anhänger in Obama-T-Shirts durch die Straßen und skandierten „O-ba-ma“ oder seinen Slogan „Yes, we can“.

Das Recht auf Waffen ist ihnen heilig

Was Murphy in Pennsylvania für Obama ist, bedeutet Joe Sestak für Clinton. Er vertritt einen Wahlkreis auf der anderen Seite der Großstadt Philadelphia, im Südwesten. „Arbeiter, Vorstädte der unteren Mittelklasse, die Menschen haben in den Bush-Jahren einen realen Einkommensverlust erlebt“, beschreibt Sestak seine Wähler. „Sie sind höchst emotional, wenn es um Amerikas Werte geht. Deshalb mögen sie Clinton so sehr.“ Das soll heißen: Sie sind religiös; die Jagd und das Recht, Waffen zu tragen, sind ihnen wichtig.

Sestak begleitet Clinton bei vielen ihrer Auftritte – um die Wähler in Pennsylvania und um die unentschiedenen Superdelegierten zu beeindrucken. Bei der Fernsehdebatte am vergangenen Mittwoch hob Hillary hervor, dass er im Publikum sitzt und sie unterstützt – woraufhin die Kameras prompt auf ihn schwenkten.

Sestak ist der ranghöchste Militär im Kongress. Unter Bill Clinton hat der Admiral die Verteidigungspolitik im Nationalen Sicherheitsrat konzipiert. „Guten Tag“, sagt er zum Auftakt des Gesprächs auf Deutsch. Und zum Abschluss wünscht er ein „schönes Wochenende!“, erkundigt sich aber vorsichtshalber auf Englisch: „Habe ich das richtig gesagt?“ Dazwischen begründet er engagiert seine Vorliebe. „Hillary wird schneller spürbaren Wandel nach den Bush-Jahren bringen, sie hat mehr Erfahrung.“

Hillarys letzte Hoffnung sind die Superdelegierten - doch es sieht nicht gut aus

Die Wahlkampfhilfe durch populäre Politiker der Region ist viel wert. In Pennsylvania hat Hillary größeren Rückhalt unter den Superdelegierten als Obama. Michael Nutter zum Beispiel, den schwarzen Bürgermeister von Philadelphia. Und wenn Sestak in den jüngsten Wochen einmal nicht konnte, reiste Gouverneur Edward Rendell mit ihr durch den „Keystone State“: den Staat, der sich als historischer Grundstein der USA versteht.

Für Hillary sind die Superdelegierten die letzte Hoffnung, Obama doch noch die Kandidatur zu entreißen. Er liegt nach Delegierten 1635 zu 1474 vorne. Er führt bei der Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen mit 717 000. Er hat mehr Staaten gewonnen als sie. Diesen Vorsprung kann Hillary in den verbleibenden zehn Vorwahlen nicht mehr einholen. Sie kann nur darauf setzen, dass die Superdelegierten sie dennoch zur Kandidatin machen – weil sie ihr eher zutrauen, den Republikaner John McCain zu schlagen. Sie braucht klare Siege: heute in Pennsylvania sowie am 6. Mai in Indiana und North Carolina.

Doch auch bei den Superdelegierten läuft es nicht gut für Hillary. Unter denen, die sich bereits erklärt haben, hat sie noch einen Vorsprung. Das entspricht der Erwartung, die Clintons hätten enormen Einfluss im Parteiapparat. Doch seit dem 5. Februar ist diese Führung dramatisch geschmolzen. Am Super Tuesday wollte sie sich mit einem klaren Sieg die Kandidatur sichern. Das misslang, Obama konnte das Rennen offen halten. Danach gelangen ihm zwölf Siege in Folge. 80 Superdelegierte haben sich seither für ihn erklärt, nur fünf für sie. Laut „New York Times“ steht es jetzt 224 zu 217 für sie.

Ein Abtrünniger wird als "Judas" beschimpft

Einige, die sie bereits sicher zu haben glaubte, sind zu Obama übergelaufen: New Mexikos Gouverneur Bill Richardson zum Beispiel, einst Energieminister unter Bill Clinton. Clinton-Anhänger beschimpften ihn daraufhin als „Judas“. Auch Robert Reich, Bills Arbeitsminister. Claire McCaskill, Senatorin von Missouri. Und jüngst Nancy Larson aus der Parteiführung. Fast herzbrechend seien die Anrufe der Clinton-Tochter Chelsea, sagt Larson. Chelsea führt in Pennsylvania unermüdlich Wahlkampf für ihre Mutter. Sie könne einfach nicht verstehen, warum langjährige Weggefährten Hillary jetzt im Stich ließen.

Auch Obamas Gegenstrategie zielt doppelt: auf Pennsylvanias Wähler und zugleich auf die Superdelegierten. Er muss den Staat nicht gewinnen, dessen Sozialstruktur Hillary begünstigt. Er muss nur verhindern, dass sie einen Erdrutschsieg landet – und dabei möglichst präsidial wirken. Also reist auch er kreuz und quer durch den Staat, begleitet von seinen Superdelegierten: neben Murphy ist das Pennsylvanias Senator Bob Casey. Er tritt in der Kleinstadt Williamsport mitten im Staat auf, tief in Hillarys Arbeiter- und Jäger-Territorium, auch wenn er dort keine Siegeschance hat. Hauptsache, er dämpft hier ihren Vorsprung. Er tingelt im Sonderzug mit dem antikem Salonwagen „Georgia“ von Ort zu Ort an der Bahnlinie Philadelphia-Pittsburgh. Die Bilder sollen die Erinnerung an die Wahlkämpfe großer Präsidenten im Eisenbahnzeitalter heraufbeschwören. Wenn Clinton Pennsylvania mit weniger als zehn Prozent Vorsprung gewinnt, kann sie ihm kaum mehr gefährlich werden.

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