US-Vorwahlen : Duell im Westen

In Kalifornien hatte sie sie für sich gewonnen: die Einwanderer aus dem Süden. Heute wählt nun auch Texas – und Hillary Clinton braucht die Latinos dringender denn je. Sie sind ihre „Brandmauer“ gegen die flammende Obama-Begeisterung. Und womöglich ihre einzige Chance

Christoph Marschall[San Antonio Texas]

Davila’s Pharmacy ist eine Institution in San Antonios armem Latinoviertel Las Palmas. Und ihr Inhaber Rudy Davila III. ist eine Respektsperson. Großvater Rudy Davila der Erste hatte den Familienbetrieb 1905 gegründet, Vater Rudy der Zweite hatte daraus dann die dominierende Apotheke der Gegend gemacht. Und unter dem heute 40-jährigen Rudy III. ist sie zum Großbetrieb gewachsen, mit Arzneimittelversand und Callcenter für Gesundheitsbeschwerden. 85 Menschen finden hier Arbeit. Auch eine ärztliche Gemeinschaftspraxis ist angeschlossen, die Räume sind von Davila gemietet. Ihm gehört der ganze moderne Geschäftskomplex, der einen halben Straßenblock gleich neben der „Plaza“ einnimmt, dem Einkaufszentrum und Herzen des Viertels.

Rudy III. war ein Clinton-Anhänger – bis vor zwei Wochen, als Barack Obama zu einer Kundgebung mittags auf die Plaza kam. „Ich zeige Ihnen mal schnell die Fotos“, sagt er und lotst den Besucher aus dem Verkaufsraum in sein Büro. Während er den Laptop hochfährt, erzählt er von der Zeit vor dem denkwürdigen 19. Februar. Sein Aufstieg zum reichen Geschäftsmann wurde durch den Wirtschaftsaufschwung in Bill Clintons Präsidentschaft, 1992 bis 2000, begünstigt. Auch in Las Palmas hat sich in jenen acht Jahren vieles verbessert. „Als die Familie vor einem Jahr beriet, wen sie in der Präsidentenwahl 2008 unterstützen soll, kamen nur zwei Namen in Betracht: Hillary Clinton oder John Edwards, weil der eine soziale Ader hat. Die meisten Leute hier sind doch entweder einfache Arbeiter – oder arbeitslos.“

Nun klickt Davila auf die Fotos in seinem Laptop und redet sich in wachsende Begeisterung. „Schauen Sie hier: Stunden vorher stellten sich die Ersten an. Und da: Die Schlange reicht die ganze Straße hinunter, am Ende war sie über zwei Kilometer lang. Einfach unglaublich, Tausende kamen nur seinetwegen.“ Davila hörte sich also an, was Obama zu sagen hatte. Dass Amerika es besser könne als unter Bush, dass das Land sich auf seine Ideale besinnen und jedem eine Chance geben müsse, auch denen ganz unten wie hier in Las Palmas. Und wie so viele vor ihm war Davila bezaubert von Obamas Charisma. Er sah, wie Obama die Herzen gewann. Er sagt: „Ich glaube noch immer, dass Hillary von der Erfahrung her die bessere Kandidatin wäre. Aber Obama ist einfach inspirierender und wird die USA stärker verändern. Mich hat er dazu gebracht, die Fahne zu wechseln.“

Der Ernst der Lage

Drei Kilometer weiter südlich, Richtung Innenstadt, liegt Hillary Clintons örtliches Wahlkampfbüro. Ray Gonzales junior, 64, ein stämmiger pensionierter Versicherungsagent, ist gerade hereingekommen. Der freiwillige Wahlhelfer mosert über den Stand der Vorbereitungen. Er kennt den Ernst der Lage.

Vier Staaten halten heute Vorwahlen ab. In Texas und Ohio, den beiden großen, muss Hillary gewinnen, wenn sie im Rennen bleiben will. Das Ziel hat Ehemann Bill ausgegeben.

Seither versuchen Hillarys Sprecher das geradezurücken, denn die Umfragen machen diesen Doppelsieg nicht eben wahrscheinlich. Ihre Manager sagen nun: Sie dürfe nicht beide große Staaten verlieren. Kampagnenchef Mark Penn werden schwere Planungsfehler vorgeworfen. Er hatte Hillary als Favoritin positioniert, was Obama den Charme des Außenseiters gab. Amerikaner lieben Underdogs, die siegen. Penn hatte darauf gesetzt, dass Clinton am Super Tuesday einen uneinholbaren Vorsprung gewinnen würde, und hatte weder eine Strategie parat noch Geld zurückgehalten für den Fall, dass es anders kommen würde und man weiter teure TV-Werbespots bezahlen musste.

Es kam anders, Obama hielt das Rennen offen. Seither hat er elf Vorwahlen in Folge gewonnen.

In den zwei kleineren Staaten werden Clinton und Obama sich die Siege laut Umfragen wohl teilen. Rhode Island gilt als ihr Territorium, Vermont als seines. Aber der Drall spricht für Obama. In Ohio und Texas hatte Clinton vor wenigen Wochen mit zweistelligem Prozentsatz geführt. Jetzt ist der Vorsprung in Ohio auf ein, zwei Prozentpunkte geschrumpft. In Texas führt Obama in den meisten Umfragen knapp.

Komplikationen beim Vorwahlsystem

„Die Regeln sind noch immer nicht allen klar“, beschwert sich Gonzales bei der Leiterin des Wahlbüros und schiebt die große, goldgerahmte Sonnenbrille von der Nase nach oben in das mit Pomade gebändigte graue Haar. Ein Goldkettchen drängt aus dem geöffneten Kragen seines schwarzen Hemdes, das über der Hose hängt. Man kann die Verwirrung verstehen. Kein anderer Staat hat ein so kompliziertes Vorwahlsystem, man nennt es den „Texas Two Step“. Bisher hat das niemanden gestört. Der Staat hat bisher kaum keine Rolle bei der Kandidatenkür gespielt, meist war alles entschieden, wenn Texas abstimmte. Entsprechend niedrig war die Beteiligung.

2008 ist das anders. Auch nach Vorwahlen in 39 Staaten ist alles noch offen – und Texas könnte den Ausschlag geben: Muss Clinton aufgeben, oder findet sie zurück ins Rennen?

Und so pauken ihre Leute in San Antonio mit den Wahlhelfern am Wochenende die Regularien. Für Frühwähler waren die Wahllokale schon mal zehn Tage geöffnet, und heute, am eigentlichen Wahltag, sind sie es wieder. Doch nur gut die Hälfte der 228 Delegierten für den demokratischen Nominierungsparteitag wird aufgrund dieses Stimmenverhältnisses vergeben. Ein weiteres Viertel wird abends in den „Caucus“ genannten Wählerversammlungen zugeteilt. Deshalb müssen die Kandidaten ihre Anhänger bewegen, auch dort noch hinzugehen. Das letzte Viertel sind die Superdelegierten, sie verdanken die Stellung ihrem Amt als Parlamentarier oder Parteifunktionäre.

"Don’t mess with Texas!“

Viele der Helfer hat die Clinton-Kampagne aus Kalifornien eingeflogen. Dort haben die Latinos Hillary am Super Tuesday den Sieg beschert. Auch in Texas setzt sie jetzt auf die Hispanics. Sie sind ihre „Brandmauer“ gegen die Obama-Begeisterung, die sich in den jüngsten Wochen wie ein Buschfeuer ausgedehnt hat. Die Einwanderer aus Mexiko, Mittel- und Südamerika stellen in Texas bis zu 40 Prozent der demokratischen Wähler. Und Clinton hat die Sympathien von zwei Drittel dieser Latinos. Aber werden sie wählen gehen? Wie viele haben sich vom Obama-Trend der jüngsten Wochen anstecken lassen – so wie Rudy Davila, der eine Generation jünger ist als Ray Gonzales? Und auch dies machen manche Reaktionen Ortsansässiger auf die Helferinvasion aus Kalifornien klar: Texaner lassen sich ungern von Angereisten sagen, wo es lang geht. „Don’t mess with Texas!“ – der Wahlspruch steht nicht nur an den Highways. Einheimische führen in auch gerne auf den Lippen.

Auf der Straßenseite gegenüber von Clintons Wahlkampfbüro hat „Esperanza“ ihren Sitz, eine Stiftung für soziale Gerechtigkeit, die Hispanics mit Bildung und Kultur neue Chancen eröffnen, aber auch Selbstbewusstsein vermitteln will. „Wir wären stolz, wenn es wirklich in unserer Hand läge, über den demokratischen Präsidentschaftskandidaten zu entscheiden“, sagt Graciela Sanchez. „Aber die Wahrheit ist: Weder Hillary noch Obama haben die Latinos fest für sich gewonnen.“ Fast jeder Tag beweise, dass es eine rassistische Hackordnung in den USA gebe. Wer weiß, protestantisch und englischsprachig sei, werde bevorzugt.

Die schrillen Themen des Wahlkampfes, so schildert es Sanchez, seien eine stetige Beleidigung für die Hispanics: die Forderung nach einem Grenzzaun zu Mexiko oder einer Mauer, die Illegale draußen halten soll, als seien das minderwertige Menschen, aber auch der populistische Eifer von Obama und Clinton, das Freihandelsabkommen der USA mit Kanada und Mexiko schlechtzureden, als sei dies die Ursache für das Verschwinden veralteter Industriejobs.

"Die Frauen werden marschieren“

Graciela Sanchez ist Feministin, sie trägt einen Anstecker auf der Brust, „Die Frauen werden marschieren“ steht darauf, in Englisch und Spanisch. Sie ist 47 Jahre alt, aber wie sie da zwischen den vielen Kunstwerken an den Wänden sitzt – teils naive Malerei, teils surreale Plastiken –, die feinen Gesichtszüge von früh ergrauten Locken umrahmt, wirkt sie wie eine altersweise Pythia, die in die Zukunft sehen kann.

Auch unter Hispanics sei das Interesse viel größer als in früheren Jahren, sagt Graciela, weil erstmals eine Frau und erstmals ein so jugendlicher Nichtweißer wie Obama ganz vorn liegen. Aber 2008 werde kein Wendepunkt, der die politische Apathie der Latinos beendet.

„Gebt uns einen Grund, warum wir wählen gehen sollten!“, sagt sie. Nur drei bis vier Prozent der jungen Latinos schafften den Sprung ins College. Die männlichen Schüler seien ein bevorzugtes Rekrutierungsziel der Armee. Die Region hat eine überdurchschnittliche Opferrate im Irak. „Die Army und der Tourismus sind hier die Hauptarbeitgeber. Beide Jobs sind schlecht bezahlt.“ Kernarbeitszeit in den Restaurants seien die Abende. Viele Eltern hätten da keine Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern. Auch deshalb habe San Antonio die höchste Rate ungewollter Schwangerschaften unter den 13- bis 15-jährigen Mädchen. Graciela bezweifelt, dass Hispanics am Dienstagabend massenhaft zum Caucus gehen und Clinton retten.

Auf die Frage, wann ihre Familie denn aus Mexiko gekommen sei, lacht Graciela Sanchez. Ihre Vorfahren haben schon hier gelebt, als Texas noch mexikanisch war, bevor es sich 1845 den USA anschloss. Ihr Großvater, 1900 geboren, ging nach dem Ersten Weltkrieg als „Illegaler“ nach Mexiko auf der Suche nach Arbeit, die er in Texas nicht finden konnte.

Je höher die Wahlbeteiligung desto mehr Delegierte

Das Gefühl der Benachteiligung unter Hispanics könnte sich bei der Auszählung neu beleben, wegen einer weiteren Besonderheit des texanischen Wahlrechts. Je höher die Wahlbeteiligung in einem Stimmbezirk, desto mehr Delegierte werden ihm zugewiesen. Doch der Maßstab dafür ist nicht die Beteiligung bei dieser Wahl, sondern die bei der letzten, 2004. In den von Latinos dominierten Gegenden von Texas war sie unterdurchschnittlich, entsprechend wenig Einfluss haben sie diesmal.

In und vor den Wahllokalen für Frühwähler war am vergangenen Donnerstag und Freitag zu sehen, wie außergewöhnlich der Andrang 2008 ist. Die Wochenendzeitungen meldeten Rekorde für die Region San Antonio. 101 244 Frühwähler sind es bei den Demokraten, sechs Mal so viel wie 2004. Zu den Republikanern kamen nur 32 457, obwohl die Konservativen seit Jahren die Wahlen in Texas gewinnen; fast alle Staatsämter sind derzeit in ihrer Hand. Diese ungewöhnliche Verteilung des Interesses hat auch damit zu tun, dass John McCain als republikanischer Kandidat so gut wie feststeht. Wahr ist aber auch, dass das Duell Obama-Clinton die US-Bürger fasziniert.

Am Abend dann die Abschlusskundgebungen der beiden Bewerber. Barack Obama füllt die 8000 Sitzplätze im Verizon-Sportstadion vor den Toren San Antonios spielend. Die ersten stellen sich bereits mittags an, obwohl er erst für 21 Uhr angekündigt ist. Zu dieser Stunde inspizieren Spezialeinheiten des Secret Service noch den Schauplatz auf mögliche Gefahren. Ann, eine korpulente Weiße Mitte 40, hat Obama vor zwei Wochen verpasst. Stundenlang hatte sie vergeblich Schlange gestanden und wurde wegen Überfüllung nicht mehr eingelassen. Sarah, eine junge schwarze Studentin, hat Obama vor ein paar Tagen in Austin erlebt, nach neun Stunden Warten. Aber sie will ihn noch mal hören und hat sich deshalb wieder neun Stunden lang in die Schlange gestellt.

Heroen der Latino-Bürgerrechtsbewegung

Bei Clinton geht es gemütlicher zu. Um 14 Uhr sind die Helfer noch mit dem Bau der Bühne im Hemisfair Park im Herzen der Stadt beschäftigt. Andrang macht sich erst ab 17 Uhr bemerkbar. 2000 Zuhörer werden es am Ende sein, in den Objektiven der TV-Kameras wirken auch sie wie eine eng gedrängte Menschenmenge. Zu 70 Prozent sind es Latinos und zu 70 Prozent Frauen. Die Band „La Mafia“ versetzt die Menge in Volksfeststimmung. Es ist eine fast frühsommerliche Nacht. Viele haben Kühlboxen mit Getränken dabei. Heroen der Latino-Bürgerrechtsbewegung werben für Clinton, ehe die selbst auf die Bühne kommt.

Texas war bisher kein siegreiches Pflaster für die Clintons. George McGovern, für den die Studentin Hillary 1972 in San Antonio Wahlkampfhilfe leistete, verlor den Staat gegen Richard Nixon mit 33 zu 67 Prozent. Bill Clinton unterlag, als er 1992 zum Präsidenten gewählt wurde, in Texas gegen George Bush senior. Aber noch nie waren die Clintons so nah dran wie 2008, Texas vielleicht doch einmal zu gewinnen – wenn schon nicht gegen einen Republikaner, dann wenigstens gegen einen demokratischen Rivalen. „Si, se puede“, hat Clinton in San Antonio versichert. Doch rund 20 Kilometer entfernt rief Obama dasselbe auf Englisch: „Yes, we can!“ Ein „Texas Two Step“, so widersprüchlich wie die ganzen Vorwahlen in diesem Staat.

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