US-Vorwahlen : Licht und Schatten

Sechs Wochen war Ruhe, inzwischen haben die Demokraten in 46 Staaten und Territorien der USA gewählt. Doch nun gibt es wieder Vorwahlen, in Pennsylvania. Wie entscheidend sind die Ergebnisse für Hillary Clinton und Barack Obama?

Christoph Marschall[Philadelphia]
Clinton Obama
Frau Clinton und Herr Obama. Nicht im Bild: John McCain, der lachende Dritte. -Foto: AFP

Die meisten Demokraten sind inzwischen genervt, von dem innerparteilichen Wahlkampf. 46 Vorwahlen in Staaten und kleineren Territorien wie den Virgin Islands haben die USA erlebt, dreieinhalb Monate sind seit der ersten in Iowa vergangen. Und noch immer ist offen, ob Barack Obama oder Hillary Clinton Präsidentschaftskandidat(in) der Demokraten wird. Der zunehmend aggressive Streit im eigenen Lager, das befürchten viele, könnte am Ende den Republikaner John McCain zum Sieger machen. Die Mehrheit wünscht eine Entscheidung – mit einer Einschränkung: 56 Prozent akzeptierten ein rasches Ende nur, wenn der eigene Favorit gewinnt.

In dieser aufgewühlten Stimmung genoss das Land die sechs Wochen Pause seit den letzten Vorwahlen. Am 4. März hatte Clinton Ohio klar gewonnen, in Texas siegte sie knapp nach Stimmen, Obama erhielt dort jedoch mehr Delegierte für den Nominierungsparteitag. Am Dienstag wählt nun Pennsylvania. Es ist der letzte große Staat, nach der Bevölkerungszahl die Nummer sechs. Er hat auch besonderes symbolisches Gewicht. In Philadelphia wurde die Unabhängigkeit von Großbritannien erklärt, hier tagte die verfassungsgebende Versammlung, hier hängt die Freiheitsglocke.

158 Delegierte sind zu vergeben. Clinton gilt als die sichere Siegerin, die Sozialstruktur kommt ihr zugute: Pennsylvania hat überdurchschnittlich viele Arbeiter und überdurchschnittlich viele Bürger im Alter über 65 Jahre. Wähler mit höherer Bildung, Obamas Klientel, sind unterdurchschnittlich vertreten.

Entscheidend wird jedoch sein, mit welchem Abstand Clinton gewinnt. Sie braucht einen Erdrutschsieg, um ihren Anspruch auf die Kandidatur zu untermauern. Nach Delegierten führt Obama 1635 zu 1474. Seinen Vorsprung kann sie in den verbleibenden neun Vorwahlen nicht mehr einholen. Deshalb muss sie jetzt oft und klar siegen, um die Superdelegierten mit Endspurtdynamik zu überzeugen. Sie werden beim Nominierungsparteitag Ende August das Zünglein an der Waage. Weder Obama noch Clinton können die nötigen 2025 Delegierten allein aus Vorwahlen erreichen.

Ein Sieg Clintons in Pennsylvania mit rund zehn Prozentpunkten Vorsprung würde wenig an der gefühlten Lage ändern und ein Sieg mit nur fünf Prozentpunkten sogar als Niederlage wahrgenommen. Im März führte sie in den Umfragen hier noch mit 15 bis 20 Prozent. Inzwischen ist der Abstand auf 5,5 Prozent geschmolzen. Barack Obama gibt mehr als doppelt so viel Geld für Wahlwerbung in Fernsehen und Radio aus. Allein im März haben Bürger 40 Millionen Dollar für ihn gespendet, für Hillary 20 Millionen.

In Pennsylvania wiederholt sich das bekannte Muster: Clinton setzt auf Negativspots gegen Obama, er wirbt vor allem mit positiven Zielen. Sie wirft ihm zum Beispiel vor, er unterstütze Bushs Energiepolitik und habe kein Gespür für Pennsylvanias Bürger, für ihre Einstellung zur Religion, zur Jagd und zum Waffentragen.

Obama knüpft an Pennsylvanias Rolle bei der Unabhängigkeit an und fordert die Bürger auf, abermals ihre Unabhängigkeit zu erklären: Sie sollen das Land befreien von der Art, wie in Washington Politik gemacht werde – indem sie ihn wählen. Um das Misstrauen von Jägern zu zerstreuen, er wolle den Waffenbesitz einschränken, lässt er Senatskollegen aus Illinois in Werbespots auftreten. Sie versichern, Obama habe noch nie für Gesetze gestimmt, die Jägerrechte einschränken. 46 Prozent der Bürger Pennsylvanias sind als Waffenbesitzer registriert. Clinton wirbt damit, ihr Vater stamme aus Scranton, einer Kleinstadt im Nordosten des Staats. Am nahen Lake Winola habe er ihr das Schießen beigebracht. Auf die Frage eines Reporters, wann sie zuletzt auf der Jagd war, verweigerte sie jedoch die Antwort.

Die sozialen Gegensätze in Pennsylvania und die politische Diversität erschweren den Demoskopen die Prognosen. Im Großraum Philadelphia im Südosten lebt fast die Hälfte der 12,2 Millionen Einwohner, im Großraum Pittsburgh im Südwesten weitere 2,8 Millionen. Der Rest des Staates bildet ein massiges „T“: bergig, waldig, dünn besiedelt, ökonomisch schwach und wertkonservativ.

Dank der beiden großen Städte gewannen die Demokraten in den letzten vier Präsidentschaftswahlen den Staat Pennsylvania insgesamt. Doch in den Kleinstädten im „T“ und im ländlichen Raum dominieren die Republikaner. Die Demokraten sind dort in der Minderheit, im innerparteilichen Rennen bevorzugen sie Clinton. Obama hat seine Anhänger vor allem im Großraum Philadelphia, der mehr als die Hälfte der demokratischen Wähler stellt, also auch gut die Hälfte der Delegierten. Die Stadt, in der viele Afroamerikaner wohnen, ist heute ein Dienstleistungszentrum. Am Freitag kamen 35 000 Menschen zu einer Obama-Kundgebung, es war die größte Versammlung, die es je bei einer Vorwahl gab.

Während die Demokraten in einer Schärfe streiten, die viele Bürger abstößt, hat McCain die Nominierung als Kandidat der Republikaner sicher. Die Medien widmen ihm weniger Aufmerksamkeit. Aber er nutzt die Zeit, um sein Profil mit Grundsatzreden zur Wirtschaftspolitik oder zum Kampf gegen den Terror zu schärfen. In landesweiten Umfragen würde Obama McCain schlagen, Clinton dagegen würde gegen McCain verlieren. Umfragen nur in Pennsylvania zeigen andere Werte: Hier würde Clinton McCain klar besiegen, Obama dagegen nur knapp.

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