Zeitung Heute : US-Wahl entschieden?: Die Richter waren schneller

Malte Lehming

Auf diese Nachricht hat die Nation gewartet: Al Gore tritt vor die Kameras und begründet in einer kurzen Ansprache, warum er aufgibt, George W. Bush wird Präsident der USA.

Das Glück von Al Gore war kurz gewesen. Es dauerte 22 Stunden, 45 Minuten. Und es begann am vergangenen Freitag. Noch kurz zuvor hatte keiner von Gores Freunden mit einer solchen Wendung in dem fünfwöchigen Nachwahldrama gerechnet. Sein Vize, Joseph Lieberman, saß sogar bereits - wie in der Wahlnacht - an dem Entwurf für eine Rede, mit der Gore seine Niederlage eingestehen wollte. Doch dann geschah ein Wunder. Das Oberste Gericht von Florida beschloss, dass 45 000 Wahlzettel per Hand nachgezählt werden und schon kontrollierte Stimmen aus zwei Wahlbezirken in das Ergebnis einfließen sollten. Mit einem Mal war der Abstand zwischen Gore und Bush geringer geworden. In den Wahlkreisen ging man ans Werk, der Sieg in Florida - und damit der Sieg bei den Präsidentschaftswahlen - schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Es waren die besten 22 Stunden und 45 Minuten, die Al Gore seit dem 7. November hatte. Alle um ihn herum, selbst enge Mitarbeiter, hatten so oft gezweifelt, ihn zur Aufgabe gedrängt. Doch er hatte es geahnt, gespürt, gewusst: Wenn 104 Millionen Menschen wählen gehen, und am Ende hat er selbst insgesamt 300 000 Stimmen mehr bekommen als sein Rivale, aber in Florida 537 Stimmen weniger, dann lohnt doch der Kampf um das Präsidentenamt. Dann ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. "Ist das nicht verrückt", hat Gore an diesem Freitag zu einem Freund in Washington gesagt, "davon werden wir bestimmt noch unseren Enkelkindern erzählen."

Er hielt durch, er ging sonntags mit der Familie in die Kirche und glaubte außer an Gott vor allem an sich selbst - immer weiter schmolz an diesem Tag der Abstand von Gore zu Bush. Jede Stimme zählt: Wenn es einen Satz von Gore gibt, der ihn in diesen turbulenten Wochen charakterisiert, dann den. Die Maschinen sind unzuverlässig, den wahren Willen des Wählers erkennt man im Zweifel am besten per Hand. Vielleicht schon in wenigen Stunden könnten die Fernsehkameras den entscheidenden Moment einfangen, in dem er das erste Mal vor Bush liegt. Dann wäre die Strategie des Demokraten aufgegangen, dann hätte das Oberste Gericht in Washington später zwar ebenfalls die Gültigkeit der Handnachzählung anfechten können, aber das hätte gewirkt, als wollte man ihm den Sieg rauben. Nein, in diesen 22 Stunden und 45 Minuten durfte sich Al Gore als Präsident und Nachfolger Bill Clintons fühlen. Jedenfalls ein bisschen.

Es kam anders. Der Oberste Gerichtshof in Washington war also schneller als die Wahlhelfer in Florida, er war sogar erstaunlich schnell. Normalerweise lassen sich die neun Richter zwei bis sechs Monate Zeit, um nach der mündlichen Anhörung zu einem Urteil zu gelangen. Doch jetzt haben sie eben jene Geschichte geschrieben, von der Gore seinen Enkelkindern erzählen muss. Per einstweiliger Verfügung stoppen sie am Sonnabend die neue Auszählung in Florida, drei Tage später kommt dann das Urteil: Zum ersten Mal hat praktisch ein amerikanisches Gericht entschieden, wer der nächste Präsident sein wird. Falls nicht erneut ein Wunder geschieht, wird also Oberrichter William H. Rehnquist am 20. Januar George W. Bush den Amtseid abnehmen.

Sehr ruhig, sehr geduldig soll der texanische Gouverneur die ganze Zeit über gewesen sein. Jeden Tag ist er in sein Fitness-Studio gegangen, hat sich von seinen Sicherheitsberatern briefen lassen, ist in sein Büro in Austin gefahren und hat dort telefoniert. Manchmal fuhr er auch zu seiner Ranch nach Crawford, etwa 90 Autominuten von Austin entfernt. Ganz anders als Gore, der sich täglich über jedes Detail in den Gerichtsprozessen informieren ließ und fast den gesamten Dienstag vor dem Fernseher verbrachte, war Bush ebenso wortkarg wie gelassen. Selbst am vergangenen Freitag. Drei Jahre lang hatte er für das Präsidentenamt gekämpft, und auf einmal drohte alles den Bach hinunterzugehen. Doch er selbst ließ sich nichts anmerken. "Die Entscheidung des Obersten Gerichts von Florida war wie ein Albtraum für uns", gestand später ein Berater von Bush, "wenn Gore in Florida durch die Nachzählungen bloß zwei Stimmen vor Bush gelegen hätte, das hätte die gesamte Dynamik der vergangenen Wochen verändert." Auch bei Bushs Anwälten ging die Angst um: Die öffentliche Meinung orientiert sich an Zahlen, nicht am Recht. Als einziges Indiz dafür, dass Bush nervös wurde, gilt die Tatsache, dass er am Dienstag, als das Oberste Gericht in Washington sein Urteil sprechen wollte, den Termin im Fitness-Studio absagte.

Jetzt wartet jeder auf die Reden, das Eingeständnis der Niederlage durch den einen, das Signal zur Versöhnungsbereitschaft durch den anderen. Längst sind die Komitees in Florida aufgefordert worden, ihre Bemühungen um weitere Handzählungen einzustellen. Auch in Gores eigener Partei fordern nun prominente Politiker, der Vizepräsident möge aufgeben.

Das Land ist gespalten wie noch nie. Auf Bush entfallen 271 Wahlmänner, auf Gore 268; beide Obersten Gerichte - das von Florida wie das von Washington - haben mit nur einer Stimme Mehrheit entschieden. Der Senat ist gespalten, im Repräsentantenhaus, in dem 435 Abgeordnete sitzen, haben die Republikaner eine Fünf-Stimmen-Mehrheit. Wie soll man da ohne die Opposition regieren? Zumindest am Anfang dürfte es Bush leichter fallen, als es Gore gefallen wäre, einen neuen Konsens zu stiften. Denn Bush wird von den Anhängern der Demokraten nicht gehasst, nur belächelt. Über Gore dagegen lachen die Republikaner nicht. Sie verachten ihn.

Was soll der neue Präsident als Erstes tun? Das werden Passanten derzeit recht oft in den Medien gefragt. Die Antworten der Menschen klingen alle ziemlich gleich: "Beten, weil er eine schwierige Zeit vor sich hat"; "ein Mitglied der Opposition ins Kabinett aufnehmen"; "das Land einen"; "das Wahlsystem ändern". Am häufigsten jedoch ist zu hören: "sich für die nervenaufreibenden Wochen entschuldigen".

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