Zeitung Heute : US-Wahl: Gesichtslos, schlau - und einflussreich

Robert von Rimscha

Einer hat gewonnen. Und ein zweiter mit ihm. Falls Al Gore heute als neuer US-Präsident aufwacht, kann sich sein Chef-Berater Leon Fuerth Hoffnungen auf den Posten des nationalen Sicherheitsberaters machen. Ist George W. Bush der Nachfolger von Bill Clinton, wird ein Mann namens Karl Rove sich auf den Umzug von Austin, Texas, nach Washington vorbereiten. Bushs Chef-Stratege könnte dann Stabschef oder Vorsitzender der Partei werden.

Die Berater Leon Fuerth und Karl Rove sind zwei Strippenzieher, die vieles gemein haben. Der breiten Öffentlichkeit, auch in den USA, sind sie nicht bekannt. Fuerth hat seine Philosophie als Berater einmal so beschrieben: "Ich will namenlos, gesichtslos und geruchlos bleiben!" Dennoch: Niemand hatte in diesem Wahlkampf mehr Einfluss auf die beiden Kandidaten als Rove und Fuerth.

Doch das Beraterpaar spiegelt zugleich die Unterschiede zwischen dem Demokraten und dem Republikaner wider. Rove ist zwar volkstümlich wie Bush, liebt das Landleben auf seiner Ranch und erholt sich vom Politik-Stress am liebsten beim Ringen mit seinem elfjährigen Sohn, doch sein Verstand ist messerscharf. Fuerth dagegen gibt den Akademiker in der Rolle des kleinen Bruders. So wesensverwandt ist Fuerth mit Gore, dass er zum einzigen Mitarbeiter wurde, der den Politiker mit Vornamen anspricht. Die US-Presse hat Fuerth ein Attribut angehängt, das auch für Gore gilt: "Staubsauger-Intellekt".

Karl Rove diente schon George Bush Senior als Berater. Er traf den Junior, damals Student an der Harvard Business School, im Herbst 1973. Rove hatte die ehrenvolle Aufgabe, ihm bei einem Besuch in Washington den Schlüssel zum Wagen des Vaters auszuhändigen, der damals republikanischer Parteichef war. Die Begegnung war Rove peinlich. Der junge Bush, der zu Hause einen roten Sportwagen fuhr, warf abschätzige Blicke auf das neue Auto des Alten, einen lilafarbenen Kleinwagen der hässlichen und hecklosen Marke "Gremlin".

Rove ist Sohn eines Geologen und einer Vertreterin. Er wuchs mit vier "völlig unpolitischen" Geschwistern im amerikanischen Westen auf. Er selbst war alles andere als unpolitisch. Mit 19 Jahren mischte er sich erstmals dreist ein, als er in Chicago mit geklautem Briefkopf Einladungen ins neue Hauptquartier der Demokraten drucken und dann in allen Armenvierteln der Stadt verteilen ließ. Die Originale waren exklusiv an schwerreiche Sponsoren der Partei gegangen.

Rove war Funktionär der "College Republicans", der konservativen Studenten, dann bekam er den Job bei George Bush Senior. Er heiratete eine Texanerin und zog in die Landeshauptstadt Austin. 1980 agitierte er gegen Ronald Reagan. "Ich habe einfach nicht erkannt, was für ein ungewöhnlich effektiver Präsident der werden würde", sagt er heute.

Als Bushs Chefstratege glaubt Rove, nicht nur für Wahlkämpfe zuständig zu sein, sondern zugleich für die Zukunft der Partei. Und da hat der Hobbyhistoriker präzise Vorbilder. Karl Rove erinnert gern an den Wahlkampf 1896. "Drei Bedingungen gelten damals wie heute. Das politische System war gelähmt, die Parteibindung nahm rapide ab, es gab einen dramatischen technologisch-wirtschaftlichen Wandel." William McKinley reagierte als Erster mit einem Programm auf diese Veränderungen. Er wurde Präsident und sicherte seiner Partei 30 Jahre lang die Macht, mit der Ära Woodrow Wilsons als einziger Unterbrechung.

Rove kann aus dem Kopf Briefe des Cousins von McKinley zitieren, wonach "das Kapital für sich selbst sorgt": Die Republikaner müssten die Arbeiter ansprechen, sich öffnen. Sie taten es und wurden zur Vertretung neuer katholischer Einwanderer aus Irland oder Italien. Dies sicherte die Macht. Wenn George W. Bush von der Toleranz seiner Partei spricht, dann ist das die Lehre, die Rove aus seinem Geschichtsstudium gezogen hat: Heute können die Republikaner nur dauerhaft mehrheitsfähig sein, wenn sie sich den in der jüngsten Vergangenheit eingewanderten Hispanics und Asiaten öffnen. "Wir sind positiv, optimistisch, eine andere Art von Republikanern", behauptet Rove. Eine Rechte also, die nicht länger Angst macht.

Rove glaubt an Bush. Dem Kandidaten zuliebe hat er seine eigene PR-Firma verkauft. Bei Leon Fuerth ist es nicht anders. Richard Holbrooke, Amerikas UN-Botschafter, hält Fuerth für "einen der wichtigsten, aber kaum sichtbaren Spieler auf der Washingtoner Bühne". 1980 lernte Fuerth Gore kennen. "Er kann Veränderungen erkennen, bevor sie am Horizont erscheinen", sagt Fuerth über Gore. Das Internet und der Treibhauseffekt sind Beispiele. Fuerth verließ das US-Außenministerium 1985, um in Gores Stab zu arbeiten.

Für Serbien und Russland war Fuerth zuständig. Je öfter Bill Clinton sich Fuerths Rat holte, desto mehr wurde dieser auch zur Zielscheibe von Kritik aus dem Capitol. Der von ihm konzipierte Umgang mit Moskau sei "ideologisch statt praktisch", steht in einem Kongress-Bericht. Fuerth, ein scheuer Mensch, verteidigt sich selten in der Öffentlichkeit. Was er Clinton und Gore wert ist, weiß er auch ohne Publizität. Der scheidende Präsident hat ihm ein Foto mit Autogramm geschenkt; die Widmung lautet: "Dem, der die ungefragten Fragen stellt."

"Fuerth ist der einzige, dem Gore zubilligt, dass er genauso schlau ist wie er selbst", meint Jim Jensen, der in den 80er Jahren ebenfalls für Gore arbeitete. Wie sein Chef hat auch Fuerth seine skurrilen Seiten. Er liebt "Godzilla", "Star Trek" und andere Produkte der Populärkultur, kennt aber die Grundregeln des Football nicht. Der studierte Luft- und Raumfahrtingenieur war Gores Tutor in Abrüstungsfragen, als der Ex-Journalist aus Tennessee 1977 in den Kongress kam und seine Liebe zur Außenpolitik entdeckte.

Einer hat gesiegt. Entweder ist es Bush, der Kandidat, der über Sätze stolpert, oder es ist der steife, unpersönliche Gore. Um zu erklären, warum einer dennoch gewinnen konnte, muss man Rove reden hören oder Fuerths Fieber spüren. Egal, wer heute erstmals den Titel "president elect" führt: Beide Chef-Berater sind stolz darauf, was sie aus den Kandidaten gemacht haben. Für beide beginnt heute ein neues Leben. Den einen umgibt jetzt die Aura der Macht, der andere trägt den Makel, der Steuermann eines Verlierers zu sein.

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