Zeitung Heute : US-Wahl: In Washington fällt ein Fussballtor um

Stefan Genrich

"Amazing", "incredible" - so euphorisch beschrieben die amerikanischen Fernsehsender die Atmosphäre der Wahlnacht in den USA. Auf deutsch: Es ging hoch her. Doch obwohl der Schlussspurt im Rennen um die Präsidentschaft überwältigend dramatisch war und die Spannung immer noch anhält, war es für die Fernseh-Stationen kein wirklich guter Tag, nicht nur in den USA. Die meisten Sendungen wirkten ein wenig ratlos. Warum?

ARD und ZDF starteten am Dienstagabend mit den erfahrenen Moderatoren und Korrespondenten Jörg Schönenborn und Ina Bergmann sowie Peter Frey und Eberhard Piltz in die Wahlnacht. Die kleineren Spartensender wie n-tv und N24 durften wie immer mit ihrer Spezialkompetenz bei solchen politischen Aufregungen auf Zuspruch hoffen. RTL hatte seine populären Nachrichten-Männer Heiner Bremer und Peter Kloeppel nach Washington geschickt. Sat 1 hatte Dieter Kronzucker aufgeboten.

Unerwartet schnell zeigten die deutschen Fernsehmacher Schwächeanfälle - es wurde in Washington interessant, aber sie schalteten einfach um. Die ARD unterbrach die Spannung durch Eva Hermans und Bettina Tietjens Talkshow-Plaudereien mit Desirée Nosbusch, Wolfgang Fierek und anderen. Aber die meisten Zuschauer wollten in dieser Nacht eben nicht erfahren, wie die Schauspielerin Sabrina Fox Verbindungen zwischen Esoterik und Politik zieht oder ob Hannes Jaenicke erkannt hat, dass "Bush mehr für die Todesstrafe als Gore ist". Beim ZDF interviewte Cherno Jobatey amerikanische Wähler in Washington D.C., es waren aber keine sehr erhellenden Interviews. Bei n-tv deklinierten Chefredakteur Helmut Brandstätter und Korrespondent Roger Horné im Studio Washington trocken die Wahlergebnisse durch, das war solide. Aber sie bauten dabei vollständig auf die Vorgaben ihres Partners CNN. Es sollte sich im Laufe des Wahl-Krimis rächen. Nicht nur n-tv musste die voreiligen Verkündigungen des Siegers zurücknehmen, sondern auch die angeblich so informationskompetenten ARD und ZDF. Sat 1 dagegen musste sich nur selten korrigieren, weil in den dramatischsten Minuten meist "Kommissar Rex" statt der Wahlforscher ermittelte. RTL startete die Sondersendung ohnehin erst um 5 Uhr 30. Zu diesem Zeitpunkt verabschiedete sich das ZDF von der Wahlberichterstattung und überließ der ARD das Feld mit dem "Morgenmagazin".

Der Kern des Problems: Das Medium Fernsehen tut sich mit offenen Situationen schwer. Seine Macher sind es gewohnt, die Allwissenden zu spielen, zumal die Nachrichten-Journalisten. Einen Günther Jauch aber oder einen Marcel Reif, die sogar über ein umgefallenes Fußball-Tor stundenlang intelligent plaudern können, gab es in dieser Nacht nicht. Auch die amerikanischen Sender überboten einander mit angeblich aussagefähigen Top-Meldungen. Jeder tat so, als wisse er alles. In Wirklichkeit aber wussten sie alle nichts. Die Spannung, den Schwebezustand schien in dieser Nacht niemand ertragen zu können.

Erstaunlicherweise war niemand auf ein solches totes Rennen vorbereitet. US-Wahlforscher Curtiz Gans griff am Mittwochmittag auf CNN die Medien heftig an, weil sie trotz unzureichender Datenlage immer wieder einen neuen Sieger ausgerufen hatten. Das Moderatorenteam wehrte sich. Wenige Minuten später belegten Rückblicke auf die Nacht der Nächte die Aussage von Gans.

Die ARD hat am Mittwoch mit einem ungewöhnlich langen und informativen "Brennpunkt" und später in den "Tagesthemen" zur alten Form zurückgefunden, während das ZDF den Schock noch immer nicht überwunden hat, wie ein vergleichsweise mageres "ZDF-Spezial" am gleichen Abend demonstrierte. Phoenix strahlt inzwischen Sonderberichte und Studiorunden aus, während Bayern Alpha das Publikum am Telefon zu Worte kommen lässt. Aber was sollen die Leute schon groß sagen? Das Drama dauert an. Nachrichten: keine.

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