US-Wahl : Mann gegen Mann

Barack Obamas Präsidentschaftskandidatur für die Demokraten ist so gut wie sicher. Welche Chancen hat er gegen den Republikaner John McCain?

Christoph Marschall[Washington]
Obama
Kann er gegen John McCain bestehen? Der mögliche demokratische Herausforderer Barack Obama. -Foto: AFP

Der Präsidentschaftswahlkampf hat eine neue Phase erreicht. Zwei der drei Kandidaten, Barack Obama und John McCain, blicken nur noch voraus: auf ihr Duell bei der Hauptwahl im November. Hillary Clinton möchte die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit im Hier und Jetzt halten. Am heutigen Dienstag hält West Virginia Vorwahlen ab, ein Staat des Kohlebergbaus, der Arbeiter und der ökonomisch Benachteiligten. Sie wird hoch gewinnen, vermutlich mit Zweidrittelmehrheit, vielleicht höher.

Clinton will den garantierten Triumph als überraschende Wende im Kampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten interpretieren. Der Sieg soll, wie schon in Ohio, Pennsylvania und Indiana als Argument herhalten, warum die Partei sie nominieren solle und nicht Obama. Wer solche Arbeiterstaaten nicht gewinne, könne auch gegen die Republikaner nicht bestehen, argumentiert sie.

Doch die Medien folgen ihr nicht mehr. Das Rennen sei gelaufen, heißt es bei den Kommentatoren. West Virginia und die verbleibenden fünf Vorwahlen ändern daran nichts mehr. Clinton und Obama werden sich die letzten Siege teilen. Er führt uneinholbar unter den gewählten Delegierten. Auch viele Superdelegierte schwenken zu ihm über. Seit dem vergangenen Dienstag, an dem er in North Carolina hoch gewann und sie sich nur knapp in Indiana behaupten konnte, hat sich ein Dutzend weiterer Superdelegierter für ihn ausgesprochen, darunter zwei Überläufer, die zuvor auf Clintons Seite standen. „Obama führt jetzt auch unter Superdelegierten“, lauteten die Schlagzeilen des Pfingstwochenendes.

Obama und McCain nahmen sich den Muttertag am Sonntag frei. Obama verbrachte ein paar Stunden zu Hause in Chicago mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Töchtern. Hillary Clinton führte mit ihrer erwachsenen Tochter Chelsea Wahlkampf in West Virginia, „nicht nur als Frau, sondern als Mutter“, wie sie sagte. Sie fügte hinzu: „Ich bin so stolz, dass ich meine Mutter als mein Vorbild habe.“ Frauen über 50 bilden die Mehrheit bei ihren Auftritten, Obama überlässt ihr den Staat kampflos.

Die Öffentlichkeit wendet ihren Blick bereits auf das nächste Duell: John McCain gegen Barack Obama. Und auf die Wählergruppen, um die sie wetteifern – die nicht-parteigebundenen Wechselwähler und die Hispanics, die größte Minderheit im Land, inzwischen deutlich stärker als die Schwarzen. Es wird ein Werben um die Mitte der Gesellschaft, kein Kampf rechts gegen links wie 2000 und 2004. McCain ist ein moderater Republikaner und bei wichtigen Streitthemen die Antithese zu George W. Bush. Er ist gegen folterähnliche Verhörmethoden im Kampf gegen den Terror, er hält mehr Distanz zu großen Konzernen und Lobbyorganisationen. McCain und Obama waren nicht die Kandidaten des jeweiligen Parteiestablishments. Beide umwerben die politische Mitte.

McCain möchte den Klimaschutz zu seinem Thema machen, bisher eher ein Anliegen der Demokraten. Obama punktet mit dem Versprechen, die parteipolitische Blockade im Kongress zu beenden und mit Republikanern zu kooperieren. McCains Vorschlag, ein neues Debattenformat für den Hauptwahlkampf zu entwickeln – nur die beiden Kandidaten gegeneinander, ohne Journalisten als Moderatoren und Fragesteller – nahm Obama sofort an: „Ja, das ist eine gute Idee.“ Als Clinton ihn kürzlich zu dieser Art Rededuell einlud, hatte er noch abgelehnt.

Seit Wochen bemüht sich Obama, von Vorwahl auf Hauptwahl umzuschalten. Von den Zahlen her hatte er den Kampf um die Nominierung seit Anfang März so gut wie gewonnen. Doch zu Clintons Freude bot er zwei Angriffsflächen, die es ihr erlaubten, Zweifel an seinen Siegeschancen im Herbst zu wecken und selbst im Rennen zu bleiben: der Streit um die antiamerikanischen Predigten seines Pfarrers und sein schwaches Abschneiden in der Arbeiterklasse. Diese beiden Schwächen, das scheint nun klar, werden Obama nicht mehr die Kandidatur kosten. Aber sie werden ihn in die Hauptwahl begleiten und den Republikanern Munition gegen ihn liefern. Sie könnten die negativen Fernsehwerbespots kopieren, die Clinton gegen Obama ausstrahlen ließ.

McCain bietet ähnliche Angriffsflächen. Bisher haben sich die Medien auf das Duell bei den Demokraten konzentriert und ihn in Ruhe gelassen. Sobald Obama als Kandidat ausgerufen ist, wird McCain in die Schlagzeilen geraten. Auch er schleppt Ballast mit. Er wäre, wenn er gewählt wird, der älteste Präsident, den die USA je hatten: bereits bei Amtsantritt 72. Alter und Gesundheitsprobleme sieht man ihm an. Die Fernsehduelle dürfte der sportliche, gut aussehende Obama rein optisch für sich entscheiden.

Auch McCain hat Probleme mit Teilen der Parteibasis. Für ein Viertel bis ein Drittel der typischen Republikanerwähler steht er nicht rechts genug. Er ist nicht sonderlich religiös und zu tolerant bei Themen wie Abtreibung und Homosexuellenrechte. Und auch er hat, wie Obama, ein Pfarrerproblem. Stolz ist er mit dem Fernsehprediger John Hagee vor die Kameras getreten, um dessen offizielle Unterstützung für seine Kandidatur bekannt zu geben. Hagee ist ein protestantischer Eiferer, der die katholische Kirche als „ größte Hure der Geschichte“ und kriminelle Organisation bezeichnet. Katholische Wähler sind empört.

Beide haben spiegelbildliche Stärken und Schwächen. Die Frage ist, ob die Bürger Frische und neue Richtung oder Erfahrung und Sicherheit vorziehen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar