Zeitung Heute : US-Wahlen: Geschichte in der Warteschleife

Robert von Rimscha

Die Telefonkonferenz dauerte nur drei Minuten. Auf der einen Seite der Leitung, in Florida, saßen die obersten Volksvertreter der Demokraten in ihrem Büro. Tom Daschle, der Minderheitenführer im Senat, und Dick Gephardt, sein Gegenpart im Repräsentantenhaus, hatten den Lautsprecher des Telefons angestellt. Am anderen Ende der Leitung hielten Al Gore und sein Vize-Kandidat Joe Lieberman je einen Hörer in der Hand. Keiner der vier wusste so richtig, was er sagen sollte, und so nickten stets drei, wenn der vierte meinte, in der Demokratie sei jede Stimme wichtig. Der Wähler müsse entscheiden. Das Urteil des Bürgers sei heilig. Jede, absolut jede Stimme müsse gezählt werden. Amerika sei stark. Wir sind einig. Wir haben Recht. Wir werden gewinnen.

"So ungefähr muss das gewesen sein, wenn ein Politbüro-Mitglied in Ost-Berlin früher seinen Genossen KPdSU-Vizesekretär angerufen hat, um ewige Unterwürfigkeit zu schwören", fiel dem US-Kommentator David Brooks bei der Beobachtung der Szene ein.

Dann verplapperte sich auch noch Senator Daschle und bekräftigte, die Demokraten draußen im Lande stünden voll hinter Gore, wenn der eine weitere Nachzählung verlange. "Nachzählung" ist innerhalb weniger Tage zum Unwort geworden. Zu schlagkräftig ist das republikanische Argument, man habe schließlich schon zwei-, drei- oder gar viermal gezählt. Auch zwei Drittel der Amerikaner glauben, es sei jetzt genug mit dem Zählen. Die Frage, wann Gore endlich aufgibt, gilt nicht mehr als ketzerisch. Knapp 60 Prozent der Amerikaner bejahen sie; vor einer Woche waren es erst 45 Prozent.

Noch klammert sich Al Gore an den Strohhalm, es gebe noch ein paar Stimmen, die in keiner dieser Zählungen berücksichtigt wurden. Er meint jene Stimmzettel, die von den Lesegeräten zweimal ergebnislos ausgeworfen wurden. Al Gore will, dass diese 10 700 Wahlkarten nun auch gegen das Licht gehalten und auf Kratzspuren untersucht werden, die einen Wählerwillen andeuten könnten. Am Dienstagabend hat der zuständige Richter beschlossen, die Stanzzettel von einer Polizeieskorte in die Landeshauptstadt bringen zu lassen. Dazu erklärte die demokratische Senatorin Dianne Feinstein der Nation: "Es kann gut sein, dass die Präsidenten-Stanzlöcher nur angekratzt sind, während die Löcher der Kandidaten für andere Ämter komplett ausgestanzt sind, weil offensichtlich in Florida die Gummibänder zur Befestigung der Stanzgriffel zu kurz waren!"

Über die Länge von Stanzgriffel-Gummibändern möchte Amerika nun wirklich nicht auch noch streiten müssen. Ob die fraglichen Stimmchen ausgewertet werden, hat das Gericht noch nicht entschieden. Aber es ist ja etwas ganz anderes, das Gore Recht zu geben scheint: Eine Umfrage hat ergeben, dass nur 25 Prozent der US-Bürger glauben, in Florida sei am Ende fair ausgezählt worden.

Also legte Gore nach. Am Dienstag schritt er in der Herbstsonne von seiner Residenz hinüber in den Garten. Seine Berater hatten den Ort gewählt, weil sie wussten, dass es gut sein würde, wenn die Fernsehbilder hinter dem amtierenden Vizepräsidenten die Kathedrale der Hauptstadt zeigen würden. Gore also trat an das Mikrofon und legte mit nervösem Lachen seinen neuesten Plan vor, wie innerhalb von sieben Tagen alle Stimmen, nun aber wirklich alle, ausgezählt werden könnten.

Nur einer ist in diesen Tagen nicht so nervös wie Gore: sein Vize-Kandidat Lieberman. Der Senator tingelt überzeugend staatsmännisch durch die Talkshows. Er mag die Vizepräsidentschaft verloren haben, aber er hat ja nicht nur auf eine Karte gesetzt. Am 7. November hat sich Lieberman klammheimlich seinen Senatoren-Posten in Connecticut bestätigen lassen. Und Bush wäre, falls es für das Weiße Haus nicht reicht, noch immer Gouverneur. Der Einzige ohne Sicherheitsnetz ist Gore.

Für ihn geht es um seinen Lebenstraum: die Clinton-Nachfolge. Es geht um Insignien der Macht - zum Beispiel offiziös aussehende Räume. Schräg gegenüber vom Weißen Haus steht ein Bürogebäude aus den 70er Jahren, in dem vier Stockwerke für das "Transition Team" vorgesehen sind. Das "Transition Team" ist jene Mannschaft, die im Auftrag des gewählten Präsidenten die Übergabe der Regierungsgeschäfte vorbereitet.

Aus den Memoiren früherer US-Staatschefs weiß man, wie viel da improvisiert wird. Es gehen schließlich nicht nur ein paar Minister in den Ruhestand oder die Privatwirtschaft. Alle Botschafter bieten dem neuen Präsidenten ihren Rücktritt an. Rund 5000 obere Staatsbedienstete sind zu ersetzen. Die Nominierungen dutzender Bundesrichter schlafen ein, weil der Neue im Oval Office nun seine Gefolgschaft belohnen will.

Bei normalen Präsidentschaftswahlen steht die Zeit von Anfang November bis zum 20. Januar zur Planung zur Verfügung. Bill Clinton hat 1992 / 1993 mit einer chaotischen Transition bewiesen, wie schwierig es ist, wenn aus einem Wahlkampfteam eine Regierung werden soll. Wer auch immer als Sieger aus dieser Wahl hervorgeht: Er hat nun schon fast einen Monat vergeudet. Die Chefberater und Spitzenanwälte beider Kandidaten waren damit beschäftigt, Klagen in Florida einzureichen statt Ausschau nach passablen Staatssekretären zu halten.

In die vier Stockwerke des Bürogebäudes gegenüber des Weißen Hauses wollte diese Woche George W. Bush einziehen. Doch die Kommission, die Personal, Räume und Computer für Transitions verwaltet, hat Bush beschieden, so gehe es nicht. Erst müsse der Wahlausgang endgültig geklärt sein. Nun gibt es dankbarerweise ein Gesetz, das die Verwendung von Privatkapital für die Transition zulässt. Bushs Mannschaft ist also einmal mehr dabei, Spenden zu sammeln, um Büros zu mieten, in denen sich dann eine neue Regierung formieren soll.

"History on Hold" lautet die Schlagzeile, unter der der öffentlich-rechtliche Fernsehsender PBS das Aktuellste von der Justizfront in Florida erklärt. "Geschichte im Schwebezustand" - doch von Schweben ist keine Spur. Das Volk ist längst wieder im Alltag gelandet, manche Zeitungen wagen es schon, die Florida-Berichte nicht auf der ersten Seite zu platzieren. Als George W. Bush am Sonntagabend das amtliche Endergebnis in Florida als Startschuss für seine Krönungsfeierlichkeiten deutete und die erste Fernsehansprache ans Volk hielt, unterbrach der Massen-Sender CBS dafür nicht einmal seine "Titanic"-Ausstrahlung.

Vor dem Hay-Adams-Hotel, einer Luxusherberge direkt gegenüber des Weißen Hauses, stand am Mittwoch nur noch ein einsamer Übertragungswagen. Hier pflegen Gore und Lieberman auf die Attacken von Bush oder Cheney zu antworten. Morgen, wenn Gore noch einmal seine letzte Chance bekommt, wird im Fernsehen auch nicht viel zu sehen sein. Denn Kameras sind nicht zugelassen, wenn der Oberste Gerichtshof des Bundes in Washington über eine Klage der Republikaner gegen das Verdikt des Obersten Gerichtshofes Floridas berät. 90 Minuten lang werden die Anwälte beider Seiten befragt werden, und davon darf nur ein Tonmitschnitt gesendet werden, und zwar zeitversetzt.

Es scheint klar, dass Gore es ohne Rückenwind der Oberrichter noch schwerer haben wird, die Öffentlichkeit zum weiteren Ausharren zu bewegen. Dabei geht es vor dem Supreme Court mehr um Symbolik als um Fakten. Die Washingtoner Richter müssen entscheiden, ob Floridas Oberrichter die Gewaltenteilung durchbrachen. Praktisch heißt das nicht viel mehr, als festzulegen, ob die erste oder die zweite Nachzählung offiziell gilt.

Bush aber hat beide gewonnen. Doch je mehr sich der Texaner wie ein Präsident in Wartestellung gebärdet, umso tiefer buddeln sich die Demokraten in ihren Gefechtsstellungen ein. "Voreilig und unrealistisch" sei Bushs Vorgehen, meint Lieberman. Das ist die neue Taktik des Gore-Teams: Man versucht, die Republikaner als machtbesessen zu entlarven.

Gore wäre nichts lieber, als wenn Bush über das Ziel hinausschießen würde. Die Demokraten hoffen, dass republikanischer Übereifer im Volk ebenso wenig Zustimmung findet wie Gores Durchhalteparolen bis zu jener Endzählung, die wohl nie kommen wird. So will Gore einen Präsidenten Bush, der durch pure Gewöhnung inthronisiert wird, verhindern.

Aber die Republikaner haben sich eine schlaue Gegenstrategie einfallen lassen. Die Namen künftiger Würdenträger sollen den Anspruch des Versöhnens einlösen. Gerade hat Bush bekanntgegeben, dass ein Berater seines Vaters Stabschef werden könnte: der moderate Andrew Card. Und gleich für zwei Kabinettsposten, so lassen die Republikaner wissen, habe Bush gar Demokraten vorgesehen: Sam Nunn, den ehemaligen Senator aus Georgia, als Verteidigungsminister und Jim Hunt, den Gouverneur North Carolinas, als Erziehungsminister.

Während Bush die Wunden heilt, kämpft Gore noch immer. Diesen Eindruck haben immer mehr Amerikaner.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!