US-Wahlkampf : Die Nummer Zwei

Barack Obama und John McCain werden schon bald ihre Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten präsentieren. Das kann helfen, von ihren Schwächen abzulenken. Wer könnte mit ihnen ins Rennen gehen?

Christoph von Marschall[Washington]

Für die Öffentlichkeit spielt die Person meist nur ein Schattendasein. Sie soll keine Aufmerksamkeit von der Nummer Eins ablenken. Andererseits ist sie „nur einen Herzschlag von der Macht entfernt“, wie man in den USA sagt. Wenn der Präsident ausfällt, übernimmt der Vize. Nach John F. Kennedys Ermordung 1962 zog Lyndon B. Johnson ins Oval Office ein, nach Richard Nixons Rücktritt wegen Impeachment 1974 Gerald Ford.

Sie sind durch Volkswahl legitimiert, die Präsidentschaft wird als „Ticket“ vergeben. Früher gab die Hauptperson den „Running Mate“ auf dem Nominierungsparteitag bekannt, in jüngerer Zeit einige Wochen zuvor. Die Motive für die Auswahl sind vielfältig: innerparteiliche Rivalitäten befrieden, Wählergruppen ansprechen, die der Kandidat aus inhaltlichen oder geographischen Gründen selbst nicht so gut erreicht. Auch Alter und Aussehen können eine Rolle spielen. George Bush senior, so heißt es, fragte 1988 deshalb Dan Quayle, weil der mit 41 Jahren die jüngere Generation anspreche und ein Fernsehgesicht habe. Wegen der Zweifel an seiner Intelligenz spotteten in Deutschland manche, es sei ein „quaylender“ Gedanke, Bush könne etwas zustoßen.

Die Kontrahenten für die Wahl 2008 stehen fest, einen Vize haben bisher weder John McCain noch Barack Obama benannt. Dabei hatte McCain die Nominierung als Republikaner schon im März sicher. Obama steht seit sechs Wochen als Kandidat der Demokraten fest. Beide ernannten Findungskommissionen, um Zeit zu gewinnen. McCain wollte abwarten, um mit der Wahl des Vize eventuelle Schwächen seines Wahlkampfs auszugleichen – und zu verhindern, dass die Reputation eines früh bekannten „Running Mate“ durch die öffentliche Auseinandersetzung Schaden leidet.

Obama wollte den öffentlichen Druck abflauen lassen, Hillary Clinton zu ernennen. Das verlangten viele ihrer Anhänger, nachdem sie in der letzten Vorwahl am 3. Juni endgültig unterlegen war. Inzwischen ist es still geworden um diese Forderung. Weder bei McCain noch bei Obama haben sich bisher klare Favoriten für den Vizeposten herausgeschält. Die Hauptmotive, die bei der Auswahl eine Rolle spielen, sind aber offensichtlich. Allgemein gesagt: die jeweiligen Wahlaussichten verbessern, indem sie die persönlichen Schwächen ausgleichen und positive Merkmale verstärken.

Ein Problem haben sie gemeinsam: Die Wirtschaftskrise ist zum Hauptthema geworden. Sie hatte als Immobilien- und Hypothekenkrise begonnen, ist inzwischen aber für fast alle Bürger als Kredit- und Konsumkrise spürbar. Die Amerikaner leben auf Pump, da nur wenige zur Miete wohnen und sich mit der Anschaffung der eigenen vier Wände verschulden müssen. Nun ist es schwieriger und teurer geworden, Kredit zu bekommen. Das nehmen die Wähler als Bedrohung ihres Lebensstils war.

Weder McCain noch Obama haben Wirtschaftskompetenz. Mehrfach wurde spekuliert, ob New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg ein Vizekandidat wäre, pikanterweise für beide. Der hat es zuvor als Geschäftsmann zum Milliardär gebracht. Im Fall McCains wird nun immer wieder Mitt Romney genannt, der als Präsidentschaftskandidat gescheitert war. Der hat mit seiner Investmentfirma Millionen verdient, die Winterolympiade 2002 in Salt Lake City aus einer Beinahepleite zum Gewinn geführt und einen Bundesstaat, Massachusetts, als Gouverneur regiert. Auch der Name Rob Portman taucht auf: Der 52-Jährige war US-Handelsbeauftragter unter Bush und leitete die Budgetabteilung im Weißen Haus.

Abgesehen von der Wirtschaftskompetenz haben McCain und Obama unterschiedliche Schwächen im Profil. McCain wäre mit 72 der älteste Präsident bei Amtsantritt, den die USA je hatten. Sein Vize gilt als präsumptiver Nachfolger. Wenige glauben, dass McCain länger als eine Amtszeit durchhält. Der Vize soll jünger und dynamischer wirken.

Obama hat, anders als McCain, kein militärisches Renommee. Daher werden Männer mit Armee-Erfahrung als mögliche Vize genannt wie Jim Webb und Jack Reed, die Senatoren von Virginia und Rhode Island, und Wesley Clark, Ex-Oberbefehlshaber der Nato.

Neben der Profilschwäche ist auch diese Frage strategisch wichtig: Welche Wählergruppen fehlen zum Sieg, geographisch und demographisch? McCain, Senator von Arizona, kommt aus dem Südwesten. Obama ist umgekehrt im Norden und an der Ostküste gut verankert, er lebt in Chicago und ist Senator von Illinois. McCain fällt es schwer, die Jugend zu erreichen sowie Schwarze und Hispanics. Obama zeigt Schwächen in der weißen Arbeiterschaft sowie bei älteren Frauen, und die gehen in den höchsten Prozentsätzen zur Wahl. Soll Obama also, wenn schon nicht Hillary Clinton, eine andere Frau aussuchen: Claire McCaskill, Senatorin des umkämpften Missouri? Oder den Gouverneur eines der sozialkonservativen Arbeiterstaaten, in denen er Schwächen zeigt: Ted Strickland von Ohio, Ed Rendell von Pennsylvania – oder den Senator von Indiana, Evan Bayh? Und nützt es McCain, wenn er, ganz revolutionär, einen Schwarzen zu seinem „Running Mate“ macht?

Der Ausgang der Präsidentschaftswahl 2008 wird nach aktuellen Umfragen in elf „Swing States“ entschieden, die mal den Demokraten, mal den Republikanern den Vorzug geben: Nevada im Westen, Colorado, New Mexico und Missouri in der Mitte, Indiana, Michigan und Ohio im Norden, den Südstaaten Florida, North Carolina und Virginia sowie New Hampshire oben in Neuengland. Das reflektieren auch Namen, die angeblich in McCains engerer Wahl sind: Floridas Gouverneur Charlie Cris, zum Beispiel. Für den Mix aus Jugend und Geographie stehen Bobby Jindal, der 37-jährige Gouverneur von Louisiana indischer Abstammung, und Tim Pawlenty, 47, Gouverneur von Minnesota. Mit ihrer Hilfe könnte McCain versuchen, Louisiana trotz des hohen Schwarzenanteils für die Republikaner zu halten oder Minnesota von den Demokraten zu erobern.

Zuletzt: McCain und Obama werben mit Überparteilichkeit. Beide möchten den Sieg in der Mitte erringen, bei parteiunabhängigen Wählern oder indem sie moderate Anhänger der gegnerischen Partei herüberziehen. Als möglicher Vizekandidat Obamas wird auch der Republikaner Chuck Hagel genannt – und Joe Lieberman, der langjährige Demokrat und nun Unabhängige, als „Running Mate“ John McCains.

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