US-Wahlkampf : In guten wie in schlechten Zeiten

Bei den Vorwahlen morgen in Texas und Ohio gilt Hillary Clinton nicht mehr als Favoritin. Experten machen dafür auch ihren Mann Bill verantwortlich. Wie viel Bill steckt in Hillarys Wahlkampf?

Christoph Marschall[San Antonio (Texas)]

Der Königinnenmacher sollte er sein. Hillary Clintons Wunderwaffe. Als das Präsidentschaftsrennen vor einem Jahr begann, galt Bill als bester Wahlkämpfer und bester Stratege – ein Partner in Politik und Ehe, der die Frauen der anderen Kandidaten blass aussehen ließ. Wenn seine Auftritte in ihrer Kampagne neben den unschätzbaren Vorteilen überhaupt ein Risiko enthielten, dann dieses: Bill durfte Hillary nicht in den Schatten stellen. Er war noch immer beliebter als sie. Die Bürger empfinden ihn als charmant und witzig, sie als kalt, überehrgeizig und berechnend. Wenn sie gemeinsam auftraten, stach ins Auge, was er hat, ihr aber fehlt.

Also teilten sie sich auf. War sie im Osten Iowas unterwegs, kämpfte er im Westen um Stimmen für sie. So ist es bis heute geblieben. Vor den entscheidenden Vorwahlen am morgigen Dienstag in Ohio, Rhode Island, Texas und Vermont tourt Bill im dünner besiedelten ländlichen Norden und Westen von Texas, während Hillary sich auf die Großstädte Dallas, Houston, Austin und San Antonio konzentriert. Auch im Industriestaat Ohio hoch oben am Eriesee liegen meist hunderte Meilen zwischen den Auftritten der beiden.

Von Wunderwaffe redet heute aber keiner mehr. Die Gefahr, dass die Fernsehsender ihm mehr Aufmerksamkeit schenken als ihr, ist auch gebannt. US-Zeitungen beschreiben Bill jetzt als Belastung für sie. Die „New York Times“ berichtete kürzlich aus Lancaster, Ohio: In die Sporthalle der High School passen 3000 Leute. Als Bill kam, trennte ein Vorhang ein Drittel des Raumes ab, damit die restliche Halle mit 2000 Gästen überfüllt aussah. Für seinen Auftritt in Nordtexas Ende der Woche interessierten sich nur noch einige hundert Leute.

„Ihr kriegt uns beide zum Preis von einem“, war ein Wahlspruch der Clintons in Bills erster Kampagne 1992. Hillary hat den Slogan reaktiviert. Im Dezember sagten 44 Prozent, er sei ein Argument, für sie zu stimmen. Heute meinen das nur noch 22 Prozent – ebenso hoch ist die Zahl derer, die Hillary wegen Bill nicht wählen.

Der Ursprung des Stimmungsumschwungs lässt sich in die Zeit um die Vorwahl in South Carolina am 26. Januar datieren. Es waren nur noch wenige Tage bis zum Super Tuesday. Am 5. Februar mit Abstimmungen in 22 Staaten wollte Hillary mit einem überwältigenden Sieg alles klarmachen. Die Clintons setzten auf folgende Arbeitsteilung: Bill trägt die Angriffe auf den überraschend starken Rivalen Barack Obama vor, auch persönliche Charakterattacken, während Hillary sich zurückhält und als die freundliche und faire, also präsidiale Bewerberin erscheint. Obama sollte dazu gezwungen werden, sich zu verteidigen und dadurch streitlustig zu wirken.

Das Hauptziel war, zwei Argumente, die für Obama sprachen, zu entkräften. Er hatte gegen den Irakkrieg gesprochen, Hillary dagegen für den Einmarsch gestimmt. Und er positionierte sich als der Versöhner, der alle Bürger unabhängig von Rasse, Herkunft, Bildung und Einkommen vertritt. Also behauptete Bill, Obama sei nur ein weiterer schwarzer Klientelpolitiker, dem es allein um die Interessen der Afroamerikaner gehe, wie zuvor Jesse Jackson. Der hatte in South Carolina in der Vergangenheit nicht mal 15 Prozent bekommen. Obamas Ablehnung des Irakkriegs nannte Bill „ein Märchen“. Er habe 2002 billige Reden schwingen können, weil er keine Verantwortung trug. Als er aber 2004 in den Senat kam, habe Obama wie Hillary für die Finanzierung der US- Truppen im Irak gestimmt.

Die offensive Beschreibung Obamas als „schwarzer Kandidat“ enthielt das Risiko, dass die Clintons afroamerikanische Wähler von sich entfremden, die zuvor zu ihren treuesten Anhängern gehörten. So kam es auch. Seither stimmen 80 Prozent der Schwarzen für Obama. Aber die Clintons hatten kühl kalkuliert, dass die Afroamerikaner nur 13 Prozent der Bevölkerung stellen. Wenn sie durch den unterschwelligen Appell an Rassenvorbehalte die größere Minderheit der Hispanics und weiße Arbeiter fester an sich binden, gewinnen sie mehr als sie bei Schwarzen verlieren.

Unterschätzt hatten Hillary und Bill aber, dass sie mit dieser Strategie die Demokratische Partei spalten – und ihrem Ansehen schaden. Umfragen zeigten bald: Von einem Ex-Präsidenten wie Bill erwarten die Bürger, dass er moderiert und Gemeinsamkeiten hervorhebt. Sie nahmen es übel, dass er versuchte, eine Gruppe gegen andere auszuspielen.

Hillary verlor South Carolina, der Super Tuesday endete unentschieden. Alle elf Vorwahlen seither gewann Obama. Bill spielt nun eine weniger aggressive Rolle: Er betont Hillarys Erfahrung. Sie habe schon immer für Kinder und Frauen gekämpft. Sein Nimbus hat aber gelitten.

Unterdessen macht Michelle Obama die Erfahrung, dass jedes Wort einer First Lady in spe zählt. Auch sie tourt parallel zu Barack durch die Vorwahlstaaten und erweist sich als Sympathieträgerin. Zu den Erfolgen ihres Mannes sagte sie, die sich in Princeton und Harvard wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert fühlte, vor wenigen Tagen: „Zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben bin ich stolz auf unser Land.“ Die Republikaner nahmen es als Beleg, dass es Michelle also bisher an Patriotismus fehlte. Das Clinton-Team nahm sie nicht in Schutz. Es konnte der Versuchung nicht widerstehen, auf Obamas Probleme mit ehelicher Wahlkampfhilfe zu verweisen.

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