US-Wahlkampf : Mehr als Gesten

Barack Obama kann bei weißen Arbeitern nicht punkten. Welche Rolle spielen Rasse und Klasse im Wahlkampf?

Christoph Marschall

WashingtonDrei Monate lang war er der Strahlemann des Wahljahrs. Barack Obama hatte Hillary Clinton die Favoritenrolle gleich bei der ersten Vorwahl in Iowa am 3. Januar mit einem klaren Sieg streitig gemacht. Clinton gewann dann New Hampshire und schnitt auch bei den mehr als 20 Vorwahlen am Super Tuesday, dem 5. Februar, besser ab als er. Aber bei den folgenden zwölf Abstimmungen, wen die Demokraten als Kandidaten aufstellen sollen, triumphierte er und baute die Führung in der entscheidenden Kategorie, den gewählten Delegierten für den Nominierungsparteitag, aus. Anfang März sah Obama wie der souveräne Sieger aus.

Diesen Nimbus hat er eingebüßt. Bei den Demokraten wachsen die Zweifel, ob sie die Republikaner bei der Hauptwahl am 4. November mit einem wie Barack Obama schlagen können. Denn er hat ein unübersehbares Problem bei einer der wichtigsten Wählergruppen – den weißen Arbeitern. Mit einem Sieg in Ohio und Texas am 4. März hätte er Clintons Kampagne beenden können. Doch die weißen Arbeiter – und in Texas zusätzlich die Hispanics – stimmten für sie. In Pennsylvania hatte Obama am 22. April erneut die Chance, alles klar zu machen. Doch sie siegte mit mehr als neun Prozent Vorsprung, dank der weißen Arbeiter.

Ohio und Pennsylvania sind in Präsidentschaftswahlen strategische „Swing States“, die mal demokratisch, mal republikanisch wählen. Wenn Obama dort nicht siegen kann, weil die Arbeiter ihm die Gefolgschaft verweigern – wie sollen die Demokraten dann überhaupt das Weiße Haus erobern? Die USA sehen sich als egalitäre Gesellschaft; nirgendwo sonst hätten die Menschen bessere Aufstiegschancen. Das Wahljahr zeigt aber: Der Klassenkonflikt ist höchst lebendig.

Parallel bereitet die Rassenfrage Barack Obama Probleme. Sein umstrittener schwarzer Pfarrer Jeremiah Wright sucht gezielt die Öffentlichkeit, zum Entsetzen Obamas. Im März war ein Sturm der Entrüstung losgebrochen, als Fernsehsender Ausschnitte aus alten Wright-Predigten zeigten: Die USA seien angesichts ihrer Außenpolitik selbst Schuld, dass sie zum Ziel von Terroristen wurden. Die US-Regierung habe den Aids-Virus gezüchtet, um die Zahl der Schwarzen zu dezimieren. Der zornige Videoclip „God damn America!“ entsetzte die Mittelschicht.

Mit einer klugen Rede zur Rassenfrage am 18. März in Philadelphia beruhigte Obama die Gemüter und erntete in den Medien Lobeshymnen für sein Krisenmanagement. Er verurteilte Wrights krasse Äußerungen, versuchte aber zugleich zu erklären, warum Schwarze mit solchen Biografien so verbittert sind: Wright ist 66, er ist mit Rassentrennung und Diskriminierung aufgewachsen und leistet Seelsorge in einer der ärmsten und brutalsten Gegenden von Chicago. Drogenhandel und Schießereien gehören zum Alltag. Wer in diesen schwarzen Slums geboren wird, hat kaum Aufstiegschancen.

Diese Rede wurde millionenfach im Internet angeclickt, ein Traumergebnis für einen Politiker. Umfragen und Wahlerresultate zeigen jedoch: Obama erreicht damit nur die Gebildeten und die Gutwilligen. Als Jeremiah Wright jetzt mit rechthaberischen Auftritten die Öffentlichkeit suchte, zog Obama die Notbremse und sagte sich endgültig von seinem Pastor los. Auch die Rassenfrage hat im Jahr 2008 eine größere Bedeutung, als die USA sich eingestehen wollen.

Die Themen Arbeiter und Wright, Klasse und Rasse werden in den USA getrennt diskutiert. Dabei gehören sie zusammen. Die US-Medien scheuen vor dieser Aussage zurück. Sie widerspricht der „political correctness“. Wer möchte den Arbeitern in Ohio oder Pennsylvania schon ins Gesicht sagen, dass sie Rassenvorbehalte gegen Obama haben? Sie würden das als Beleidigung empfinden.

Sie haben ihre eigenen Erklärungen, was ihnen an Obama nicht gefällt. In Regionalzeitungen und Blogs der weißen Arbeitermilieus kann man sie nachlesen: Obama sei ein abgehobener Harvard-Liberaler. Sie zweifeln an seinem Patriotismus: Warum trägt er kein „flag pin“, eine Mini-Flagge am Anzugrevers? Sie fragen auch nach seiner Religion. Gerüchte kursieren, er sei ein Muslim, obwohl das logisch nicht zusammenpasst mit der Kritik an seinem christlichen Pfarrer. Sie spüren eine kulturelle Distanz.

Mit der biografischen Realität haben diese Wahrnehmungen wenig zu tun. Obama kommt von unten, sein Vater war ein Gaststudent aus Kenia, seine Mutter stammt aus einer weißen Arbeiterfamilie. Clinton ist die Tochter eines Kleinunternehmers. Obama hat drei Jahre Sozialarbeit in Slums geleistet, in Clinton Lebenslauf findet sich nichts Vergleichbares. Sie hat an der Eliteuniversität Yale studiert, standesgemäß; er in Harvard, dank eines Förderprogramms. Niemand fragt, warum Clinton kein US-Fähnchen an ihren Jackets trägt. Die Perzeption, Hillary sei die patriotische Arbeitervertreterin und Obama der Oberschichtentyp, stellt die Realität auf den Kopf.

Aber diese öffentlichen Bilder von ihnen sind politisch entscheidend. Sie legen Obama und Clinton kulturell fest. Es ist unendlich schwer, sie zu korrigieren.

Obama wird wohl dennoch der Kandidat der Demokraten. Seine Führung unter Delegierten kann Clinton nicht mehr einholen. Zwar ist es ihr gelungen, Zweifel an seinen Siegeschancen zu wecken. Doch die Zweifel, dass sie im Herbst John McCain besiegen wird, sind noch größer. Es ist inzwischen gut möglich, dass die Demokraten die Wahl 2008 verlieren, die dritte in Folge. Bei der Ursachenforschung dürfte der selbst gewählte innerparteiliche Streit um Klasse und Rasse im März und April dann ganz oben rangieren. Arbeiter wählen längst zur Hälfte republikanisch – an McCains Werten und seinem Patriotismus zweifeln sie nicht.

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