US-Wahlkampf : Unter Beschuss

Hillary Clinton dramatisiert eine Bosnienreise: Der Besuch in Bosnien 1996 habe sie gestählt, sie sei vor Heckenschützen geflohen. Jetzt muss sie sich für ihre Aufschneiderei entschuldigen. Wie glaubwürdig ist sie noch?

Christoph Marschall[Washington]
Hillary Clinton
Die damalige amerikanische Präsidentengattin Hillary Clinton und ihre Tochter Chelsea 1996 in Bosnien. -Foto: dpa

Im Wahlkampf darf man die Worte nicht auf die Goldwaage legen. Bewerber schneiden auf, Klappern gehört zum Handwerk, besonders im US-Präsidentschaftsrennen 2008. Hillary Clinton, Barack Obama und John McCain sind Senatoren. Gouverneure von Einzelstaaten können mit Taten werben, die ihrem Namen zuzuordnen sind. Senatoren nicht, Gesetzgebung ist Teamarbeit. Auch das ist ein Grund, warum seit John F. Kennedy 1960 kein Senator mehr Präsident wurde. Gouverneure wie Jimmy Carter, Ronald Reagan, Bill Clinton und George W. Bush hatten da einen Startvorteil.

In der Karwoche und über Ostern ist vor allem Hillary Clintons Eigenwerbung ins Visier der Medien geraten. Sie überprüften mehrere, von ihr angeführte Beispiele für ihren Anspruch besonderer außenpolitischer Erfahrung in den Konflikten in Nordirland, Bosnien, Kosovo und Ruanda. Im Ergebnis wird Clinton mit Spott überzogen. Hillary hatte behauptet, sie sei feuergestählt; beim Besuch in Bosnien 1996 sei sie unter Beschuss von „Snipers“ (Heckenschützen) geraten und habe vom Flugzeug in Deckung rennen müssen; die Begrüßungszeremonie für die damalige First Lady sei ausgefallen.

Auf Youtube sind nun Videos ihrer Ankunft zu sehen. Hillary wird vom bosnischen Präsidenten begrüßt und küsst in Ruhe Kinder. Snipers oder andere Bedrohungen sind nicht zu erkennen.

Auch Barack Obama wurde einer Schwindelei überführt: Er hatte behauptet, er sei ein zentraler Koautor des neuen Einwanderungsrechts gewesen, das Millionen illegalen Immigranten aus Mittel- und Südamerika einen Weg zum Aufenthaltsrecht öffnen sollte. Es scheiterte am Widerstand der Republikaner. In den Arbeitssitzungen habe man Obama selten gesehen, vermerken Senatskollegen grinsend. Die wahren Urheber des Entwurfs zeigen jedoch Verständnis für die besondere Lage von Präsidentschaftsbewerbern: „Wenn ein Kollege zwei, drei Mal falschen Ruhm beansprucht, gehen wir augenzwinkernd darüber hinweg“, sagte Senator Chris Dodd. „Wenn es zur Regel wird, protestieren wir laut.“

Diese Grenze scheint Hillary Clinton überschritten zu haben. Zurzeit vergeht kaum ein Tag, an dem sie nicht einer mehr oder minder krassen Lüge über ihr angebliches Eingreifen in die Weltpolitik während der Präsidentschaft ihres Mannes Bill überführt wird. Sie habe eine zentrale Rolle im Nordirland-Friedensprozess gespielt, hatte sie behauptet. Die Öffnung der mazedonischen Grenze für Kosovo- Flüchtlinge sei ihr zu verdanken. Und wäre es nach ihr gegangen, hätten die USA den Völkermord in Ruanda durch Militärintervention verhindert. Diese Behauptungen sollen illustrieren: Sie ist dank ihrer acht Jahre als First Lady und sieben weiterer Jahre als Senatorin außenpolitisch erfahren und krisengetestet, im Gegensatz zu Obama.

Eben deshalb wollten die Medien seit langem Einblick in die Akten der First Lady nehmen. Doch die sind sieben Jahre nach Ende der Clinton-Präsidentschaft verschlossen. Der Umgang damit trägt zu Hillarys Glaubwürdigkeitsproblemen bei. Seit Monaten sagt sie, sie wolle die Papiere öffnen. Das hänge aber nicht von ihr ab. Mit Rücksicht auf die nationale Sicherheit müssten Geheimdienst und Archivexperten die Papiere sichten und vertrauliche Informationen schwärzen.

Die Öffentlichkeit hat ihr diese unschuldige Erklärung nicht so recht abgenommen. Hillary gilt seit ihrem Eintritt in die Politik als große Geheimnistuerin. Sie tut fast alles, um Informationen über sich und ihre Familie geheim zu halten. Die Medien ließen trotzdem nicht locker: Vor wenigen Tagen wurden nun Terminkalender aus ihrer Zeit als First Lady veröffentlicht, freilich nur in Auszügen. 10 000 Einträge wurden vorher gestrichen, also rund 1250 pro Jahr oder 3,4 pro Tag. Hillary sagt, das seien „private“ Termine gewesen oder solche, die aus Rücksicht auf die Privatsphäre der Gesprächspartner nicht in die Öffentlichkeit gehörten. Man folge damit dem US-Archivgesetz.

Zeitungen vermerken nach Durchsicht der vielen tausend Seiten, die Lücken beträfen vor allem Wendepunkte in Bills Präsidentschaft. „Keine öffentlichen Termine“ heißt es für den Tag, an dem der Lewinsky-Skandal bekannt wurde, seine Affäre mit der Praktikantin im Weißen Haus namens Monica. Ebenso für die Tage, an denen Hillary wegen der Verwicklung in das Whitewater-Immobiliengeschäft vor dem Kongress aussagen musste. Oder den Tag, an dem ihr engster politischer Berater, Vince Foster, Selbstmord beging.

Über ihre angebliche Schlüsselrolle in Nordirland spotten ihre Gegner nun: Sie habe mit katholischen und protestantischen Frauen „Tee getrunken“. Laut „New York Times“ entpuppte sich der Termin, bei dem sie 1995 angeblich verfeindete Katholikinnen und Protestantinnen für den Friedensprozess gewann, als Auftritt im Lamp Lighter Café in Belfast, organisiert vom US-Konsulat; ihr wurde eine Teekanne überreicht.

Während der Kosovokrise hatte sie zwar hochrangige Gespräche in Mazedonien geführt. Doch laut „Washington Post“ ging es dabei um US-Investitionen in die dortige Textilindustrie. Das Verdienst, die mazedonische Grenze für Kosovoalbaner, die vor Serbiens Diktator Slobodan Milosevic flohen, geöffnet zu haben, dürfen wohl eher europäische Diplomaten und Politiker beanspruchen.

Auch ihr jüngster Hit bei Wahlkampfauftritten findet bei den Kommentatoren wenig Gnade. Sie sagt, sie habe sich vehement dafür eingesetzt, den Massenmord der Hutus an den Tutsis 1994 in Ruanda militärisch zu stoppen. Doch Bills Berater hätten ihn unter Verweis auf das Scheitern der US-Intervention in Somalia davon abgehalten. Ihr treuer Wahlhelfer Bill bestätigt diese Version der Ereignisse. Beide haben freilich Memoiren über ihre Karrieren geschrieben. Und dort findet sich kein Wort darüber.

Der Abgleich von Behauptung und Wirklichkeit scheint die Medien allerdings mehr zu beschäftigen als die Bürger. In den Umfragen führt Hillary stabil bei der Frage nach der politischen Erfahrung. Doch ebenso stabil sagen die Wähler: Obamas Versprechen, die USA zu verändern, sei ihnen wichtiger als ihre Erfahrung.

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