Zeitung Heute : US-Wahlkrimi: Fakten, Fakten, Fakten

Joachim Huber

Bei den US-Medien hat das große Grübeln eingesetzt. Das Grübeln darüber, wie sich die Falschmeldungen der Wahlnacht - mal wurde der Republikaner George W. Bush, mal der Demokrat Al Gore zum Sieger ausgerufen - künftig vermeiden lassen. Eine CNN-Sprecherin hat eingeräumt, dass ihr "Sender wie die großen Fernsehnetworks an Autorität eingebüsst hat". Der eigentlich Schuldige ist ausgemacht, der Voter News Service (VNS). Er wird vom TV-Nachrichtenkanal CNN, den Fernsehsendern ABC, CBS, NBC und Fox sowie von der Nachrichtenagentur AP getragen. Die Organisation versorgt die genannten Medien mit identischen Prognosen und Hochrechnungen, die, wie sich herausgestellt hat, in die falsche Richtung laufen können. Nach CNN-Angaben wird "mit den Partnern über die Gründe zu reden sein, die zu diesem Informationsdebakel geführt haben". Zwar werde am VNS-System wahrscheinlich nicht gerüttelt, wohl aber ist eine andere Konsequenz bereits eingetreten - die Abkehr von der weichen, sehr schnellen Spekulation und die Rückkehr zu langsameren, dafür harten Zahlen und Fakten. "Ein weiterer Fehlgriff beim Sieger der US-Wahl wäre verheerend für uns wie für alle anderen Medien", sagte die CNN-Mitarbeiterin.

Bei den erneuten Auszählungen in Florida greift diese neue Zurückhaltung schon. Zunächst funktioniert das VNS-System auf dieser Ebene nicht, weshalb die Partner-Medien keine anderen Zwischen- und Endstände transportieren können als diesjenigen, welche die lokalen Wahlbehörden veröffentlichen. Bei aller Konkurrenz, bei aller Jagd nach der exklusiven Nachricht zählt jetzt die Genauigkeit an erster Stelle. Auch deswegen sind die Reporter- und Fernsehteams in Florida verstärkt worden.

Im Nachgang zu den Fehlprognosen wird zudem überlegt, mit einer anderen Tradition zu brechen: Wer wollte, konnte in der Wahlnacht über die elektronischen (Online-)Medien die Wahlergebnisse im Osten der USA verfolgen, noch ehe im Westen zu Ende votiert, geschweige denn ausgezählt worden war. Manche Beobachter reden von Wahlverfälschung, andere weisen darauf hin, dass es auch diese Teilresultate waren, die die Medien zu immer neuen Sieger-Meldungen provoziert hätten.

Die in der Wahlnacht, natürlicherweise, angestiegene Nutzung der Informations-Medien hält an. Homepages wie CNN.com, aber auch Nachrichtenstationen bis hin zu den Printmedien können erhöhte Aufmerksamkeit registrieren.

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