USA : Der Charme der breiten Hüte

Hinterwäldler! So sind sie hier in North Dakota immer verspottet worden. Aber jetzt stehen sie plötzlich gut da. Vollbeschäftigung, Überschüsse trotz Krise. Weil sie so bodenständig sind, so vorsichtig, so konservativ. Hier ist ein Amerika, wie man es kaum kennt. Und einer der Gründe, warum Präsident Obama seine Reformen so schwer durchsetzen kann.

C. Marschall[Bismarck]
North Dakota
Wayne Johnsons (rechts) Träume sind wahr geworden. Auf seinen Äckern wächst Getreide, daneben drehen sich Windräder, und darunter...Foto: von Marshall

Endlos dehnen sich die Great Plains. Felder mit Getreide, Raps, Mais und Sonnenblumen. Weideland mit Präriegras, das saftig bis zu den Knien steht. Rinderherden. Vereinzelt bieten kleine Kolonien von Windrädern dem Auge Halt. Wie Riesen ragen sie aus der weiten Ebene auf, deren sattes Grün fern, fern am Horizont in einen hellblauen Himmel mit weißen Wölkchen übergeht. Die Farmgebäude am Rand der Straße liegen oft anderthalb bis zwei Kilometer auseinander. Häufig sind Ölpumpen zu sehen. Ihre rotbraunen, langen Metallschwengel bewegen sich träge, aber stetig im Sommerwind auf und ab. Gelegentlich führt die Fahrt an einem Braunkohletagebau vorbei.

In North Dakota ist die Wirtschaftswelt trotz globaler Finanzkrise noch in Ordnung. Die Arbeitslosenrate liegt unter vier Prozent. Landesweit dagegen wird sie bald über zehn Prozent steigen. Mehr als ein Dutzend Bundesstaaten sind hoch verschuldet. Kalifornien musste sogar Schuldverschreibungen ausstellen, um laufende Rechnungen zu begleichen, weil kein Geld mehr in der Kasse ist und Gesetze eine weitere Kreditaufnahme verbieten. North Dakota dagegen verzeichnet selbst in der schwersten Rezession der USA seit der großen Depression der 30er Jahre noch einen Budgetüberschuss.

Die Fahrt durch den Präriestaat, der im Norden an Kanada grenzt und etwa in der Mitte zwischen Atlantik und Pazifik liegt, führt vor Augen, was ihn zum krisenfesten Gegenbeispiel zu Kalifornien gemacht hat: Er lebt zu 25 Prozent von der Landwirtschaft und zu 20 Prozent von der Energiewirtschaft, gefolgt vom Tourismus als dritter Einkommensquelle. North Dakota ist dünn besiedelt. Auf einer Fläche, die etwa der Hälfte der Bundesrepublik entspricht, leben 640 000 Menschen. Es gibt kaum Sozialfälle, die wegen der Wirtschaftskrise auf Hilfe angewiesen sind. Die Hauptstadt Bismarck hat 60 000 Einwohner und wirbt um Zuwanderer, um offene Stellen zu besetzen. Wer hier in Not gerät, ruft zuletzt nach dem Staat. Die meisten fühlen sich noch immer wie Pioniere: Jeder ist erst einmal für sich selbst verantwortlich, ansonsten vertraut man auf Familie, Nachbarn und Gott.

„Arbeitsethos und harte Anstrengung“, sagt Agrarminister Dough Goehring, seien die Tugenden, die „North Dakota heute so viel erfolgreicher dastehen lassen als, zum Beispiel, Kalifornien.“ Die Genugtuung ist dem 44-jährigen Republikaner anzuhören. Jahrelang haben sich die Menschen hier Spott anhören müssen, wie rückständig sie seien im Vergleich mit hoch gepriesenen Hightech-Staaten. Dabei haben sie doch nur nicht mitgemacht bei ökonomischen Moden, die sich am Ende als Verhängnis erwiesen haben: die Internetblase, die Immobilienblase, die Börsenspekulation. Hier in der Provinz setzen sie auf reale Werte: Getreide und Fleischproduktion, Erdöl und Erdgas. Und natürlich sei man auch offen für vernünftige Neuerungen wie Windkraft und Biotreibstoffe – nur bitte nicht überstürzt, sondern mit Augenmaß.

Goehring bedient gängige Klischees über die angeblich ignoranten Hinterwäldler, aber er kokettiert auch mit ihnen. Ob er die angebliche Erderwärmung ernst nehmen soll? Das wisse er nicht so recht. Als er Chemie und Biologie studierte, sei gerade die These von einer neuerlich drohenden Eiszeit in Mode gewesen. Zudem sinken die Temperaturen im Winter in North Dakota weiter unter minus 30 oder gar minus 40 Grad, der Schnee türmt sich meterhoch – da falle es schwer, an den Treibhauseffekt zu glauben. „Wer sich zu sehr um die Zukunft sorgt, riskiert, die Gegenwart zu verpassen.“

Das Klimaschutzgesetz, das kürzlich im Abgeordnetenhaus in Washington eine knappe Mehrheit erhielt, aber im Senat auf Widerstand stößt, sieht der Agrarminister mit gemischten Gefühlen. Es würde die Energiewirtschaft seines Staates belasten. Und die Verlockungen, die es für Bauern bereithält, seien in der Praxis nichts wert. 15 Dollar pro Acre sollen Farmer erhalten, die Kohlendioxid im Boden speichern. Doch dann dürften sie vor dem Pflanzen nicht mehr pflügen, sondern nur ein kleines Loch für den Setzling machen. „Das geht doch nicht in North Dakota“, schimpft er. „Nach den schweren Frösten müssen wir den Boden lockern, um Kälte und Feuchtigkeit herauszulassen.“ Solche Vorschriften könnten sich nur praxisferne Bürokraten ausdenken.

Wie Goehring denken viele in North Dakota, unabhängig von der Parteizugehörigkeit. Sie sehen sich als konservativ im guten Sinne: als Bewahrer ihrer Lebensgrundlagen. Schon aus Eigeninteresse wollen sie die Bodenschätze nicht im Raubbau plündern, sagt Ryan Taylor beim abendlichen Gang über die Felder. Das würde die andere unverzichtbare Verdienstquelle, die Landwirtschaft, gefährden. Viele Familien leben heute von einem Einkommensmix aus Feldanbau, Rinderzucht, Beteiligung an den Tantiemen aus Kohle, Öl und Gas unter ihrem Boden sowie neuerdings den Windrädern und Biotreibstoffanlagen. Taylor ist Senator der Demokraten im Regionalparlament und Eigentümer einer Ranch mit 250 Rindern, die seit 104 Jahren im Familienbesitz ist.

Tradition und Siedlerromantik gehören zur Selbstdarstellung. Während der junge Senator spricht, spießt eine Helferin handtellergroße Steaks auf die Stahlzinken einer Heugabel und grillt sie über offenem Holzfeuer. In einem Gusseisentopf garen Maiskolben. Auch Taylor und seine Freunde können sich beim abendlichen Zusammensein schwer vorstellen, dass ein Klimaschutzgesetz nach den Vorstellungen von Präsident Obama in absehbarer Zeit Rechtskraft erlangt. Ob Büroangestellte, Farmer oder Politiker: Alle Gäste sind zu dem Grillabend auf offenem Feld in Pick-ups gekommen, man fährt hier keine schicken Limousinen. Sie tragen Jeans und breitkrempige Hüte. Zum Abschluss unterhält Taylor die kleine Gesellschaft mit Lassotricks. Er fängt einen hölzernen Stier mit geschicktem Wurf ein, springt hin und her über das auf Knöchelhöhe kreisende Seil, lässt es in Pirouetten um seinen Körper bis über seinen Cowboyhut aufsteigen und wieder hinab zu den Stiefeln sinken.

Die Stimmungslage in Staaten wie North Dakota illustriert, auf welche Hindernisse Obamas Reformprogramm stößt. Auf dem Papier haben die Demokraten eine klare Mehrheit im US-Kongress, 256 der 435 Sitze im Abgeordnetenhaus und 60 von 100 Sitzen im Senat. In der Praxis ist darauf nur sehr begrenzt Verlass. Zwar sind alle drei Volksvertreter North Dakotas in Washington Demokraten. Im nationalen Wertesystem stehen diese Demokraten aus den Farmstaaten in der Mitte des nordamerikanischen Kontinents freilich weiter rechts als ein typischer Republikaner aus Küstenstädten wie New York oder San Francisco. Die Diskrepanz zwischen dem Alltag ihrer Wähler und der politischen Welt in der Hauptstadt wirkt fast unüberwindbar.

Wegen der geringen Einwohnerzahl hat North Dakota nur einen Vertreter im Abgeordnetenhaus, Earl Pomerey. Er hat gegen das Klimaschutzgesetz seiner demokratischen Fraktion gestimmt. Im Senat ist jeder Staat, unabhängig von Größe und Bevölkerung, mit zwei Senatoren vertreten. Die beiden Abgesandten North Dakotas, Kent Conrad und Byron Dorgan, opponieren nicht laut und offen gegen die Emissionsbegrenzung, sie leisten aber hinhaltende Abwehrarbeit.

Auch in der Debatte um die Gesundheitsreform reihen sich die Demokraten aus North Dakota in die Gruppe der Skeptiker ein, denen Kostensenkung und Haushaltsdisziplin wichtiger sind als Obamas Wahlkampfversprechen, eine bezahlbare Krankenversicherung für alle zu organisieren.

Durch den wirtschaftlichen Erfolg ihres Staates fühlen sich Bürger und Politiker in North Dakota bestätigt. Sie empfinden sich nicht als zukunftsfeindlich. Ihrem Selbstbild nach sind sie bedächtige Modernisierer, die mit ihrer Vorsicht recht behalten haben und deshalb noch weniger Anlass sehen, den Kurs zu ändern.

In der Falkirk-Mine fressen sich die Schaufelradbagger im Tagebau durch das Braunkohleflöz. Es liegt nur sechs bis 15 Meter unter der Grasnarbe und ist lediglich drei bis zehn Meter dick. Philip Voeller, der hier regelmäßig die Besucher führt, erklärt stolz, der Erdaushub vorne werde sogleich verwendet, um die Flächen wenige hundert Meter weiter hinten zu bedecken, aus denen die Kohle bereits herausgekratzt wurde. So ist die offene Wunde in der Erde sehr begrenzt, das Landschaftsbild bleibt erhalten. Wenige Wochen später wiege sich dort wieder das Präriegras im Wind. Die Minengesellschaft hat einen Abnahmevertrag mit dem Stromversorger GRE (Great River Energy) bis 2045.

GRE liefert Strom für das 700 Kilometer entfernte Industriegebiet Minneapolis/St. Paul sowie für 630 000 Haushalte, sagt Manager Greg Ridderbusch. Er sieht zwei Hauptprobleme beim umstrittenen Energie- und Klimaschutzgesetz. Die darin vorgeschriebene Kohlendioxidbegrenzung und die Teilnahme am Emissionshandel werden die Kosten spürbar erhöhen. Heute könne GRE die Kilowattstunde für etwas über sechs US-Cent anbieten, nicht mal halb so viel wie in Deutschland oder Kalifornien.

Die Steueranreize, die Obamas Regierung zum Ausgleich für erneuerbare Energien anbietet, nützen ihm wenig. GRE ist kein auf Profit ausgerichtetes Unternehmen, sondern eine Genossenschaft der Gemeinden, die den Strom abnehmen. Überschüsse werden nicht als Gewinne verbucht, für die GRE höhere oder niedrigere Steuern zahlt, sondern sie werden in Form niedrigerer Preise an die Kunden weitergegeben. Was auch immer kommen mag – Ridderbusch hat vor allem eine Forderung: Er braucht rasch klare Gesetzesvorgaben. Kraftwerke sind teure Investitionen, die sich über Jahrzehnte rechnen müssen. Um die Kohle muss er sich nicht sorgen. Nach Regierungsberechnungen reichen North Dakotas Vorräte noch über 800 Jahre.

Ähnlich nachhaltig sind die Ölvorkommen. Nach jüngsten Studien ist das Bakken-Ölfeld unterhalb North Dakotas das größte in den USA und kann sich womöglich mit den Reserven mancher Golfstaaten messen. Der Besuch der Tesoro-Raffinerie in Mandan, wo der Rohstoff zu Benzin, Flugbenzin und Diesel verarbeitet wird, gleicht der Führung durch ein Landschaftsschutzgebiet. Die mehrstelligen Millioneninvestitionen in Feuchtgasfilter, Ölabscheider und Stickstoffrückhaltetechnik zeigen erfreuliche Wirkung. Gerüche, wie man sie noch vor wenigen Jahren aus Raffineriestandorten in Westeuropa kannte, sind nicht zu bemerken.

Das dritte Energiestandbein, die Windkraft, wächst erst seit kurzem dynamisch. Wie es im Bezirk Stanley dazu kam, ist wohl auch typisch für das Denken in North Dakota. Treibend war die Sorge um die Zukunft, aber nicht die der Umwelt, sondern die der menschlichen Gemeinschaft. Die Einkommen aus der Landwirtschaft sanken, die jungen Leute zogen weg. Farmer Wayne Johnson befürchtete, wenn das so weitergehe, werde es im Alter ziemlich einsam zugehen: Kein Nachfolger im Betrieb – und womöglich sind eines Tages auch Ärzte und Lehrer weg, wenn die Gemeinde schrumpft. Er überlegte, welche ungenutzten Ressourcen es gebe, die sich zu Geld machen lassen. Und kam auf den Wind.

Also gründete Wayne Johnson mit seinen Nachbarn eine Vermarktungsfirma. Fünf Jahre lang sammelte sie Daten zu Windstärke und -richtung. Vereinbart wurde, dass der Ertrag am Ende geteilt wird, unabhängig davon, auf welchem Grundstück die Windräder eines Tages stehen. 61 Landbesitzer haben sich bis heute angeschlossen, und eine kanadische Firma investiert.

Wayne Johnsons Idealbild von der Zukunft hat sich nahezu erfüllt: Auf dem Boden wachsen wie seit Generationen Getreide und andere Feldfrüchte, werden nun aber gezielt als „Ökonahrungsmittel“ vermarktet. Unter der Oberfläche wird Erdöl gewonnen. Und oberirdisch drehen sich Windräder. Dank des dreifachen Einkommens können sich Sohn Daniel und Tochter Heidi vorstellen, auf der Farm zu bleiben.

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