Zeitung Heute : USA: Die alarmierte Nation

Malte Lehming

Adam Redden ist zehn Jahre alt, und bis vor wenigen Tagen war der quirlige Junge noch aufgeregter als sonst. Eines Nachts hatte er einen Traum. Er sah sich durch die US-Hauptstadt Washington gehen, vorbei am Weißen Haus, und plötzlich winkte ihm aus der Ferne der Präsident der Vereinigten Staaten zu. Leibhaftig. "Total nett" soll George W. Bush gewesen sein.

Zum Thema Online Spezial: Kampf gegen Terror
7.10., 18.45 Uhr: Wie der Gegenschlag begann
Hintergrund: US-Streitkräfte und Verbündete
Schwerpunkt: US-Gegenschlag, Nato und Bündnisfall
Schwerpunkt: Osama Bin Laden
Chronologie: Terroranschläge in den USA und die Folgen
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags
Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Adam geht in der Nähe der kleinen, verschlafenen Stadt Madison im US-Bundesstaat North Carolina in die fünfte Klasse. In der Stadt Washington waren bislang erst zwei der knapp 200 Fünftklässler. Für November war ein Schulausflug geplant. Vier Tage lang sollten die Kinder die Bundeshauptstadt besuchen. Seit Monaten hatten sie sich darauf gefreut. Doch nun fällt die Klassenreise aus.

Nicht einmal über einen Ersatztermin wird geredet. Nach dem 11. September beschloss die Mehrheit der Eltern, dass es zu riskant sei, ihre Kinder irgendwohin zu schicken. Im Falle eines Falles müsse ihr Kind "in Reichweite" sein, sagte eine Mutter. Reisen bedeutet Unsicherheit. 91 Prozent der Amerikaner rechnen damit, dass es in ihrem Land zu weiteren Terroranschlägen kommt. In den vergangenen Tagen wurden mehrere Kongress-Abgeordnete, die von den Geheimdiensten über die Gefahren informiert worden waren, mit der Aussage zitiert, es gebe eine "hundertprozentige Wahrscheinlichkeit", dass die Terroristen erneut zuschlagen.

Osama bin Laden hat also Recht. "Da ist Amerika, voll Angst von Norden nach Süden, von Westen nach Osten", hatte er in dem Video gesagt, das am Sonntag vom Fernsehsender "Al Dschasira" weltweit über die Bildschirme gesendet wurde. In der Tat befindet sich das ganze Land seit dem 11. September in einem Zustand der Hochspannung. Ausgiebig werden immer noch die Szenarien beschrieben, die ein biologischer oder chemischer Angriff auslösen würde. Plötzlich wird das Auftreten seltener Krankheiten als bedrohliches Signal gewertet. Experten warnen bereits davor, ohne Konsultation eines Arztes sich selbst zu medikamentieren. Außerdem könne ein unsachgemäßer Gebrauch von Gasmasken sogar zum Ersticken führen. Panik ist es nicht, aber ein ständiges Grundgefühl einer diffusen Angst, das die Amerikaner plagt. Diese Erfahrung ist neu für sie.

Entsprechend drastisch sind die Sicherheitsvorkehrungen. Die Bundespolizei FBI und die Flugsicherheitsbehörde sind in höchster Alarmbereitschaft. Beide Institutionen wurden zum ersten Mal in ihrer Geschichte vom traditionell geheimniskrämerischen Verteidigungsministerium über den Zeitpunkt des anstehenden Militärschlages informiert. Die Küstenwache befindet sich ebenfalls im Zustand ihrer höchsten Mobilisierung seit dem Zweiten Weltkrieg. Entlang der gesamten US-Küste, in mehr als 300 Häfen, wurden die Einheiten in Alarmbereitschaft versetzt. Gründlich werden einlaufende Schiffe kontrolliert - mehr als 200 waren es allein im September. Die Zahl der zu "Sicherheitszonen" erklärten Gebiete hat sich inzwischen auf 72 erhöht, darunter die Freiheitsstatue, Ölraffinerien, Atomkraftwerke und Wasserversorgungszentren.

Insbesondere die New Yorker werden sich an die Sicherheitsmaßnahmen gewöhnen müssen. Vor den Tunnels, die nach Manhattan führen, staut sich der Verkehr, weil die Kofferräume verdächtiger Autos inspiziert werden. Die Polizei patrouilliert verstärkt vor Brücken und Gerichtsgebäuden. Den Passagieren an der Pennsylvania Station wurde mitgeteilt, dass sie in Zukunft ihre Zug-Tickets nicht mehr ohne Vorlage einer Identifikationsbescheinigung erwerben können. Im Land der Freiheit wird kontrolliert, im Land der Mobilität bleiben die Menschen am liebsten zu Hause.

Aber niemand murrt darüber. Zur Angst gesellen sich Verständnis und Entschlossenheit. "Natürlich bin ich besorgt", sagt ein Vater aus der Schule des zehnjährigen Adam. "Die Terroristen leben schließlich unter uns, sie werden sich rächen. Aber natürlich müssen wir sie mit allen Mitteln bekämpfen. Schließlich wollen wir uns irgendwann wieder sicher fühlen." Bis dahin bleibt Adam nur eins: von Washington, dem Weißen Haus und dem Präsidenten zu träumen.

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