Zeitung Heute : USA: Die Opposition zeigt Gesicht ...

Malte Lehming

Ihn plagt ein fieses Gefühl. Genährt wird es aus dieser fatalen Mischung von Misstrauen und Machtlosigkeit. Er ist unruhig und kann sich nicht konzentrieren. Für George W. Bush war das Pfingst-Wochenende nicht eben erholsam. In seiner Ferien-Residenz in Camp David musste er seiner 19-jährigen Tochter Jenna die Ohren lang ziehen, weil sie bei dem Versuch erwischt worden war, mit einem falschen Ausweis an Alkohol heranzukommen. Es war bereits das zweite Mal in fünf Wochen, dass Jenna mit den strengen texanischen Alkohol-Gesetzen in Konflikt geriet. Und die hatte 1997 ausgerechnet ihr Vater als Gouverneur eingeführt. Eine Portion Schadenfreude kann Amerika sich nicht verkneifen.

Spott und Häme jedoch steckt Bush inzwischen recht gut weg. An ihm nagt etwas anderes. Denn mit Niederlagen hat er bislang zu wenig Erfahrung gemacht, als dass er sich durch Nervenstärke hätte profilieren können. Die folgenreichste Schmach hat ihm vor kurzem Jim Jeffords zugefügt, der moderate Senator aus Vermont, der die Republikanische Partei verließ und dadurch die Mehrheit im Senat zu Gunsten der Demokraten veränderte. Das war für den ansonsten so frechforsch auftretenden Präsidenten ein Debakel. Bush musste sich vorwerfen lassen, die Partei nach rechts getrieben, Abweichler gedemütigt und das Gras des Unmuts nicht wachsen gehört zu haben. Sein größter politischer Triumph, den er fast zeitgleich erzielte - die Verabschiedung eines Steuerentlastungsprogrammes in Höhe von 1,35 Billionen Dollar -, geriet über dieses Fiasko vollkommen in den Hintergrund.

Doch nicht Jeffords allein hatte der Regierung die Show gestohlen, sondern vor allem Tom Daschle, der schlanke, höfliche, unscheinbare Senator aus dem Präriestaat South Dakota, der von heute an Mehrheitsführer im Senat sein wird. Daschle war es, der Jeffords seit einigen Wochen bearbeitet und ihm heimlich den roten Teppich ausgerollt hatte. Und ausgerechnet dieser Daschle, der neue Stern am Firmament der Opposition, fuhr an diesem Wochenende in die Villa von John McCain nach Sedona im Bundesstaat Arizona. Das war es, was Bush quälte und ihm keine Ruhe ließ. Was soll dieses Treffen? Worüber sprechen die beiden? Droht ein weiterer republikanischer Senator, der Partei den Rücken zu kehren? Prompt titelte die "Washington Post" am Sonnabend: "McCain überlegt, die Republikaner zu verlassen."

Das wäre für Bush ein schwerer Schlag. Denn McCain ist nicht nur im Lande beliebt, sondern auch innerhalb der republikanischen Partei. Er stimmte gegen die Steuerentlastung der Regierung, dringt auf ein rigoroses Parteispendengesetz, will den Waffenverkauf regulieren und tut auch sonst eine ganze Menge, um Bush zu ärgern. Der nämlich hatte den Vietnamkriegs-Veteranen bei den letzten Präsidentschaftswahlen aus dem Rennen geschlagen. Natürlich dementierte McCain umgehend alle Abspaltungsgerüchte und sagte, das Treffen mit Daschle habe rein privaten Charakter. Man wolle wandern und werde nicht über Politik reden. Aber der Stachel des Zweifels hat sich bei Bush trotzdem tief eingebohrt. Wenn jene beiden Männer, die seiner Macht am gefährlichsten werden können - der eine Demokrat, der andere Republikaner -, ihr Wochenende miteinander verbringen, dann liegt Gefahr in der Luft.

Der Gewinner der jüngsten Entwicklungen ist eindeutig Tom Daschle. Er bestimmt ab morgen die Agenda des Senats. Plötzlich hat die Opposition, die nach dem Regierungswechsel und den Skandalen um Bill Clinton wie vom Erdboden verschluckt schien, wieder ein Gesicht. Markant sieht es aus, asketisch. Der 53-jährige Daschle ist ein leidenschaftlicher Läufer. Ausdauer und Willensstärke sagt man ihm nach. Er redet leise, aber klug. McCain ist nicht der einzige, der seit dem Jeffords-Coup voller Bewunderung für Daschle ist. Der sei wirkungsvoller, als irgendeiner geahnt habe. Außerdem habe er ein "Rückgrat aus Stahl".

Einige Pflöcke hat Daschle denn auch schon eingerammt, um Bush in die Grenzen zu weisen. Die Wiederbelebung der Nuklearenergie? Nein, sagt er, eine Endlagerung des Atommülls in den Yucca-Mountains in Nevada ist mit den Demokraten nicht zu machen. Die Ölförderung in den Naturschutzgebieten Alaskas? Auf keinen Fall. Der Aufbau eines Raketenabwehrschirms? Immer langsam, erst muss gezeigt werden, dass so etwas technisch funktioniert. Aber natürlich weiß der gewiefte Daschle auch, dass Obstruktion alleine zu wenig ist. Er wird deshalb sicher eigene Akzente setzen wollen.

Das politische Geschäft hat der älteste Sohn eines Buchhalters früh gelernt. Nach der Universität und seinem Militärdienst bei der Luftwaffe arbeitete Daschle zunächst als Assistent eines Senators, dann zog er mit 31 Jahren ins Repräsentantenhaus ein. Allerdings hatte er nur 139 Stimmen mehr als sein republikanischer Gegenkandidat. Per Hand mussten die Wahlzettel - Florida lässt grüßen - ausgezählt werden. Acht Jahre später wurde er in den Senat gewählt. Dort wurde bald George Mitchell auf ihn aufmerksam, der damalige Mehrheitsführer der Demokraten. Bei ihm ging Daschle in die Lehre. Auch das lässt Bush Böses ahnen.

Denn im Hause Bush ist Mitchell, der unlängst den Nahost-Schlichtungsplan ausgearbeitet hat, eine bekannte und gleichzeitig verhasste Größe. Er hatte maßgeblich dazu beigetragen, dass Vater Bush als Präsident trotz Golfkriegs-Triumphes und Skandallosigkeit nicht wieder gewählt wurde. Geschickt hatte Mitchell den Senat gegen Bush Senior in Stellung gebracht. 1994 kandidierte Daschle als Nachfolger für Mitchell, der sich aus dem Senat zurückgezogen hatte, und gewann mit einer Stimme Mehrheit. Seine Partei jedoch verlor die Mehrheit, Daschle wurde Minderheitsführer. Als es ihm zu verhindern gelang, dass Präsident Clinton 1998 das Impeachment-Verfahren verlor, was zu dessen Amtsenthebung geführt hätte, erntete er die erste Anerkennung.

Will er selbst Präsident werden? Vielleicht schon 2004? Bei den Demokraten scharren mittlerweile auch andere Senatoren mit den Hufen - John Kerry etwa und Joe Lieberman. Doch Tom Daschle steht jetzt mehr als alle anderen im Rampenlicht. Und sollten die Demokraten bei den Kongresswahlen im kommenden Jahr erheblich zulegen, könnte er sich diesen Erfolg persönlich auf die Fahne schreiben. Die Frage nach entsprechenden Plänen beantwortet er bislang zwar regelmäßig mit der Bemerkung: "Das ist noch weit weg." Aber dementiert wird gar nichts mehr.

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