USA : Die Vertreibung aus Paradise City

Die Hispanics sind die größte Minderheit in den USA, sie entscheiden mit, wer Präsident wird. Noch. Auf einer Straße in Phoenix findet derzeit ein Kampf statt, der bald das ganze Land erfassen könnte: Es geht um das Verblassen des amerikanischen Traums und darum, was das Land im Innersten zusammenhält

Steffen Kraft

Phoenix/ArizonaDie Tagelöhner stehen jetzt wieder an der Kreuzung. Es sind vielleicht 30. Sie sollten nicht hier sein, das wissen sie, doch sie brauchen Arbeit. Ihre Anwesenheit verstößt gegen das Gesetz, was ihnen noch egal wäre. Sie sind Mexikaner, sie sollten an diesem Morgen zu Hause sein bei ihren Frauen, ihren Kindern, sollten einen Kaffee trinken oder schlicht beim Frühstück der Familie zusehen. „Im Süden“, sagt einer und zündet sich einen Zigarettenstummel an, „dort, wo die Luft wärmer ist – und die Seele.“

Bei manchen der Männer sind die Mützen zerknautscht, bei den meisten auch die Gesichter. Man kann glauben, dass diese Gesichter einmal rund waren und braun und dass es eine Zeit gab, in der ihre Haut glänzte wie das Meer an den Stränden von Tijuana. An diesem Morgen sind sie ein bisschen grau. Doch das mag vielleicht auch nur am Staub der achtspurigen Straße liegen, an der sie stehen, seit sie Rodolfo in der Frühe zurückließen. Die Weißen mit den Waffen hatten sie dazu gebracht.

Die Tagelöhner in Arizonas Hauptstadt Phoenix fürchten, ihr Auskommen zu verlieren. Denn seit Ende Dezember versuchen Einwanderungsgegner jedermann davon abzuhalten, Arbeiter im „Macehualli Day Work Center“ anzuheuern, einer Vermittlungsstelle für Arbeiter ohne Papiere. Das Center liegt etwa 200 Meter südlich von der Kreuzung entfernt, an der die Tagelöhner heute stehen. Sie besteht aus einer U-förmigen Auffahrt, einem Dixie-Klo und einigen Bierbänken, über die jemand drei grüne Zeltplanen gespannt hat. Normalerweise funktioniert das „Day Work Center“ wie ein Drive-In für menschliche Arbeitskraft: Ein Auftraggeber fährt in die Auffahrt, sagt, wie viele Leute er braucht, was er zahlt, dann ruft ein Einweiser so viele Leute heran, wie benötigt. Die Arbeiter springen ins Auto.

Doch seit einigen Wochen ist nichts mehr normal. Fünf Leute mit ausgebeulten Jacken haben sich vor dem Einfahrtstor postiert, sie drohen, jeden anzuzeigen, der einen „Illegalen“ beschäftigt. Zwar müssen Privatleute die Behörden nicht fürchten, solange sie sich nur Hilfen für ihr Haus holen. Die Drohung wirkt trotzdem. Und so haben sich die Arbeiter entschlossen, dorthin zurückzukehren, woher sie kamen, bevor es das Zentrum gab: auf die Straße, in jenen Stadtteil von Phoenix, den seine Gründer vor Jahren ausgerechnet „Paradise City“ getauft haben.

Es ist möglich, dass dies das Ende eines Modellprojekts ist – und Zeichen eines Konflikts, der die Vereinigten Staaten bald als Ganzes erfassen könnte. Denn der Kampf um die Straßen von Paradise City erzählt von mehr als von sich selbst. Er erzählt vom Verblassen des amerikanischen Traums und von dem, was die USA im Innersten zusammenhält. Und er erzählt die Geschichte eines 33 Jahre alten Mannes: Rodolfo Guzman.

Guzman sitzt mit Mütze und Sonnenbrille, den Kragen der Jacke bis zum Kinn hochgeschoben auf einer Bierbank unter einer der Zeltplanen, die das Zentrum der Tagelöhner überspannen. Er tut das, weil schließlich jemand da sein muss, falls sich doch ein Auftraggeber ins Zentrum traut. Und weil jemand die Gegner beobachten sollte, die da vor dem geöffneten Tor stehen, zu ihm hinüberblicken und immer wieder so heftig lachen, dass Guzman ihre vom Nikotin gefärbten Zähne sehen kann. Er beobachtet die Kamera, die sie auf ein dreibeiniges Stativ gestellt haben und die mit einem kaum hörbaren Klicken jeden fotografieren wird, der seinen Wagen in die Auffahrt lenkt. Er sieht die Schilder, die die Gegner an ihre Klappstühle gebunden haben. „Es sind Illegale“, steht auf einem. „Wir haben dein Nummernschild“, auf einem anderen.

Ein Polizeiwagen tuckert im Schritttempo vorbei. Die Beamten haben ihre Patrouillen verstärkt, nachdem jemand den Behörden gesteckt hat, dass die Einwanderungsgegner vor dem Tor Waffen dabei haben. Das ist in Arizona erlaubt, sofern man eine Jacke darüber trägt. Solange niemand attackiert wird, greifen die Polizisten nicht ein. Der Streifenwagen spiegelt sich in Guzmans Brille, Guzmans Blick folgt dem Wagen kurz. Dann sagt er: „Die Weißen führen einen Krieg gegen das mexikanische Volk.“

Zum ersten Mal hatte Guzman dieses Gefühl, als er vor zwei Jahren die Grenze überquerte, „mit einem Touristenvisum“, wie er sagt. Er kam, um in San Diego zu arbeiten. „Ich wollte Geld machen, Mann, ich wollte reich werden.“ Jemand hatte ihm gesagt, in den USA sei das auch einem Gabelstaplerfahrer wie ihm möglich.

Seinen ersten Job bekam er in einer kleinen Autogarage. Der Besitzer ließ ihn einen Tag lang Wagen waschen, vielleicht sechs Stunden lang. „Die Menschen hier lieben Geld“, sagt Guzman. Wie sehr, bemerkte er, als die Sonne unterging. Der Garagenbesitzer zog 20 Dollar aus der Tasche. Und da begann Guzman daran zu zweifeln, ob sein Traum, den man den amerikanischen nannte, wahr werden würde. Er nahm das Geld des Weißen, das doch viel zu wenig war für das, was er geleistet hatte, so wie er es das nächste Mal wieder nahm und seitdem immer wieder. Er hasst sich dafür.

Es kann sein, dass sich Rodolfo Guzman damals angewöhnte, stets einen Kaugummi im Mund zu behalten. Er kaut sehr langsam, es beruhigt ihn. Kürzlich etwa, als er wie jede Woche bei seinen zwei Töchtern Sofia und Michelle in der mexikanischen Küstenstadt Guaymas anrief und sie fragte, was sie sich denn so wünschten. Sofia, zehn Jahre alt, eröffnete ihm, dass sie Kinderärztin werden wolle. Und Michelle, sieben, sagte, sie wolle unbedingt auch nach Amerika kommen, ins Disneyland. Etwa 60 Dollar kostet der Eintritt dort pro Person. Rodolfo Guzman schluckte.

Fast 230 Millionen Grenzübertritte an der mexikanischen Grenze in Richtung USA verzeichnet die offizielle Statistik pro Jahr. Undokumentierte Einwanderer sind nicht eingerechnet, laut Schätzungen sind es bis zu eine Million jährlich. Die meisten sogenannten Hispanics kommen aus Mexiko selbst, viele aus den Ländern Südamerikas, die Mexiko zum Transit in die USA nutzen. Schon heute bilden die Hispanics mit fast 15 Prozent der Bevölkerung die größte Minderheit in den USA – noch vor den Schwarzen. Und weil ihre Zahl stetig wächst, vor allem in den Großstädten des Landes, drängt immer häufiger ein Konflikt an die Oberfläche, der im selbst erklärten „Einwandererland USA“ bisher eher im Verborgenen schwelte.

Es ist der Konflikt zwischen einem weißen, protestantischen Amerika, das Englisch spricht, und einem katholischen, Spanisch sprechenden. Zwar verlangt die US-Wirtschaft nach günstigen Arbeitskräften. Bei der Bevölkerung sind die mexikanischen Arbeiter aber nicht gerade beliebt. Es ist nicht abzusehen, dass sich der Konflikt abschwächen wird. Einerseits sind die eingebürgerten Hispanics heute schon eine mitunter entscheidende Wählergruppe, wie die Vorwahl bei den Demokraten in Texas gezeigt hat. Andererseits wächst aufseiten der kulturell dominierenden Anglo-Amerikaner das Unbehagen an der wachsenden Macht des Spanischen. So dürfen schon seit einigen Jahren Kinder von Einwanderern ohne Papiere keine öffentlichen Schulen mehr besuchen. Und selbst für die legal eingewanderten Hispanics hat etwa Kalifornien Spanisch als Unterrichtssprache abgeschafft. In der Grenzregion haben Einwanderungsgegner die Organisation „Minutemen“ gegründet. Ihre Mitglieder patrouillieren in Eigenregie an der US-mexikanischen Grenze, um illegale Übertritte an die Grenzpolizei zu melden.

Und so scheint es auch in Phoenix um nicht weniger zu gehen, als darum, wer in Amerikas Westen sprechen, arbeiten und leben darf. Der Bundesstaat Arizona hat ein Gesetz erlassen, das verbietet, Steuergeld für Menschen auszugeben, die ihre Herkunft nicht nachweisen können. Seither zahlen auch die Behörden von Phoenix nicht mehr für den Erhalt des „Macehualli Day Work Center“, dessen Gründung die Stadt 2003 mitfinanziert hatte, um die Straßen von herumlungernden Tagelöhnern zu säubern und sie an einem Ort zu konzentrieren. Durchaus mit Erfolg: Die Kriminalitätsrate sank, der Umsatz der Läden von „Paradise City“ stieg dagegen stetig, wie die Vereinigung der örtlichen Geschäftsleuten betont.

Als die Gegner noch nicht vor dem Tor standen, konnten Guzman und seine Kollegen an einem guten Tag etwa 60 Dollar verdienen, so viel wie in einer Woche in Mexiko. Ohne Ausbildung, ohne Arbeitserlaubnis, ohne Sozialversicherungsnummer. Und trotzdem einigermaßen geschützt, da die Vermittlung unter den Augen von Behörden, Sozialarbeitern und vor allem den Kollegen funktionierte, die sich Lohnpreller merkten. Das Prinzip des „Macehualli Day Work Center“ war einfach – und fand Nachahmer bei Kommunen im ganzen Land.

Denn anders als von Kritikern zunächst befürchtet, erwies es sich nicht als Einfallstor für Einwanderer, die sich in den USA niederlassen wollen. „Die meisten schicken das Geld nach Mexiko“, sagt Rodolfo Guzman. Auch er will inzwischen zurück: „In diesem Land habe ich keinen Gott, keine Arbeit, kein Essen.“ Und vielleicht ist das einer der Gründe, warum viele Weiße immer noch eher verstört auf die Gastarbeiter reagieren: Nicht der Weg vom Tagelöhner zum Millionär ist der Traum dieser Arbeiter, sondern ein Leben, das mit dem amerikanischen Lebensstil nur so viel zu tun hat wie nötig.

Guzman arbeitet normalerweise vier bis sechs Monate in Phoenix, bevor er die 40 Dollar ausgibt, die der Bus kostet, der ihn nach Hause zu seinen Töchtern bringt. An Weihnachten war es das letzte Mal soweit. Als der Bus über die Grenze fuhr, tat Rodolfo Guzman, was er in diesem Moment immer tut: Er spuckte seinen Kaugummi aus und kaufte sich ein mexikanisches Bier. Zu Hause angekommen kam ihm Michelle mit einem Buch entgegen. Sie hatte in seiner Abwesenheit lesen gelernt und als sie so mit langsamer, abgehackter Stimme das Buch vorzulesen begann, wusste Guzman, dass er bald nach Mexiko zurückkommen musste.

Es sind Geschichten wie diese, die die Gegner vor dem Tor des „Work Centers“ selten zu hören bekommen. Rodolfo Guzman spricht nicht mit ihnen. Sein Widerstand besteht darin, zu warten. Und zu kauen. Möglich, dass das Zentrum schließen muss, wenn es die Gegner lange genug schaffen, Auftraggeber fernzuhalten und die Arbeiter sich ihre alten Plätze an den Straßen von Paradise City suchen. „Dann würden die Leute merken, was das bedeutet“, sagt Guzman.

Für ihn würde die Schließung noch etwas anderes bedeuten. Eine Entscheidung. „Ich bin alt geworden“, sagt der 33-Jährige, als wäre es in den zwei Jahren geschehen, seit er zum ersten Mal über die Grenze kam. „Ich werde heimkehren.“ Bald.Vorher müsse nur noch sein Englisch besser werden. Dann könnte ihn ja vielleicht ein Hotel in Mexiko anstellen.

Guzmans Kollegen kehren von der Straße zurück. Es hat niemand angehalten. Normalerweise werden Arbeitskräfte nicht im Vorbeifahren geholt, sondern gezielt. Doch seit die Männer mit den Waffen da sind, trauen sich immer weniger Auftraggeber in das Viertel. Als die Arbeiter in die Auffahrt des „Work Centers“ einbiegen, recken die Einwanderungsgegner den Mexikanern Schilder entgegen: „Illegal! Genug gesagt!“ Einer ruft: „Ihr solltet froh, sein, wenn man euch nicht am nächsten Baum aufknüpft“. Sofort zieht einer der Organisatoren des Zentrums eine Videokamera aus der Tasche. Und ein Arbeiterführer schreit: „Sag das noch einmal!“ Die Tagelöhner wollen die Drohung auf Kameras aufzeichnen. Damit könnten sie die Gegner endlich anzeigen. Doch die Leute vor dem Tor schweigen jetzt.

Guzman hat die Rufe gehört. Seine Kiefer mahlen so langsam wie zuvor. „Vielleicht“, sagt er, „werde ich meinen Töchtern später einmal dieses Land zeigen.“ Dann wird er in Mexiko einen Koffer packen, seine Töchter in einen Bus packen und nach Los Angeles fahren. Doch, er wird zurückkommen. Als Tourist. Er wird ins Disneyland fahren.

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