Zeitung Heute : USA rätseln über Motiv der Attentäter

Obama: Es gehört zu Amerikas Stärken, offen für Zuwanderer zu sein / Erleichterung in Boston.

Betont ruhig lässt sich US-Präsident Barack Obama von seiner Anti-Terror-Beraterin Lisa Monaco über die Festnahme des zweiten Tatverdächtigen in der Nacht zu Samstag
Betont ruhig lässt sich US-Präsident Barack Obama von seiner Anti-Terror-Beraterin Lisa Monaco über die Festnahme des zweiten...Foto: dpa

Nach dem glücklichen Ende der Suche nach den Attentätern von Boston hat US-Präsident Barack Obama zur Besonnenheit aufgerufen. Am späten Freitagabend (Ortszeit) hatten die Einsatzkräfte den 19-jährigen Dschochar Zarnajew nach einem weiteren Feuergefecht festgenommen. Er hatte Schusswunden im Nacken und an den Beinen. Sein 26-jähriger Bruder Tamerlan Zarnajew war einige Stunden zuvor an schweren Verletzungen gestorben. Sie stammen einerseits von den Schusswechseln mit der Polizei, andererseits hatte ihn Dschochar bei seinem letzten Fluchtversuch mit einem gestohlenen Geländewagen überrollt. Er flüchtete zu Fuß und versteckte sich zuletzt in einem Boot im Garten eines Einfamilienhauses. Es liegt außerhalb der 20 Straßenblocks im Vorwort Watertown, die am Freitag abgesperrt worden waren, um sie Haus für Haus zu durchsuchen.

In einer triumphalen Pressekonferenz sprachen der Gouverneur von Massachusetts Patrick Deval und der Bürgermeister von Boston Thomas Menino von einem „großartigen Sieg“. Die Einsatzleiter der Polizei und des FBI meldeten: „Die Fahndung ist abgeschlossen, der Terror ist beendet, die Gerechtigkeit hat triumphiert.“ Die Anwohner bildeten ein Spalier für die abrückenden Einsatzkräfte, applaudierten und jubelten ihnen zu.

Auch Obama dankte den Spezialkräften in einer Fernsehansprache für ihre Arbeit und den Bürgern für ihre Mithilfe bei der Fahndung. Der Versuch, Amerika zu terrorisieren, sei „gescheitert“. Denn „die Bürger von Boston lassen sich nicht einschüchtern. Amerika lässt sich nicht terrorisieren.“ Es gebe freilich noch viele offene Fragen, fügte Obama hinzu. „Warum greifen junge Männer, die hier aufgewachsen sind und hier studiert haben, zu solcher Gewalt?“ Es gehöre zu Amerikas Stärken, offen für Zuwanderer zu sein und Neuankömmlinge willkommen zu heißen.

Zuvor hatte die Großfahndung mehrere dramatische Wenden genommen. Die Polizei musste immer wieder Rückschläge vermelden. Die Ermittler hatten am Donnerstagabend Fotos der beiden Gesuchten veröffentlicht, ohne zu diesem Zeitpunkt zu wissen, dass beide seit Jahren in Boston leben. Sie hatten offenbar keine Fluchtpläne und versuchten nun erst zu entkommen. In der Nacht zu Freitag erschossen sie einen Campus- Polizisten des Massachusetts Institute of Technology (MIT), kaperten einen Geländewagen, ließen dessen Fahrer aber frei, nachdem sie mit seinen Kreditkarten Geld abgehoben hatten. Es folgte eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei im Vorort Watertown mit Feuergefechten. Im Laufe einer solchen Konfrontation stieg der ältere Bruder aus dem Geländewagen und wurde vom jüngeren Bruder überrollt, als der alleine weiter flüchtete. Das schwer beschädigte Auto ließ er stehen und entkam zu Fuß. Die Abriegelung der Gegend blieb über Stunden erfolglos. Um 18 Uhr hob die Polizei sie auf und ließ durchblicken, der Gesuchte sei entkommen. Erst Stunden später fand sich seine Blutspur, die zu dem Versteck im Boot führte.

Die beiden Gesuchten stammen aus einer tschetschenischen Familie. Den Älteren hatte das FBI im Jahr 2011 auf Bitten Russlands verhört wegen des Verdachts, er habe Kontakt zu tschetschenischen Extremisten. Obama dankte Russland Putin in einem Telefongespräch für die Kooperation, von der die USA insbesondere nach den Anschlägen profitiert hätten. Sicherheitskreise schließen einen islamistischen Hintergrund des Bombenanschlags auf den Marathon nicht aus. Obama verwies auf ungeklärte Fragen etwa nach möglichen Mittätern. Der Anschlag auf den Boston-Marathon war das schwerste Attentat in den USA seit dem 11. September 2001. mit rtr

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