USA-Reise : Grüß Gott, Amerika

Benedikt XVI. beginnt heute seinen USA-Besuch. Er ist erst der dritte Papst, der dorthin reist. Welche Erwartungen sind mit seinem Besuch verbunden?

Christoph Marschall[Washington]

Die USA sind im Papstfieber. Ob katholisch, ob überhaupt gläubig oder nicht: Die Neugier auf den sechstägigen Besuch Benedikts XVI. scheint unbegrenzt zu sein. Seit Tagen verdrängt das deutsche Kirchenoberhaupt selbst das Präsidentschaftsrennen von den Titelseiten der großen Zeitungen. Wie schafft man es zum Beispiel, 57 000 Gläubigen bei der Messe im New Yorker Yankee-Stadion am kommenden Sonntag die Kommunion zu erteilen, wenn dafür nur 14 Minuten vorgesehen sind? 530 Priester sollen helfen. Die Baseballfans erfahren, dass der Papst seinen Platz genau über der „second base“ auf dem Spielfeld haben wird. Für den Fall, dass der Wettergott seine eigenen Pläne hat, werden 100 000 Regenponchos bereitgehalten. Benedikt XVI. wird ein Gewand tragen, das vor einem halben Jahrhundert handgewebt wurde und das drei polnische Nonnen mit Gold- und Silber bestickt haben.

Er schmückt auch die Titel der Wochenmagazine. Die eine Variante: Joseph Ratzinger wird als großer USA-Fan porträtiert. Als 18-jähriger Wehrmachtssoldat geriet er in Kriegsgefangenschaft, erlebte die Sieger aber nicht als Racheengel, sondern als Helfer beim Aufbau Deutschlands. Die andere Variante thematisiert den inneren Zwiespalt: Der Papst fasziniert die US-Bürger, aber nicht einmal die Katholiken unter ihnen befolgen seine Lehren. Sie sind bei den großen Streitfragen wie Abtreibung, homosexuelle Partnerschaften oder Priesteramt sogar meistens liberaler als die evangelikalen und protestantischen Gläubigen in den USA. 62 Prozent der US-Katholiken meinen, dass Abtreibung in allen oder fast allen Fällen erlaubt sein sollte (USA gesamt: 57 Prozent). 63 Prozent der US-Katholiken – aber nur 55 Prozent der US-Bürger – sagen, homosexuelle Paare sollten dieselben Rechte wie heterosexuelle Ehepartner haben.

Es gibt kaum Priesternachwuchs in den USA. Der hauptamtliche katholische Klerus muss aus dem Ausland geholt werden. Das Gemeindeleben halten 35 000 Laienpriester aufrecht, davon sind 80 Prozent Frauen. Und die katholische Kirche in den USA wächst, trotz der Skandale um den sexuellen Missbrauch Minderjähriger in den 60er, 70er und 80er Jahren. Deren Aufarbeitung brachte der Kirche jahrelange negative Schlagzeilen ein, stürzte sechs Diözesen in den finanziellen Bankrott und führte zu zwei Milliarden Dollar Entschädigungen an die Opfer. Hunderttausende verloren das Vertrauen in die Kirchenführung.

Doch parallel dazu wanderten Millionen Katholiken aus Mexiko, Mittel- und Südamerika in die USA ein. Auch für viele Amerikaner scheint der feste Ritus der katholischen Kirche eine verlässlichere Basis zu sein als die Showelemente, mit denen evangelikale Prediger, Freikirchen und Sekten um Anhang werben. Die katholische Kirche der USA verzeichnet mehr Ein- als Austritte. 1975 zählte sie 49 Millionen Mitglieder, heute sind es 65 Millionen.

Benedikt XVI. wird deshalb auf selbstbewusste Gastgeber treffen. Sie meinen, eine überzeugendere Antwort als Europa auf die Frage zu haben, wie der Glaube und wie die katholische Kirche in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft attraktiv bleiben können. Als erster Papst überhaupt war Paul VI. 1965 in die USA gereist. Johannes Paul II. kam fünf Mal zu Besuch, sein letzter 1999 liegt neun Jahre zurück.

Benedikt XVI. wird am heutigen Dienstag um 16 Uhr nachmittags auf der Andrew Airforce Base bei Washington landen. Dort begrüßen ihn George W. Bush und seine Frau Laura. Am Mittwochvormittag folgt der offizielle Besuch im Weißen Haus. Nachmittags feiert Benedikt XVI. eine „private“ Gebetsstunde mit 300 Bischöfen in der Basilika der Unbefleckten Empfängnis. Es ist zugleich sein 81. Geburtstag. Am Donnerstag hält der Papst eine Messe im neuen Baseballstadion der Washington Nationals und spricht später vor katholischen Pädagogen über die Bedeutung einer christlichen Erziehung. In diesen Tagen wohnt er in der Nuntiatur, der Vertretung des Vatikans in der US-Hauptstadt.

Am Freitag, dem dritten Jahrestag seiner Wahl zum Papst, reist Benedikt XVI. nach New York weiter und spricht vor den Vereinten Nationen. Am Sonnabend folgen Begegnungen mit Seminaristen und Priestern. Und zum Abschluss am Sonntag die Messe im Yankee-Stadion sowie ein Besuch an Ground Zero, wo einst das World Trade Center stand.

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