Zeitung Heute : USA: Trost aus der Glitzerwelt

C.Wieland

Gespenstisch wirken die leeren Hotels zwischen New York und Los Angeles noch immer. Stumm liegt die Mall vom Kapitol bis zum Lincoln Memorial in Washington. Wo sonst Menschentrauben ins Weiße Haus strömen, patrouillieren Cops auf Pferden und in Polizeiwagen. Wie Mehltau hat sich die Katastrophe vom 11. September über den sonst so quirligen Alltag der Amerikaner gelegt. Doch ausgerechnet die Symbole der US-Spaßgesellschaft melden wieder ein Stückchen Normalität: In der Spielhölle Las Vegas klingeln die Münzen und strippen die Tänzerinnen, und der Disney- Park in Florida füllt sich wieder mit Familien und Kindern.

"Wir wissen, dass sich die Wirklichkeit gewandelt hat", sagt Erika Brandvik von der Tourismus-Behörde in Las Vegas. "Deshalb wird es umso wichtiger, der Realität zu entfliehen. Die Leute wollen weg vom Fernseher, wo sie immer wieder mit den schrecklichen Bildern konfrontiert werden." In der Woche nach der Tragödie meinten noch einige Las Vegas-Fans, sie fühlten sich schuldig, sich zu vergnügen. "Aber schon jetzt liegen unsere Besucherzahlen fast auf normalem Niveau", sagt Brandvik.

Die Glamour-Stadt mit 125 000 Hotel-Betten in der Wüste Nevadas kündigte in dieser Woche eine sanftere Marketing-Strategie an - angepasst an die neuen Realitäten. Es ist wieder "Zeit für Dich" empfehlen die Stadtväter mit einem bisher unveröffentlichten Song der Schlager-Ikone Frank Sinatra aus den 80er Jahren.

Die Flucht aus der Furcht dämpft die Verluste auch bei Disneyland in Florida. "Viele besuchen uns jetzt, um der Tragödie zu entkommen. Sie mussten irgendwo hin, wo alles nur Fantasie ist", sagt der Pressesprecher der beiden Vergnügungsparks in Anaheim, Ray Gomez. Nach Schätzungen rasen etwa 20 Millionen Besucher jährlich auf den Achterbahnen und lassen sich in den Tanzshows von Mickey Mouse und Goofy mitreißen.

Kurz nach den Terror-Anschlägen fand kaum jemand Spaß daran. Am 11. September wurde Disneyland, das ohnehin in einer Finanzkrise steckt, zum ersten Mal nach der Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy im Jahr 1963 geschlossen. "Doch es wird von Tag zu Tag besser", sagt Gomez. Ganz so locker wie früher wird es aber nicht mehr sein. Jetzt wird jede Tasche am Eingang kontrolliert. Unter die Besucher mischen sich zivile Polizisten.

Anaheim selbst und andere Städte leidet dagegen langfristiger unter der Tourismus-Flaute. Viele Kongresse wurden abgesagt. Nur etwa 60 Prozent der Hotel-Betten sind landesweit belegt, in Washington sogar nur rund 30 Prozent. Die Hauptstadt, die sonst zehn Milliarden Dollar (21 Milliarden Mark) vor allem an einheimischen Besuchern verdient, spürt neben New York die Folgen der Katastrophe auch in der Gastronomie am heftigsten. "Wir rechnen mit zehn Millionen Dollar Verlust am Tag. Einige Hotels haben die Hälfte ihrer Mitarbeiter entlassen", sagt Rebecca Pawlowski vom Tourismus-Verband Washington. Etwa 50 000 Menschen hätten ihren Job verloren, vom Barkeeper bis zum Taxifahrer. Anders als die großen Fluggesellschaften haben sie jedoch keine Aussicht auf staatliche Hilfe. Leer geht auch der Souvenir-Verkäufer John Long aus, der seinen Stand nahe der Mall in Washington aufgebaut hat. "Ich habe heute nur rund 50 Dollar eingenommen, sonst sind es 300", sagt er bitter. "Das Geld reicht gerade für die Miete und zum Essen. Ausgehen kann ich mir nicht mehr leisten", sagt der 55-jährige Familienvater. Einnahmen bringen fast nur noch die Schals, Mützen und T-Shirts mit dem "Stars and Stripes"-Motiv und die kleinen US-Flaggen am Strohhalm für zwei Dollar.

Auf den Nationalstolz setzen auch die Washingtoner Tourismusplaner. "Sehr patriotisch" werde die neue Werbestrategie sein, meint Rebecca Pawlowski. Ein erster Hoffnungsschimmer erreichte die vom Terror gedemütigte Hauptstadt am Donnerstag vergangener Woche: Nach drei Wochen Pause dröhnten wieder Flugzeuge über die Stadt zum wiedereröffneten nationalen Airport.

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