Zeitung Heute : USA und China: Online-Streit um Flugzeugabsturz

Harald Maass

Auch dem Internet würde in diesen Tagen etwas Diplomatie gut tun. Während die Gesandten aus den USA und China in Peking seit Tagen um die Beilegung des Streits um das Spionageflugzeug verhandeln, bläst die Internet-Gemeinde in beiden Ländern zum virtuellen Krieg. In den vergangenen Tagen knackten US-amerikanische Hacker mehr als 100 chinesische Webseiten. Chinesische Internet-Freaks schlagen zurück. Auf einer Navy-Webseite in Virginia ( www.peoarbs.navy.mil ) hinterließen sie die chinesische Nationalflagge. "China hat auch die Atombombe", hieß es drohend im Text darunter.

Seit der Flugzeugkollision am 1. April, bei der ein chinesischer Abfangjäger abstürzte und das US-Spionageflugzeug in Südchina notlanden musste, schlagen im Internet die patriotischen Wellen hoch. Hacker beider Länder haben den Streit der Großmächte in den virtuellen Raum verlegt.

PoizonBox

Eine anonyme amerikanische Hackergruppe mit dem Pseudonym "PoizonBox" knackte und blockierte allein mehr als 100 chinesischer Webseiten im Internet. Opfer der Angriffe waren die Pekinger Eliteuniversität Qinghua, südchinesische Handelsfirmen und Dutzende regionaler Regierungsseiten. "Diese Jungs hauen wirklich auf alles drauf, auf jede Webseite, die eine Sicherheitslücke hat", zitiert das Fachmagazin "Wired" einen Experten. "Es ist ihnen egal, wem die Seiten gehören, sie sammeln nur die Skalps."

Chinas "Heike" (Hacker) trommeln derweil zum Gegenangriff. Auf mehreren Webseiten kleiner US-Firmen erschienen am Donnerstag nationalistische chinesische Botschaften. "Wir sind empört über das Eindringen der Imperialisten", hieß es auf einer geknackten US-Seite ( www.iplexmarin.com ).

Unter der roten chinesischen Nationalflagge präsentierte die "Chinesische Hackerunion" Bilder des bei dem Zusammenstoß am 1. April getöteten Piloten Wang Wei. Im englischen und chinesischen Text konnten überraschte US-Surfer dazu lesen: "Wir sind bereit, alles für unser Vaterland zu geben, auch unser Leben." Und im Hintergrund spielt dazu noch die chinesische Nationalhymne.

Chinas Studenten, denen die Regierung öffentliche Demonstrationen verboten hat, toben ihre Wut gegen die Großmacht USA im virtuellen Netz aus. In chinesischen Webforen wie Sohu.com und Sonderseiten wie killUSA.com ( www.killusa.abc.yesite.com ) hinterlassen sie wütende und nationalistische Pamphlete gegen "arrogante US-Imperialisten". "Ihr habt vielleicht Spionageflugzeuge, aber wir haben die Bombe", drohte gestern ein Besucher in Sohu. "Der Vorsitzende Mao sagte: Alle Imperialisten sind nur Papiertiger!"

Schnell gelernt

In den wenigen Jahren, die es das Internet in China erst gibt, haben die chinesischen Hacker schnell gelernt. Sie blockierten mehrmals japanische und taiwanesische Regierungsseiten. Angetrieben von der nationalistischen Berichterstattung in den Staatsmedien sammeln sie sich nun zum Schlag gegen die USA.

Wegen der besseren Sicherheitstechnik in den Vereinigten Staaten konnten sie bisher weniger Seiten kapern als ihre amerikanische Konkurrenten. Ab dem 1. Mai soll nun eine Gegenoffensive unter dem Motto "Laodong Jie" - "Tag der Arbeit" - starten. China hat dann eine Woche Feiertage und die Hacker genügend Zeit, um sich an den großen US-Webseiten einmal richtig auszuprobieren.

Es klingt wie von einer tatsächlichen Front, was die selbst ernannten Netzkrieger in der virtuellen Welt verbreiten. "Die USA versuchten offensichtlich, unsere Nachbarländer - Japan, Taiwan und die Philippinen - zu manipulieren", analysiert ein anonymer chinesischer Hacker die Taktik der nächsten Offensive. "Sie versuchen uns einzukreisen, aber wir werden ihnen einen Denkzettel verpassen und Amerikas Seiten mit Chinesischer Kraft blockieren!"

Trauermusik

Hat sich also nichts verändert, nur Hass und Wut in der schönen neuen Computerwelt? Besinnlicher und friedlicher geht es auf der virtuellen Trauerseite www.netor.com zu. Der Internet-Dienst bietet Chinesen an, im Internet das Andenken an ihre Toten und Vorfahren zu pflegen.

Für den getöteten Militärpilot Wang Wei hat Netor eine Sonderseite eingerichtet, auf der Tausende Chinesen Gedenkbotschaften hinterlassen haben. Bei manchen Botschaften flimmern dazu virtuelle Kerzen. Und leise tönt Trauermusik durch den virtuellen Raum.

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