USA : Wer ist Rahm Emanuel?

Er gilt als Mischung aus Pitbull und Mafiapate. Seine Sprache ist derb, seine Methoden sind hart. Obama machte ihn zu seinem wichtigsten Berater. Der gläubige Jude will sich nun als Stabschef beweisen.

Fabian Leber
Rahm
Straßenkämpfer mit Killerinstinkt. Rahm Emanuel ist Stabschef im Weißen Haus. -Foto: AFP

ALS STABSCHEF IM WEISSEN HAUS IST RAHM EMANUEL DER ENGSTE MITARBEITER VON BARACK OBAMA. WAS FÜR EIN TYP IST ER?



Würde man Rahm Emanuel einen Draufgänger nennen, dann wäre das wahrscheinlich noch untertrieben. Nichts illustriert dies besser als eine Geschichte aus der Sturm-und-Drang-Zeit des 49 Jahre alten Familienvaters. Gegen Ende seiner Highschool-Zeit jobbte Rahm Emanuel (sein Vorname steht im Hebräischen für „erhaben“) nebenher in einem Fast-Food-Restaurant in Chicago. Ausgerechnet am Tag des Abschlussballs geriet er mit dem Mittelfinger seiner rechten Hand in einen Fleischwolf. Rahm Emanuel verletzte sich, aber er weigerte sich, zum Arzt zu gehen, weil er ja abends noch zu dem Ball wollte. In der Nacht hatte er dann nichts Besseres zu tun, als mit seinen ehemaligen Mitschülern in den Lake Michigan zu springen. Das hätte ihn fast das Leben gekostet. Sein Finger entzündete sich, die Ärzte sagten ihm, sie wüssten nicht, ob er die Vergiftung überleben würde. Im Krankenhaus wurde ihm dann die obere Hälfte seines Fingers amputiert.

Es ist eine Geschichte, über die selbst sein neuer Chef Witze macht. Bei einem Spendendinner in Chicago lästerte er, seit sich Emanuel versehentlich den Finger abgeschnitten habe, sei sein Mitstreiter verstummt. Obama spielte darauf an, dass Emanuel zumindest im übertragenen Sinn gerne seinen Mittelfinger einsetzt, um anderen mitzuteilen, was er über sie denkt.

Als eine „Mischung aus Pitbull und Mafiapate“ hat kürzlich der britische „Independent“ den neuen Stabschef charakterisiert. „Es gibt kaum jemanden, der das F-Wort häufiger benutzt als er“, heißt es in Washington in Anspielung auf die cholerischen Fähigkeiten Emanuels. Um Rahm Emanuels Charakter zu beschreiben, scheint Journalisten in den USA kaum ein Ausdruck zu hart zu sein: Von rücksichtslos ist da die Rede, als ruppig und durchtrieben wird er bezeichnet, für manche ist er ein „Straßenkämpfer mit Killerinstinkt“. Seinen Spitznamen „Rahm-bo“ wird er nicht mehr los.

Legendär sind zwei Geschichten, die sich in der politischen Anfangszeit Rahm Emanuels zugetragen haben. Bei der einen geht es um einen toten Fisch, bei der anderen um einen zerstörten Tisch. In seiner Zeit als Wahlkampfmanager in Chicago in den 80er Jahren hatte sich Emanuel so über den Meinungsforscher Alan Secrest geärgert, dass er per Post einen fauligen Fisch an dessen Adresse schickte. Neben das stinkende Tier legte er einen Zettel, auf dem stand: „Es war schrecklich, mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Liebe Grüße, Rahm.“ Die zweite Geschichte ereignete sich 1992 bei einem Dinner in Arkansas anlässlich der Wahl von Bill Clinton. Rahm Emanuel war der Ansicht, dass einige prominente Demokraten nicht genug Geld gespendet hatten. „Sie sind tot, sie alle sind tot“, rief er der konsternierten Festgesellschaft entgegen und brüllte einige Namen in die Menge. Er nahm sein Steakmesser und rammte es nach jeder Namensnennung in die Tischkante – bis das Möbelstück so gut wie nicht mehr zu gebrauchen war.

Schwer vorstellbar, wie der hitzige Rahm Emanuel zu dem stets so beherrscht auftretenden Obama passen soll. Aber der weiß um die Vorgeschichte seines engsten Mitarbeiters und sagte bei dessen Nominierung: „Ich bin mir sicher, Rahm ist gereift.“ Außerdem scheint Emanuel durchaus zur Selbstkritik fähig zu sein: „Ich fluche zu viel“, hat er vor kurzem einmal gesagt.


WAS HAT IHN GEPRÄGT?

Dass es Rahm Emanuel bis ins Innerste des Weißen Hauses gebracht hat, hängt sicherlich auch mit seiner familiären Herkunft zusammen. Er wuchs in einer Mittelklassefamilie in Chicago auf, in der Erfolg und Anstrengung immer eine große Rolle spielten. Sein älterer Bruder Ezekiel ist ein führender Medizinethiker, sein zweiter Bruder Ari ein bekannter Schauspielagent in Hollywood.

Rahm Emanuels Vater Benjamin war in den 50er Jahren von Israel nach Illinois ausgewandert. Benjamin Emanuel war Mitglied der Irgun, einer paramilitärischen Gruppe, die zwischen 1931 und 1948 im britischen Mandatsgebiet Palästina kämpfte. „Ich bin stolz auf meine jüdischen Wurzeln und bewahre die Werte, die mir beigebracht wurden“, sagt Rahm Emanuel. Er und seine Frau Amy, die kurz vor der Hochzeit zum Judentum wechselte, sind aktive Mitglieder der Anshe Sholom B’Nai Israel, einer modern-orthodoxen Gemeinde in Chicago.

Rahm Emanuels Mutter Martha Smulevitz wuchs als Tochter eines Gewerkschaftsführers in Illinois auf. Ihr hat es der Politiker zu verdanken, dass er in den 60er Jahren als Kind zu den Bürgerrechtsmärschen mitgenommen wurde und Kundgebungen von Martin Luther King besuchte. Die Mutter war es auch, die für die Teilnahme ihres Sohnes am Ballettunterricht sorgte – ein Umstand, der kaum zum Image des harten Politikknochens von heute zu passen scheint. Emanuel war als Tänzer so erfolgreich, dass ihm sogar ein Stipendium für eine Ballettausbildung angeboten wurde. Doch er lehnte ab, studierte Rhetorik und Kommunikation – und es dauerte Jahre, bis er in der rauen Lokalpolitik von Chicago das Image des zartbesaiteten Ballett-Eleven loswurde.


WIE NÜTZLICH IST ER FÜR OBAMA?

Die Berufung von Rahm Emanuel zum designierten Stabschef war die erste Personalentscheidung, die Barack Obama nach seinem Wahlsieg traf. Die Republikaner waren noch damit beschäftigt, das Ende ihrer achtjährigen Amtszeit im Weißen Haus wegzustecken. Umso ungewöhnlicher war es, dass prominente Republikaner sogleich mit einem negativen Urteil zur Hand waren. Normalerweise gilt bis zur Vereidigung des neuen Präsidenten eine Schonfrist. Der republikanische Fraktionschef im Repräsentantenhaus, John Boehner, ließ sich mit den Worten zitieren: „Diese Wahl entbehrt nicht einer gewissen Ironie für einen künftigen Präsidenten, der versprochen hat, den Wandel nach Washington zu bringen.“

Für einen überparteilichen Ansatz steht Rahm Emanuel in der Tat nicht, wenngleich er es auch beherrscht, „über den Gang zu regieren“. So wird in Washington die politische Kunst bezeichnet, jenseits des Mittelgangs im Repräsentantenhaus, also in den Reihen der gegnerischen Partei, Unterstützung zu organisieren. Darum wird auch die neue Obama- Regierung nicht herumkommen. Denn obwohl die Demokraten eine klare Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses haben, gehört es zu den Unwägbarkeiten des amerikanischen Parlamentsbetriebs, dass Abgeordnete und Senatoren auch mal einem Präsidenten mit demselben Parteibuch die Gefolgschaft verweigern.

Für Obama ist Rahm Emanuel besonders nützlich, weil er im Gegensatz zu ihm das Klein-Klein der Hauptstadtpolitik beherrscht. Hillary Clinton hat bereits angedeutet, welche Rolle dem neuen Stabschef in der Obama-Administration zufallen wird. Er wird derjenige sein, der die schlechten Nachrichten zu überbringen hat, der „Bad Cop“ – im Gegenzug zu Obama, der sicherlich auch als Präsident ein „Good Cop“ bleiben will.

Unter den engen Mitarbeitern Barack Obamas muss sich Rahm Emanuel am wenigsten an die neue Rolle gewöhnen. Zwischen 1993 und 1998 diente er bereits Bill Clinton als politischer Direktor im Weißen Haus, ein einflussreicher Posten für den damals gerade erst 33-Jährigen. Damals kümmerte er sich um Sachen, die niemand anders erledigen wollte – angefangen von Verhandlungen mit den Republikanern über ein Schusswaffenverbot bis hin zur Abwehr des Amtsenthebungsverfahrens im Zuge der Lewinsky-Affäre.

Das Amt des Stabschefs ähnelt dem des deutschen Kanzleramtsministers. Er bestimmt, wer Zugang zum Präsidenten bekommt und welche Akten ihm vorgelegt werden. Als eine Art Chefberater kann er auch Einfluss auf die Grundzüge der Regierungspolitik nehmen. Dabei wird er sich aber umstellen müssen, vom rabaukigen Einpeitscher zum geräuschlosen Strippenzieher. Noch ist kaum abzusehen, wie Emanuel seinen Einfluss nutzen wird. Bisher hat er ein recht instrumentelles Verständnis von Politik an den Tag gelegt. Wichtig ist ihm vor allem, dass er Ziele durchgesetzt bekommt.

Es gibt eigentlich nur zwei Bereiche, die für Rahm Emanuel wirkliche Herzensangelegenheiten zu sein scheinen. Da ist einmal das Projekt einer allgemeinen Krankenversicherung, das in der ersten Amtszeit von Bill Clinton gescheitert war und mit dessen Umsetzung Rahm Emanuel im Weißen Haus betraut war. Und da ist der Nahostkonflikt, der jetzt auch zur ersten außenpolitischen Bewährungsprobe für die Regierung Obama geworden ist.

Rahm Emanuel kennt sich aus in Israel. Dort verbrachte er die Urlaube seiner Kindheit, und er flog 1991 im ersten Golfkrieg in den Nahen Osten, um auf einer Militärbasis in Nordisrael einige Monate lang als Freiwilliger Armeelaster zu reparieren. Von Seiten arabischer Amerikaner brachte ihm das den Vorwurf der Voreingenommenheit ein. Hinzu kam, dass sein Vater in einem Interview mit der israelischen Zeitung „Maariv“ sagte, natürlich werde sein Sohn die amerikanische Politik zugunsten Israels beeinflussen. Rahm Emanuel entschuldigte sich später für diese Äußerung seines Vaters.

Es ist auch nicht ausgemacht, dass Emanuels familiärer Hintergrund für die israelische Führung zum Vorteil wird. Vielleicht stimmt sogar eher das Gegenteil. Gerade ihm als erklärtem Freund Israels wäre es zuzutrauen, den amerikanischen Wunsch nach einem Stopp des Siedlungsbaus durchzusetzen. Dazu passt, dass Rahm Emanuel schon im Vorfeld versucht hat, seine eigene Rolle kleinzureden – ganz gegen sein sonstiges Naturell: „Barack ist nicht auf meine Hilfe angewiesen, um sich ein Bild von seiner Politik gegenüber Israel zu machen“, sagte er da.

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