Zeitung Heute : Utopistin der Ewigkeit

„Das Käthchen von Heilbronn“ als Gothic-Ritter-Western in der Inszenierung von Jan Bosse

Das große Ritterspiel. „Das Käthchen von Heilbronn“ ist für Regisseur Jan Bosse eines der modernsten Stücke von Kleist, in dem die Gegensätze unversöhnt aufeinanderprallen. Foto: L. Grün / K. Strempel
Das große Ritterspiel. „Das Käthchen von Heilbronn“ ist für Regisseur Jan Bosse eines der modernsten Stücke von Kleist, in dem die...

Ein „großes historisches Ritterschauspiel“ hatte der Autor im Sinn. Von heute aus betrachtet eine recht entrückte Gattung. Für Regisseur Jan Bosse aber ist „Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe“ eines der modernsten Stücke von Kleist. Weil darin die Welten so radikal aufeinander prallten, wie er findet. Weil sich die Figuren so unversöhnlich gegenüberstünden wie eine strenggläubige Muslimin und eine Nudistin, die sich darüber austauschen müssten, warum die eine bloß noch ihre Augen zeigen will, während die andere keinen Fetzen Stoff am Körper duldet. Mit der bitteren Pointe, dass die beiden zuvor enge Freundinnen und Gleichgesinnte waren. Kleist spitze die Konflikte derart zu, dass keine Verständigung mehr möglich sei: „Die Menschen sind sich fremd.“

Am befremdlichsten freilich erscheint die Titelheldin. Das besessene Käthchen, das im Traum ihren Mann gesehen hat, Graf Wetter vom Strahl, den sie nun mit unbedingter Liebe verfolgt, für den sie alle früheren Bindungen löst. Es gebe ja das schöne Wort von László Földenyi, sagt Bosse, wonach die Kleist-Figuren Utopisten des Augenblicks seien. Sie alle scheitern und verglühen, aber zuvor haben sie ihren visionären Moment. Für Käthchen gelte das nicht. Die sei Utopistin der Ewigkeit. Und bleibe rätselhaft in ihrem zeitlosen Verlangen.

„Ich habe es zum ersten Mal mit einer Figur zu tun, die man sich nicht psychologisch heranziehen kann“, befindet Bosse. Man müsse hier schlicht die Setzung des Autors akzeptieren: „Er bürdet ihr einen Fluch auf. Die kann nicht anders“. Ihn interessiert es zu zeigen, dass Käthchen selbst unter diesem Terror-Traum vom idealen Gatten leidet und an vielen Punkten am liebsten Schluss machen würde mit dem Herzensfuror. Und auch am Kleistschen Happy End, das Käthchen per Deus ex Machina zur Kaiserin erhebt, reibt sich der Regisseur mit Vergnügen: „Das ist so überbordend, dass man nicht weiß, ist es lustig gemeint oder ernst?“

Kleist, erklärt Jan Bosse, wollte mit dem Käthchen unbedingt ein Erfolgsstück schreiben. Ungewöhnlich für einen Dramatiker, der von den literarischen Zeitgenossen abgelehnt wurde und immer quer zur eigenen Epoche stand. Jedenfalls mischte der um Publikumsgunst bemühte Preuße im „Käthchen“ die Genres und Ästhetiken so fabulierwütig, dass einem schwindeln kann. Pralle Mittelaltermythen, schon damals Folklore, stehen neben heilig-abgehobenen Momenten, in denen ein Cherub das Mädchen aus dem Feuer rettet.

Die großen Kleist-Themen, Ohnmacht und Bewusstsein, Traum und Alptraum, begegnen der blanken Persiflage. „Die beginnt schon bei den Namen“, amüsiert sich Bosse: „Fräulein Kunigunde von Turneck. Otto Graf von der Flühe. Hans von Bärenklau“. Und, klar, Graf Wetter vom Strahl. Für den hat er einen seiner Lieblingsschauspieler gewonnen, den famosen Joachim Meyerhoff, heute Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters, dem Gorki Theater indes noch aus Berliner Zeiten verbunden. Einer, der diesen oft vernachlässigten Part aufwerten wird, in dem Bosse nicht bloß das Lustobjekt, sondern „einen beschädigten Krieger“ erkennt. Ebenfalls mit von der Partie: die Puppen-Anarchos der Gruppe „Das Helmi“, deren wundervoll groteske Flickwerk-Kunst bestens zu dem phantasmagorischen „Gothic-RitterWestern“ passen dürfte, der dem Regisseur vorschwebt.

Mit Kleist Heutigkeit zu behaupten, indem man die Figuren in Anzüge steckt, das ist nicht Jan Bosses Sache. War es auch nie. Dass man dem Autor hingegen das Moderne ablauschen kann, ohne ihn zu versimpeln, hat der Regisseur bereits mehrfach bewiesen. Mit dem „Zerbrochenen Krug“ zum Beispiel, einer Zürcher Inszenierung, die Armin Petras ans Gorki übernahm. Da hat Bosse ein Volkstheater der Gegenwart gesucht und gefunden. Die Geschichte des Dorfrichters Adam, der nächtens dem Fräulein Eve nachgestellt hat und nun über sich selbst richten muss, lässt Bosse unter Einbeziehung des Publikums im öffentlichen Raum verhandeln. Es ist, so sagt er selbst, die „lustvolle Katastrophe eines Anarchisten, der sich um Kopf und Kragen spielt“. Furios verkörpert von Edgar Selge, dessen brillantem Selbstdarsteller Adam man zwei Stunden mit Sympathie zuschaut. Bis sich am Ende plötzlich auch die Dimension des Missbrauchsdramas öffnet. Und man als Zuschauer im moralischen Dilemma sitzt.

Ein noch existenziellerer Zwiespalt klafft in „Amphitryon“, dem ersten Kleiststück, das Bosse am Gorki inszeniert hat: Der schönen Alkmene ist Gott Jupiter in Gestalt ihres Gatten erschienen und hat eine heiße Nacht mit ihr verbracht. Der echte Amphitryon – wie Jupiter von Hans Löw gespielt – fällt bei seiner Rückkehr entsprechend aus allen Wolken. Ein tragikomisches Identitätsverwirrspiel, in dem Bosse auch das Theaterthema erkennt: „Ich darf meine Lebens-Rolle nicht mehr spielen, ein anderer hat sie übernommen.“ Woraus die Frage resultiert: Wer bin ich, wenn mir alles weggenommen wird, worüber ich mich definiere – Haus, Frau, Name, Auto, Kreditkarte? „Identitätskrise pur“, lacht der Regisseur.

Und letztlich, wie immer bei Kleist, auch eine Frage des Vertrauens. Ins selbst, den anderen, die Obrigkeit. Sicher, blindes Zutrauen führt in die Irre, im Privaten wie Politischen. Aber auch aus dem „Käthchen“ hört Bosse in jeder Szene den Verzweiflungsruf: „Wenn es kein Vertrauen mehr gibt, dann geht alles in die Brüche“.

Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe: 4.11, 19.30 Uhr (Premiere), 5.11., 18 Uhr

Amphitryon: 8.11., 19 Uhr 30

Der zerbrochne Krug: 15. + 16.11.,

19 Uhr 30

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