Zeitung Heute : Uuuuund: Action!

Mit Mikro und Kamera: Neuköllner Schüler lernen von Studenten der Freien Universität, wie Fernsehen funktioniert

Julia Kimmerle

Ein Kameramann hat es nicht leicht. Mahmoud El-Rasatmi weiß das, denn er ist Kameramann. Zumindest heute. Der 13-Jährige manövriert sein Stativ durch die Fußgängermenge am Hermannplatz. „Voll unpraktisch“, findet er, aber es hilft nichts: Das Stativ muss mit, denn ohne das sperrige Ding gäbe es keine guten Bilder, und ohne Bilder keinen Fernsehjournalismus. Denn genau darum soll es heute gehen: „Eine eigene Idee zu entwickeln, sie medial umzusetzen und dabei einen kritischen Umgang mit dem Medium Fernsehen zu üben – das ist das Ziel“, sagt Lena Lenz, Studentin der BerlinMediaProfessionalSchool an der Freien Universität Berlin. Sie ist eine von zwölf Studierenden, die das Projekt „Empowerment-Kolleg“ betreuen. Dabei versuchen die Studenten, Schülern wie Mahmoud El-Rasatmi aus Neukölln „Medienkompetenz“ zu vermitteln: Sie bringen ihnen unter anderem den kreativen Umgang mit dem Fernsehen bei. Studentin Lena Lenz ist vom Erfolg des Projektes überzeugt: „Wir vermitteln nicht nur theoretisch etwas, sondern ganz praktisch, indem wir den Jugendlichen zeigen: Ihr könnt das selber!“

Deshalb steht sie nun hier, an der Karl-Marx-Straße in Neukölln. Mit einer Kommilitonin lotst Lena Lenz ihre Gruppe durch den Kiez, sechs Schüler aus der Klasse 6a der Rixdorfer Grundschule. Sie gehen mit den „Nachwuchsredakteuren“ die Interviewfragen noch einmal durch, wiederholen, wie man einen Schwenk filmt und rufen die Schüler manchmal mit einem „Action!“ zur Ruhe. „Es ist richtig anstrengend“, sagt Lena Lenz. Die Masterstudenten des Studiengangs „Arts and Media Administration“ der Freien Universität wurden eigens für dieses Projekt zu „Medienbotschaftern“ ausgebildet. Journalisten und Medienprofis brachten den Studenten die Grundlagen des redaktionellen Arbeitens bei. Neben der Theorie gab es auch eine praktische Ausbildung: Bei einem Kameratraining und einer Grundausbildung in Ton- und Schnitttechnik lernten die Studenten, wie man eigene Video-Beiträge erstellt. Jetzt geben sie ihr Wissen an die Schüler weiter und diskutieren mit ihnen: Welches Thema ist ihnen wichtig? Was bewegt sie? Eines stand für die Schüler schnell fest: „Wir wollten einen Beitrag darüber machen, warum die Leute so viele Vorurteile gegenüber Neukölln haben. Und zeigen, wie das Leben hier wirklich ist“, erzählt Nuhr Moussa. „Wir kommen aus verschiedenen Ländern und leben alle in Neukölln.“ Nuhrs Eltern stammen aus dem Libanon, die der anderen aus der Türkei, Palästina und Bangladesch. In Neukölln leben die meisten Berliner Jugendlichen mit ausländischer Herkunft, bis zu 87 Prozent der Kinder hier sind Kinder mit Migrationshintergrund. Neukölln gilt als sozialer Brennpunkt: Laut Sozialstrukturatlas hat Neukölln eine der höchsten Arbeitslosenraten in Berlin. Nur in Marzahn leben mehr Kinder unter der Armutsgrenze. Warum Neukölln vielen als die „Bronx von Berlin“ gilt, wollen die sechs Schüler herausfinden.

Die meisten Passanten hasten an den Schülern vorbei, nur wenige lassen sich ansprechen. „Warum gucken die alle so böse?“, fragt die zwölfjährige Repa ihre Mitredakteure. „Ey, das ist Neukölln – was hast Du denn gedacht! Da gucken die Leute immer so“, kommt die Antwort blitzschnell. Die Kinder lachen. So ist das hier eben. Doch sie geben nicht auf. Die Verkäuferin im Back-Bistro gibt ihnen ein Interview, der Mann im Zeitungskiosk und ein türkischer Gemüsehändler. Erst lehnt er ab: sein Deutsch sei zu schlecht. Kein Problem für die sechs Nachwuchsredakteure: Zwei von ihnen sprechen türkisch und helfen als Dolmetscher aus.

Dass sich die Schüler so für ihre Idee engagieren und sich hinter die Umsetzung klemmen, ist für die Initiatoren des Projektes schon ein kleiner Erfolg. „Am Anfang war eine gewisse Skepsis da, ob das Konzept des Empowerment-Kollegs in einem Bezirk wie Neukölln aufgeht“, sagt Klaus Siebenhaar, Professor am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin. Er ist Leiter der BerlinMediaProfessionalSchool und einer der Initiatoren des Projekts. Nach einer ersten Testphase, an der zunächst nur vier seiner Master-Studenten beteiligt waren, wich die anfängliche Skepsis schnell der Begeisterung. „Es war faszinierend zu beobachten, wie die Schüler mit den neuen und alten Medien umgegangen sind“, erzählt Siebenhaar. Das Projekt wurde ausgeweitet, weitere Studierende kamen als „Medienbotschafter“ hinzu. Als zusätzliche Partner, die sich an der Ausbildung und der Ausrüstung der Medienbotschafter beteiligten, kamen der Offene Kanal Berlin (OKB) und die Lernplattform Scoyo hinzu. Das Pilotprojekt an der Rixdorfer Grundschule soll nun zeigen, inwiefern eine solch komplexe Fähigkeit wie „Medienkompetenz“ einfach zu vermitteln ist. In einem begleitenden Forschungsprojekt soll deshalb überprüft werden, ob die Schüler im Umgang mit Medien kritischer geworden sind. Außerdem möchten die Forscher der Frage nachgehen, ob das Projekt auch den Mediendialog zwischen Erwachsenen und Schülern fördert – und somit generationsübergreifende Auswirkungen hat. „Was die Anwendung neuer Medien angeht, muss man den Schülern nicht viel beibringen. Doch auch die Eltern der Kinder können mehr über die neuen Medien erfahren und eine bewusste Mediennutzung der Kinder fördern“, sagt Siebenhaar. Langfristig soll das „Empowerment-Kolleg“ auch auf andere Bezirke ausgeweitet werden; derzeit sei man auf der Suche nach einer Schule in Marzahn/Hellersdorf. „Es soll nicht sozialromantisch klingen – aber hier kann man wirklich etwas bewegen“, sagt Siebenhaar.

Nach drei Tagen Arbeit können Nuhr, Repa, Emre und die anderen Schüler ihren eigenen Film vorführen, vor Lehrern, Eltern und den Studenten des Empowerment-Kollegs. Eine spannende Premiere – und eine kurze: Zwei Minuten dauert das Stück, an dem sie fast drei Tage gearbeitet haben. Doch das ist lang genug, um den Zuschauern klar zu machen, dass ihnen Neukölln wichtig ist. Und dass sie eine Menge gelernt haben.

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