• V-Mann im Netz: Ein Ex-Spion des MAD fühlt sich im Stich gelassen - jetzt stellt er brisante Dokumente ins Internet

Zeitung Heute : V-Mann im Netz: Ein Ex-Spion des MAD fühlt sich im Stich gelassen - jetzt stellt er brisante Dokumente ins Internet

Burkhard Schröder

Ein Geheimdienst, der seine Spione schlecht behandelt, handelt fahrlässig. Denn Spione können nachtragend sein. Das erfährt zur Zeit der Militärische Abschirmdienst (MAD) der Bundeswehr. Ein ehemaliger V-Mann des MAD in der Neonazi-Szene stellt Dokumente des Geheimdienstes, Fotos und die Namen seiner Verbindungsoffiziere ins Internet (über http://cryptome.org ). Der Ex-Spitzel, Michael P., kündigt an, er werde in den nächsten Wochen auch heimlich aufgenommene Gespräche und interne Akten des MAD publizieren. Der ehemalige Hauptgefreite macht zurzeit eine Computer-Ausbildung. Das Internet eröffnet ihm jetzt die Chance, die Bundeswehr unter Druck zu setzen.

Der Konflikt zwischen Michael P. und der Bundeswehr schwelt schon ein Jahrzehnt. Eingaben, Briefe, Prozessakten füllen Dutzende von Ordnern, ein Verfahren vor einem Verwaltungsgericht geht ins dritte Jahr. Beide Seiten beharren auf ihrer Position. Michael P. gilt als Querulant, und er macht viel, um diesen Ruf zu festigen. Die Gegenseite kämpft mit allen verfahrenstechnischen Tricks, die eine Behörde kennt, um sich einen lästigen Bittsteller vom Leib zu halten.

Der Soldat Michael P. denkt konservativ. Begriffe wie "Vaterland" und "Pflicht" sind ihm heilig. Deswegen will ihm nicht in den Kopf, warum das Vaterland nichts für ihn tut, obwohl er ihm unter hohem Risiko gedient hat. Der Preis war hoch: Er musste seine Heimat verlassen und sich im Ausland eine neue Existenz aufbauen. Seitdem will er die Bundeswehr zwingen, seine Familie zu schützen.

Im Februar 1989 wurde Michael P. zwei Offizieren des Militärischen Abschirmdienstes vorgestellt. Der damalige Fallschirmjäger sollte die Neonazi-Organisation "Nationalistische Front" (NF) infiltrieren und Informationen über Infrastruktur, Mitglieder, Sympathisanten und geplante Aktionen beschaffen. Michael P. nahm die Aufgabe an, "auf Grund meiner soldatischen Überzeugung und Pflichtauffassung". Der V-Mann erledigte seine Aufgabe exzellent. Binnen kurzer Zeit zog ihn der NF-Chef Meinolf Schönborn ins Vertrauen. Michael P. wurde in die Pläne der Neonazis eingeweiht, ein "Nationales Einsatzkommando" (NEK) zu organisieren, eine Art rechte RAF. Der Führungsstab des NEK plante Anschläge auf Politiker und alliierte Einrichtungen, ausgeführt von "linientreuen Kameraden", die zeitgleich Anschläge in ganz Deutschland verüben sollten. Der V-Mann sollte in Syrien ausgebildet werden.

Die dubiose Sekretärin

In einem Dossier für den MAD beschrieb Michael P. die Pläne Schönborns, andere Mitglieder der "Obersten Leitung" der "Nationalistischen Front" in einer "Nacht der langen Messer" beseitigen zu lassen. Dem Spitzel kam auch zu Ohren, dass die Neonazis seine Vergangenheit ausforschten. Seine Legende hielt stand, obwohl eine Sekretärin im Vorzimmer des Brigadekommandeurs der Bundeswehr in Augustdorf engen Kontakt zur NF pflegte und Zugang zu sensiblen Daten hatte. Man stellte fest, dass die Sekretärin auch Schreibarbeiten für die Neonazis erledigte. Ihr Kontakt zum Neonazi-Führer Schönborn sei, so schätzte der MAD die Situation ein, jedoch nicht politisch, sondern nur "freundschaftlich motiviert gewesen". Dennoch fürchtete man um die Sicherheit des V-Manns. Aus "übergeordneter Fürsorgepflicht" versetzte ihn die Bundeswehr nach Kanada, später in die USA.

Dank der Informationen des V-Manns wurde die NF im Jahre 1992 vom damaligen Innenminister Rudolf Seiters verboten. Michael P. analysierte die Situation: Es sei falsch zu glauben, dass von "menschenverachtenden Personen" wie Meinolf Schönborn keine Gefahr ausgehe. Diese "fanatischen Extremisten" ließen sich auch nicht durch Haftstrafen von ihren ideologischen Zielen abbringen.

Vollends fing der Ärger an, als der Hauptgefreite Michael P. das Dienstzimmer seines Vorgesetzten betrat: Oberstleutnant Günther Guderian, Verbindungsoffizier der Bundeswehr im kalifornischen Fort Bragg. Dort hing ein Bild von Guderians Großvater, dem NS-Panzergeneral Heinz Guderian, samt Hakenkreuz. Der Bundeswehr-Offizier hatte schon 1995 der US-amerikanischen Zeitung "Fayettville Observer-Times" ein Interview gegeben und darin gesagt, er sei stolz auf seinen Großvater. Für amerikanische Ohren eine irritierende Einschätzung: Der hitlertreue General Guderian war Mitglied eines "Ehrengerichts" der Wehrmacht, das alle am Widerstand des 20. Juli verdächtigen Offiziere aus der Wehrmacht ausstieß und so dem Volksgerichtshof auslieferte. Auch in der Nachkriegszeit hatte sich der alte Guderian als unbelehrbar erwiesen, er publizierte in einem rechtsextremen Verlag.

"Hausinterne Abstimmungsfehler"

Nach dem Vorfall mit dem Bild wandte sich Michael P. an den Wehrbeauftragten in Bonn, ob das Porträt eines Wehrmachtsgenerals die Bundeswehr im Ausland adäquat repräsentiere. Die Bundeswehr indes sah kein großes Problem in der Traditionspflege ihres Offiziers: Bild und Hakenkreuz seien nicht zu beanstanden. In seinem Interview gebe der Guderian-Enkel keine Bewertung ab, er befasse sich nicht mit "ideologischen Vorstellungen des Nationalsozialismus". Es gebe deshalb "keine Notwendigkeit zu politischen oder dienstrechtlichen Konsequenzen". Die zog der Offizier schließlich selbst: Er überklebte das Hakenkreuz notdürftig mit einem Stück Pappe.

Doch die Bundeswehr vergisst Soldaten nicht, die unbequeme Fragen stellen. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestags beschäftigte sich im April 1998 mit rechtsradikalen Vorfällen in der Armee. Der Ausschuss weigerte sich, den Hauptgefreiten Michael P. anzuhören, obwohl der von den Grünen als interessanter Zeuge benannt worden war. Der Kommandant des Stabsquartiers, Kapitänleutnant Lohre, weist vorab den Soldaten schriftlich an, dass er über "Angelegenheiten, die ihm in seiner dienstlichen Tätigkeit bekannt geworden sind, Verschwiegenheit zu wahren habe".

Der Hauptgefreite versuchte alles, um bei der Bundeswehr weiter beschäftigt zu werden. Er fürchtete sich, nach Deutschland zurückzukehren. Auch um die Sicherheit seiner Frau und seiner zwei Kinder sorgte er sich. Der MAD jedoch hielt die Neonazis um die verbotene NF für harmlos. Vizeadmiral Hans Frank teilt dem Soldaten am 19. Dezember 1997 mit, dass "nach menschlichem Ermessen eine Gefährdung ihrer Person und ihrer Familie heute nicht mehr gegeben ist". Die Bundeswehr könne nichts für ihn tun. Seine Eingaben, weiter der Armee und dem Vaterland zu dienen, bleiben monatelang liegen. Selbst Annelie Buntenbach, Bundestagsabgeordnete der Grünen, setzt sich für ihn ein - vergeblich. In einem Schreiben an die Abgeordnete gibt ein Staatssekretär des Verteidungsministeriums "hausinterne Abstimmungsfehler" zu.

Trotzdem wurde der Hauptgefreite 1998 entlassen - mit Lob. Michael P., 36, lebt zurzeit mit seiner Familie in den USA vom Überbrückungsgeld, das ehemaligen Angehörigen der Bundeswehr für drei Jahre zusteht. "Zum Militärischen Abschirmdienst geben wir grundsätzlich keine Auskunft", heißt es in der Pressestelle des Verteidigungsministers. Daher gibt es auch keine Stellungnahme, ob der MAD die Neonazis der ehemaligen NF immer noch für ungefährlich hält und Michael P. nach Deutschland zurückkehren kann. Meinolf Schönborn, Anführer der NF, bekam 1995 zwei Jahre und drei Monate Haft wegen Weiterführung der verbotenen NF und Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole. Heute ist er auf freiem Fuß. Der Ex-Chefideologe der NF, Steffen Hupka, arbeitet heute als Führungskader der NPD in Sachsen-Anhalt.

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