Zeitung Heute : Va bene così – alles wird gut

Wie der Gastgeber Italien es mit dem Umweltschutz hält, und warum das Wort dort ganz anderes meint als im übrigen Europa

Thomas Migge[Rom]

Altero Matteoli ist zufrieden. Italiens Umweltminister lächelte in die Kameras, die am Freitag bei der Abschlussveranstaltung der 9. Internationalen Klimakonferenz in Mailand ein Interview mit dem Minister der Mitte-Rechts-Regierung von Silvio Berlusconi aufzeichneten. Matteoli würdigte die Resultate der Konferenz und bezeichnete „unseren italienischen Beitrag als federführend“. Seine Regierung, so der Umweltminister, „habe sich dem Kampf gegen die Umweltverschmutzung und den Treibhauseffekt verschrieben“. Italien habe in den vergangenen Jahren „sehr viel getan“. Der Minister verschwieg, dass sein Regierungschef über die Erwärmung der Erdatmosphäre etwa genauso denkt wie George W. Bush. Wie der amerikanische Präsident bezeichnete auch der Medienzar die Warnungen vor einer dramatischen Klimaerwärmung als übertrieben.

Italien und die Umwelt: ein trauriges Kapitel. Untersuchungen zufolge haben die kommunalen, regionalen und nationalen Verwaltungen die Müllentsorgung nicht richtig unter Kontrolle. Erst vor kurzem wies die Anti- Mafia-Polizei in einem Bericht nach, dass etwa 50 Prozent des in Süditalien anfallenden Mülls von organisierten Kriminellen illegal verkippt werden. Abfallskandale werden aufgedeckt und Bosse und ihre Clans wiederholt als Umweltsünder überführt.

Rafaele Pastore vom römischen Sozialforschungsinstitut Censis ist davon überzeugt, dass „in Italien immer noch das Umweltbewusstsein unterentwickelt ist“. Eine Realität, die, so der Soziologe, „verheerende Folgen haben kann“. Zwar wird in Großstädten Hausmülltrennung angeboten, aber viele Bürger halten sich nicht daran. Das umweltfreundliche Entsorgen von Müll wird nicht vom Staat gefördert. Die Müllkippen können nichts mehr aufnehmen. Rom als Beispiel: Die kommunale Müllkippe Malagrotta gilt seit Jahren als voll und trotzdem wird dort immer noch der Abfall der Viermillionenstadt abgeladen. Immer wieder wird flüssiger Abfall ungefiltert in Flüsse geleitet. Oder ins Meer und in die Lagune von Venedig, deren Schadstoffgehalt so hoch ist, dass das Gesundheitsministerium dringend vor dem Genuss von Fischen oder Muscheln aus Venedigs Gewässern warnt. „Der Grund für diese im europäischen Vergleich unhaltbaren Zustände“, sagt Ermete Reallaci von der grössten italienischen Umweltorganisation Legambiente, „liegt in der fehlenden umweltpolitischen Erziehung in den Familien und Schulen“. Umweltverantwortliches Denken „ist in Italien immer noch kein Thema“.

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