Zeitung Heute : Väterchen Frost

Wie Marx in Chemnitz endgültig auf Eis gelegt werden soll: ein kapitales Kunstprojekt

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Wenn es um die nächste Eiszeit geht, kommt Andreas R. Bartsch schon mal ins Schwitzen. Er krempelt die Ärmel hoch, derweil er sein Projekt „Frozenmarx“ skizziert: Unter diesem Titel will der Berliner Regisseur und Bühnenbildner das gigantische Marx-Denkmal von Chemnitz auf Eis legen und in einem massigen Würfel einfrieren, der 13 mal 13 mal 13 Meter misst. Gegen eine Gebühr von 430 Euro hat er die Idee unter Nr. 30465637 bereits beim deutschen Patent- und Markenamt schützen lassen.

Die Verfremdung des Porträtkopfs – des zweitgrößten nach der ägyptischen Sphinx – treibt den 48-Jährigen schon Jahre um. Der russische Bildhauer Lew J. Kerbel hatte das Philosophenhaupt anno ’71 ins Herz der damaligen Karl-Marx-Stadt gestellt. Angesichts des Monuments war in gewünschter Wolkigkeit vom „Symbol der Einheitlichkeit der politischen Ideen unserer beiden Länder“ die Rede. Die Parole ging einher mit der Aufforderung an die Werktätigen, die Gestaltung „zu ihrer ureigensten und persönlichen Sache zu machen“. Das vom VEB Germania zusammengeschweißte Ding kostete 1,5 Millionen Mark. Honorar für Kerbel unter Genossen 30 000 Mark, 25 Prozent davon sofort zu zahlen.

Über 30 Jahre später baggerte ein Kulturmanager Andreas R. Bartsch, der für viele namhafte Bühnen arbeitet, nicht ungeschickt mit dem Kompliment an: „Mensch, Andy, du hast ja sonst ganz gute Ideen.“ Er wollte von dem Theatermacher Vorschläge hören, wie man Chemnitz aus dem ewigen Schattendasein hinter Dresden und Leipzig erlösen könne. In der grauen Stätte Mauern macht man sich einen Vers auf die eigene Lage: Paris hat seinen Eiffelturm, und Hamburg seinen Michel. / Wien hat seinen Stephansdom, Karl-Marx-Stadt seinen „Nischel“. So heißt der gewaltige Schädel im Volksmund, die überbreite Brückenstraße nennen sie „Schädelgasse“.

Von Stund an ruhte Bartschs Blick wohlgefällig auf „Charly“. Die Marx-Plastik ist bis heute die wahre, manche sagen einzige Attraktion der City. Auch wenn die Chemnitzer sich nach der Wende mit ihrem Karl dem Großen versöhnten, der Denker ist schon materialbedingt eine eher düstere Erscheinung. Ganz entgegen der Absicht der SED-Erfinder verstärkte die Figur die Unwirtlichkeit anstatt sie zu mildern. Jedenfalls scheint der windumbrauste Standort nur darauf zu warten, mit einer zündenden Idee aus seiner Tristesse erlöst zu werden.

Es dauerte nicht lange, da wusste Bartsch, wie er das samt Granitsockel zwölf Meter hoch aufragende Kunstwerk in Szene setzen würde: „Ick frier dir den Marx ein!“ Im Internet fand Bartsch die „Funk International Ice Carving GmbH“, sie hat das Know-how, um den ollen Marx in 561,6 Tonnen Eis zu packen. Bartsch malte sich bereits aus, wie beim Abschmelzen des Kubus effektvolle Bilder vom bärtigen Verkünder entstehen, welche die Feuilletons zu klugen Gedanken über Sein, Schein und die Fröste der Freiheit animieren könnten. Es wird nicht dezidiert ausgesprochen, aber was Berlin die Reichstagsverhüllung war, könnte Chemnitz die Vereisung des Marx werden.

Andreas R. Bartsch ist kein schlechter Selbstverkäufer. Er schwärmt vom „kreativen Potenzial“ der Sache, zu seiner Rede streifen zwei Katzen von der Größe kleiner Schneeleoparden um die Kakteen in seiner Berliner Wohnung. Über das ästhetische Ereignis und Spektakel hinaus werde die aus der Kälte kommende Installation in wundersamer Dialektik für Chemnitz erwärmen, sozusagen der bisher unentdeckte Schmelz von Marx. Einmal eingefroren, trage die Büste völlig neue Ansichten des Industrie- und Universitätsstandorts um den Globus. Denn wenn er sich schon aufs Glatteis begibt, will Bartsch Aufnahmen seiner „funkelnden Installation“ via Netz direkt in „kontemplative Räume verschiedener Kontinente“ einspielen, in Frage kämen Museen, Galerien, Theater. Nach dem Willen des Erfinders soll sich das internationale Publikum an der „geometrischen Schönheit, an Sinn und Form“ des ja gleichsam lebenden Objektes erfreuen. Bartsch tappt unruhig herum und doziert, das Gesamtkunstwerk könnte man mit Diskussionen über Gott und die Welt flankieren, mit Auskünften über den aktuellen Grad der globalen Unterkühlung.

An Bartsch ist gut zu studieren, wie im Marxschen Sinne das Sein das Bewusstsein bestimmt. Er blickt vom Atelier im siebten Stock des Hochhauses am Strausberger Platz sinnigerweise auf die Berliner Marx-Allee hinunter. Als Akademiestudent in Dresden saß er die obligatorische Marx-Lenin-Vorlesung „bei Frau Professor Thiele“ ab, eine „taffe Lady“. Es scheint so, als würde er sich für die Zeit der ML-Seminare genieren, so verlegen zupft er am Hemd herum, während er betont, damit habe er keine Probleme. Die berühmten blauen MEW-Bände sucht man im Bücherregal vergebens. Der Dramaturg hatte den Säulenheiligen wohl verdrängt, bis ihn aus Chemnitz die Frage ereilte, was man denn tun könne, um dem unfrohen Ruf der Gemeinde abzuhelfen.

Bartsch deutet hinunter zum Italiener. Da habe er mit seinem Gesprächspartner gesessen, ein gläsernes Behältnis über das Teelicht gestülpt. So demonstrierte er, wie der Philosoph hinter Mauern aus Trübeis in einen „schattengleichen Dämmerzustand“ versinke. Dabei bilde die Lichtplastik eine geheimnisvolle Symbiose von Figur und Natur, die mit dem Auftauen ende. Bartsch verspricht sich von dieser „Metamorphose der Langsamkeit wahnsinnige optische Impressionen“. Eine Kristallisation von Zeit. Die Dynamik setzt bei null Grad ein, dann kommt mit einem zunächst beinahe unsichtbaren Schwund durch Wärme Leben in die Sache. Fest und flüssig, Stillstand und Dynamik, Bartsch denkt in Gegensätzen, wie es Marx entspricht. Am Ende bringt die Sonne den Eismann wieder ans Licht.

Technisch gesprochen braucht es für „Frozenmarx“ 4992 Roheisblöcke zu 312 Quader à 1,8 Tonnen. Die „Funk International Ice Carving“ im hessischen Limburg wird sie auf Maß schneiden und luftdicht verpacken, versteht sich. Fertigungsdauer 140 Tage, nahe Chemnitz im Tiefkühllager untergestellt, mit 28 Sattelaufliegern anzuliefern. Per Kran mittels „312 Hebevorgängen“ an Ort und Stelle zu setzen, „aufzumauern“, mit Wasser zu verschweißen, nonstop verarbeitet, damit die Kontaktflächen nicht antauen können.

Der eigentliche Eismeister Christian Funk schüttelt solche Zahlen aus dem Ärmel. Bei ihm wird Kunst zur Logistik. Der gelernte Koch ist überhaupt ein, ja, was wohl, cooler Typ; er kommt vom Herd und damit von der Hitze. Ehe er das „Eisskulptur-Design“ entdeckte, fuhr er auf dem Luxusliner Royal Viking Sky. Für erste Versuche mit dem neuen Werkstoff musste er die elterliche Garage in Ober-Ramstadt zweckentfremden. Funk fing mit der, wie er sagt, „klassischen Bildhauerei“ an: „der Schwan, der Fisch, der Adler, was man halt so macht fürs kalte Buffet“ aus Eis. Ein weiter Weg bis zu „Frozenmarx“ oder seinem für das Stadioncenter Wien geplanten 23 Meter hohen Eiskanal, durch den ein Lift gleiten soll. Bei Bedarf zauberte er schon mehrmals dem Berliner Adlon Eistresen hin.

Bartsch dagegen wusste von der Substanz bis dahin lediglich, dass es sich „um vergängliches Material“ handelt. Sein Metier ist das Theater; auf dem Sideboard stehen diverse Bühnenmodelle für die „Räuber“ und den „Guten Mensch von Sezuan“, oder was er als Regisseur und Ausstatter vorzuweisen hat. Vor gut einem Jahr präsentierte er mit Partner Funk Chemnitzer Stadträten, Bürgern, Genehmigungsbehörden, Denkmalschützern das Projekt. Im Protokoll ist nachzulesen, dass Bartsch auf das „zu erwartende internationale Interesse“ hinwies. Kosten von „600 000 bis 700 000 Euro“, Tendenz eher steigend, standen für die Aktion im Raum, von Sponsoren zu finanzieren. Das Kulturamt signalisierte schriftlich „großes Interesse an dessen Realisierung“.

Es traf sich gut, dass der frühere Chemnitzer „Leitarchitekt“ zwischenzeitlich für „Frozenmarx“ zu erwärmen war. Er prüfte die Pläne, fand keine statischen Probleme. Einst war er beim VE WBK „Wilhelm Pieck“ mit dem Monument beschäftigt gewesen. Chemnitz hatte bekanntlich 1953 auf SED-Druck seinen seit 800 Jahren angestammten Namen mit dem des Nationalökonomen eingetauscht. Karl-Marx-Stadt handelte sich dafür nicht viel mehr als eine in freundlichem Hellblau gehaltene 35-Pfennig-Briefmarke ein. Dazu den zweifelhaften Ruhm, weltweit die einzige Marx-Kommune zu sein. Nach der Wende hatten die Sachsen nichts Besseres zu tun, als sich rasch wieder umzutaufen.

Spätestens seit der „Spiegel“ 2005 dem Revolutionär eine Titelgeschichte mit der Überschrift „Das Stehaufmännchen“ widmete, ist klar: Was immer man von dem Philosophen halten mag, in seinem Kopf kreisten Gedanken, die die Welt veränderten. Warum dann nicht auch aus ihrem Marx-Monument Kapital für Chemnitz schlagen? Schon eine Tatortbesichtigung beweist, dass es an der Brückenstraße nur besser werden kann. 1971 strömten zur Einweihung laut parteiischen Berichten 350 000 Neugierige. Leninpreisträger Kerbel gestaltete Marxens Haarpracht, als flöge sie nach hinten vom Kopf weg, was suggerieren würde, seine „geistigen Ideen sollten weit in die Welt hinaustragen“. Es war vom Beginn einer Epoche die Rede. Dabei war es der Anfang vom Ende. Das Denkmal wirkt wie ein Symbol des Verfehlten.

Bei der Enthüllung hieß es, „wer wissen will, wie der Marxismus auf deutschem Boden lebendige Wirklichkeit geworden ist, der mag in diese Stadt kommen“. Heute hat der Schädel Grünspan angesetzt, links von ihm wirbt das Sonnenstudio „effektiv“. Am nächsten Eingang hängen die Schilder von Oberfinanzdirektion, Bundesamt zur Regelung offener Vermögensfragen, Kriminalpolizei. Wie einst im Mai prangt dort am früheren Haus der SED-Bezirksleitung überdimensional und viersprachig die Tafel „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“. In Zeiten der Globalisierung zog zeitweise das Arbeitsamt ein. Um Marx herum wimmelt es von Amerikanismen: „Flowerpower“, „Start-Up-Partys“, „New Juwels“, als solle im Angesicht des Deuters über das wahre und falsche Bewusstsein Auskunft gegeben werden. Rechter Hand wirbt McDonald’s. Nebenan gibt es im Souvenirshop für alle, die ihn zum Fressen gern haben, Marx in Schoko, drei Stück zu 1,99 Euro, bekömmlicher als die schönste Theorie.

Für Bartsch hat der Philosoph in jeder Hinsicht noch immer Potenzial genug. Tiefgekühlt soll er die Stadt verzaubern, so wie auch Schnee einen gnädigen Schleier über die Öde breitet. Stimmen die Stadträte dem Vorhaben demnächst zu, könnte „Frozenmarx“ im Winter 2007/8 in Szene gesetzt werden, Marx als Väterchen Frost, ein Hingucker sondergleichen, die Kommune muss sich nur klug darauf einlassen. Die Spielzeit für die magische Installation, auf deren Außenhaut sich fantastische Motive projizieren lassen, sagt Bartsch und klingt vorfreudig, richte sich nach der Wetterlage. Gerechnet wird mit mindestens sechs bis zwölf Wochen, dann hat der Denker den Kopf, den Nischel, wieder frei. So lange dauert das Abschmelzen des geschlossenen Eiswürfels, der einen „gewaltigen Energiepol“ bildet und durchaus zu jenen „Grenzbildern des Wohin, Wozu, Überhaupt“ gezählt werden kann, von denen Bloch in seinen Marx-Studien spricht: Selbst bei 15 Grad steht das Ding wie eine Eins.

Die Zeit arbeitet schon für das Projekt. Der nächste Winter kommt bestimmt.

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