Zeitung Heute : Väterchen Präsident

Es gibt ihn zum Anbeißen und zum Aufhängen: Wladimir Putin ist in Schokolade und auf Wandbildern verewigt. Ein Kult, der dem Westen fremd ist. Der ehemalige Geheimdienst-Chef hat die Wahl gewonnen – was seit Wochen feststand. Denn er verkörpert die Sehnsüchte der Volksseele.

Elke Windisch[Moskau]

Zuerst sind nur die Augen da. Helles Blau und ein wenig Graugrün. Wach, konzentriert, mit einem kaum merklichen Hauch von Misstrauen. Dann fährt die Kamera zurück, gibt das Gesicht frei: Hager, gelichtete Schläfen und eine hohe Stirn. Erst dann sieht man den schmächtigen Mann, der zu dem Gesicht gehört und hinter dem Riesenschreibtisch aus dunklem Edelholz fast zum bedeutungslosen Schnörkel wird.

So würde Kameramann Sergej seinen Präsidenten drehen, wenn man ihn ließe. Doch beim Staatssender RTR gibt es für den Umgang mit der Spitze der Macht eine mehrseitige Instruktion, die jede Kreativität im Keim erstickt. Also dreht Sergej den Standard-Putin: Brustbild und bar jeder Emotion. Fest im Unglück wie im Glücke – ob Hiobsbotschaften oder das Ergebnis seiner Wiederwahl, dessen triumphaler Ausgang seit Wochen feststeht. Am Sonntagmorgen sah man ihn, wie er mit seiner Frau Ludmila zur Wahlurne schritt, mit ernster Miene, wie fast immer, obwohl er doch da schon mit einer Zustimmung von um die 70 Prozent rechnen konnte.

Und das hat Putin geschafft trotz all der Katastrophen, nach denen jeder westliche Regierungschef um seine berufliche Zukunft bangen müsste: Der Untergang der „Kursk“ im Sommer 2000, das Geiseldrama beim Musical „Nordost“ im Oktober 2002, diverse Terroranschläge, der bisher letzte Anfang Februar in der Moskauer Metro mit 40 Toten, der Einsturz des Wasserparks nur eine Woche später – diverse Grubenunglücke, Flugzeugabstürze…

Ein Mann zum Aufschauen

Er war als Hoffnungsträger bei den Wahlen vor vier Jahren angetreten und von der Verfassung mit den Supervollmachten eines Sonnenkönigs ausgestattet worden, doch die Haben-Seite seiner ersten Amtszeit fällt reichlich mager aus: Wirtschaftliche Erfolge kamen weniger durch Reformen als durch anhaltend hohe Erdölpreise zustande. Weder im Kampf gegen flächendeckende Armut noch gegen das ausufernde Verbrechen – beides Zugnummern schon im letzten Wahlkampf – hat er auch nur im Ansatz eine Wende eingeleitet. Und schon gar nicht in Sachen Tschetschenien, wo Putin mit einem angeblichen Friedensprozess nur scheinbar die Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung gelang.

Doch weil Putin sich nach dem 11. September als einer der Ersten in die Anti-Terror-Internationale einreihte, ist auch westliche Kritik am Tschetschenienfeldzug, den Moskau von Anfang an als russischen Beitrag gegen Extremismus zu verkaufen suchte, quasi verstummt. Nur die Menschenrechtsbewegungen melden sich immer wieder zu Wort und in Russland eine Handvoll ewiger Dissidenten, die sich da wiederfinden, wo sie schon zu Sowjetzeiten mit dem jeweiligen Generalsekretär und der Welt haderten: In der Küche beim Abhören der meist lausigen Kurzwellenfrequenzen von Radio Liberty. Von den Medien hat Putin jedenfalls kaum Widerstand zu befürchten: Die überregionalen TV-Kanäle sind wieder gleichgeschaltet, die Hörfunksender fast ausnahmslos ebenso. Nur ein paar auflagenschwache Wochenzeitungen wie die „Nowaja Gaseta“üben Kritik an der Regierung.

Russische Wähler wollen keinen Präsidenten zum Anfassen, sondern einen zum Aufschauen. Keinen, der so ist wie sie. Nicht mal einen, der so ist, wie sie gern wären. Russland will einen Herrscher, der neben Brot vor allem für Spiele zu sorgen hat, bei denen die Staatsräson ihm selbst die Hauptrolle zuweist.

Nach wie vor von der Zwangsvorstellung heimgesucht, das Dritte Rom zu sein, kopiert Moskau detailverliebt das Zeremoniell, mit dem in Byzanz, dem Zweiten Rom, Kaiser Justinian schon im sechsten Jahrhundert westliche Barbaren beeindruckte. Nur die Armani-Anzüge stören bei der Zeitreise, die das Kreml-Protokoll inszeniert, wann immer sich Gelegenheit bietet: Beim Empfang ausländischer Staatsoberhäupter, der eigenen Amtseinführung, Ordensverleihungen und simplen Treffen mit größeren Gruppen von einheimischen „Vertretern der Öffentlichkeit“.

Stehend und in ehrfürchtigem Schweigen erstarrt, wartet der Hof auf 15 Viertelnoten, die siegessicher und im Sturmschritt gleich zwei Oktaven nehmen: Wer nur die Fanfare hört und die Fernsehbilder dazu nicht sieht, könnte auf Zirkus tippen, wo der Impressario gerade die Hauptattraktion ankündigt. Mit Metall in der Kehle und reichlich Pathos schallt es durch den Raum: „Der Präsident der Russischen Föderation – Wladimir Wladimirowitsch Putiiin!“ Die Sonne hat hier im Kreml keine Chance gegen die Raffgardinen aus schwerem silbergrauen Damast. Selbst am Mittag sind die Kronleuchter aus Bergkristall an, jeder mit Hunderten von Glühkerzen bestückt. Strahlend weißer Marmor mit Goldintarsien deckt die Wände, in gleichen Farben ist das Gestühl gehalten.

Putin gibt es zum Aufhängen und zum Anbeißen: Als Wandbild und Schokoladen-Kunstwerk. Als Büste und als Abzeichen: Gold, Silber und Kupfer, je nach Rang des Trägers. Ein Asteroid im erdnahen Raum sollte seinen Namen tragen, oder wenigstens ein Meteorit, verlangte ein Wissenschaftler. Ein Architekt wollte eine Straße nach ihm benennen. Und in einer Behörde in Irkutsk wollen Staatsdiener ein Museum für ihn einrichten. Bisher einziges Stück der Sammlung: ein schwarzer Ledersessel auf dem er bei seinem Besuch Platz nahm. Ein Kult, wie er sonst nur Toten vorbehalten ist. Oder ein Machtinstrument, wie man es aus totalitären Regimen kennt.

Doch anders als Stalin oder dessen Wiedergänger Sapurmurat Nijasow, der sich als Führer aller Turkmenen feiern lässt, hat Putin keine Aktie am Rummel um seine Person. Kommt das Thema bei Interviews zur Sprache, verraten kleine Gesten sogar Widerwillen. Deutliche Worte fallen dennoch nicht. Bronzeplastik und Schokoladenbild, die U-Boot-Tauchfahrt in der Barentsee der Tschetschenienflug als Co-Pilot eines Düsenjägers oder der Catwalk auf dem endlosen roten Teppich im weißgoldenen Kremlsaal, verfolgt von der Fanfare, bedrängt von anderhalbtausend Augenpaaren, einem Dutzend Kameras und dem Blitzlichtgewitter der Fotografen, sind Teil einer Übereinkunft, die nirgendwo schriftlich fixiert wurde: Glanz und Gloria des Staates und dessen Führer – egal ob Väterchen Zar, Väterchen Generalsekretär oder Väterchen Präsident – sollen über eigene Nichtigkeit hinwegtrösten. Und über eigenes Elend. Ein Pakt von Macht und Masse, die den Quantensprung „von Volk zu Gesellschaft noch nicht vollzogen hat“, wie der Publizist Andrej Kolontschowskij sagt.

Doch Leute wie Kolontschowskij sind die absolute Minderheit. Die Mehrheit, die durch die Implosion von Kommunismus und Sowjetreich festen Boden unter den Füßen verloren hat, klammert sich bei der Suche nach neuen Identitäten krampfhaft an den Trümmern der alten fest. Zwangsläufig: Anders als bei Moskaus mittelosteuropäischen Ex-Satelliten geht Russland den Systemwechsel mit den alten Eliten an. Putin, selbst ein Kind des alten Systems, beim Geheimdienst in Massenpsychologie geschult und ein Konformist, wie sein Schreibtisch-Gegenüber aus der Dresdner Zeit beim KGB behauptet, fängt die diffusen Sehnsüchte der Volksseele auf.

Symbole der Restauration

Straffung der Machtvertikalen und gelenkte Demokratie, das sind die tragenden Säulen seines Staates, der sich die Attribute gleich bei zwei Unrechtssystemen ausborgt: Doppeladler des Zaren und die Trikolore der damaligen Opposition. Die alte Sowjethymne mit neuem Text und die roten Sterne auf den Kremltürmen sind mehr als nur Symbole für die Restauration. KGB und Nachfolger FSB seien Russlands neuer Adel, tönte FSB-Chef Patruschew.

Und niemand widersprach. 70 Prozent der Stellen im Höheren Staatsdienst, sagt die Soziologin Olga Kryschtanowskaja, spezialisiert auf Elitenforschung, seien inzwischen mit Ex-Geheimdienstlern besetzt. Nur Putins Sonntagsreden, vor allem für das westliche Ausland bestimmt, passen nicht so recht ins Bild. Doch womöglich ist dieser Widerspruch nur ein scheinbarer: Zu Putins wenigen Vorbildern gehört der Ministerpräsident des letzten Zaren – Pjotr Stolypin und der sagte bereits vor 100 Jahren: Liberale Reformen kann Russland nur dann verkraften, wenn zuvor die Zügel straff angezogen werden.

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