Zeitung Heute : Vapiano

Tomatenfreie Pizza und frische Nudeln

Bernd Matthies

Vapiano, Augsburger Str.43, Charlottenburg, und Potsdamer Platz 5, Mitte, täglich ab 10 Uhr geöffnet.

Erfolgversprechende Konzepte für schnelles, preisgünstiges Essen werden derzeit gehandelt wie Erdgaslager – wer eins gefunden hat, darf sich fortan das Geld selbst drucken.

Der Kunde, so glaubt man in der Gastronomie zu wissen, ist klamm, immer in Eile, er sucht unkomplizierte Gerichte und will sie in kommunikativer Atmosphäre einnehmen, zu Deutsch: Es sollen möglichst alle durcheinander reden, und das mit Musik.

Das aktuell heißeste Konzept in dieser Richtung heißt „Vapiano“. Es gibt Pizza, Pasta und ein bisschen drumherum. Das ist an sich noch kein Knaller, aber die Ausführung macht den Unterschied: Alle Nudeln, auch die dreifach gewickelten und geknoteten, werden täglich im Betrieb produziert. Der Kunde geht zum Tresen, bestellt beim Koch, und der wirft die Nudelportion ins Wasser und bereitet die anderen Zutaten ebenfalls frisch zu.

Der Unterschied zur Warmhalte-Matscherei unserer Kantinen ist offensichtlich, und auch bei Pizza und den Vorspeisen funktioniert die Sache. Wer eine Pizza ordert, kriegt eine kleine Plastikscheibe mit, die nach Alien-Art blinkt, wenn die Pizza fertig ist. Clever! Jede Bestellung wird auf einer Chipkarte gespeichert und zum Schluss an der Kasse abgerechnet.

Wer in Warteschlangen nervös wird, sollte diese Restaurants nicht gerade mittags besuchen.

Außerdem ist nicht alles klar strukturiert. Mozzarella mit Basilikum und Tomate zum Beispiel steht auf der Karte unter der Rubrik Antipasti. Geht man aber zum Antipasti-Stand, heißt es dort, nein, das gebe es nur bei den Salaten. Das nervt, und ungewöhnlich ist auch, dass ein Koch bei der Bestellung eines Nudelgerichts von der Tageskarte sagt, das sei ein neues Rezept, da müsse er erst mal nachsehen.

Die Nudeln selbst sind durchweg sehr gut, zum Beispiel als Fusili, kleine Spiralen, mit Aprikosen, Paprika und Parmesan - angenehm, auch wenn man sich den Geschmack noch etwas intensiver vorstellen könnte. Der Klassiker Insalata Caprese sah etwas seltsam aus mit dem unzerteilten Mozzarella-Knuff in der Mitte, aber die Zutaten inclusive Olivenöl waren von guter Qualität, und nach einem kurzen Protest schafften wir es sogar, dass die Köchin die Zahl der Winztomaten auf etwa ein Dutzend erhöhte, was wohl nicht vorgesehen war.

Vitello tonnato würde ich nicht nochmal bestellen, denn die lange vorgeschnittenen und also arg trockenen Fleischscheiben ließen sich auch von der passablen Tunfischsauce nicht wieder zum Leben erwecken. Pizza wird korrekt zubereitet, der Teig ist dünn und knusprig; wir erwischten mit der tomatenfreien „Pizza del bosco“ eher einen Flammkuchen, in der Mitte rasch durchweichend, aber witzig belegt mit Pfifferlingen, Crème fraîche, Zucchini und Bergen von Pesto (Pizza und Pasta zwischen 5 und 8 Euro).

Die Desserts sind die üblichen und schmecken wie sie aussehen. Ausgenommmen der Milchreis mit Aprikosen: Wir waren uns nicht ganz sicher, ob die markante Salzdosis in den Aprikosen wirklich Absicht war.

Gute Weine zu vernünftigen Preisen gibt es auch, der Kaffee ist ausgezeichnet, und die in der ganzen Welt standardisierte Einrichtung (Design: Matteo Thun) schafft eine angenehme Atmosphäre mit einem Hauch Asien. Das Vapiano ist also zweifellos ein Gewinn. Wenn auch die Stammgäste alles durchprobiert haben, muss sich zeigen, wie wandlungsfähig das Konzept ist.

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