Zeitung Heute : Vaporetto

Antipasti zum Selberbasteln

Elisabeth Binder

Vaporetto, Albrechtstr. 12, Berlin- Mitte, Telefon: (030) 275 94 623, geöffnet täglich von 12 bis 24 Uhr.

Wenn es einen Preis gäbe für besonderes Ungeschick beim Einrichten eines Restaurants, würde ich das „Vaporetto“ nominieren. Fast kein Lokal hat so viele ungemütlich blanke Tische, die mitten im Raum stehen oder in den zu engen Nischen oder schlicht zu groß sind. Ein Innenarchitekt, der hier einkehrt und nicht sofort seine Dienste anbietet, hat wahrscheinlich keine Leidenschaft für seinen Beruf. Die großen Bilder mit alten, mythischen Kinoszenen können das auch nicht wirklich ausgleichen. Dabei liegt das italienische Lokal wirklich sehr gut zu Füßen des S-Bahnhofs Friedrichstraße auf der anderen Seite der Spree, und es zieht auch etliche Touristen an, von denen nicht alle gleich wieder rausgehen. Die Servicekräfte sind jung, nett und unbefangen, das Preis-Leistungs-Verhältnis ist, wenn man ein wenig Geduld mitbringt, wirklich eine Reklame für das Lowbudget-Erlebnis Berlin.

Vorweg gibt es Antipasti-Schnittchen zum Selberbasteln. Eine Schüssel mit klein geschnittenem Tomatensalat und grünen Königin-Oliven, dazu Weißbrotscheiben. Bis die Vorspeisen erscheinen, dauert es eine Weile, aber dann kommt eine erstaunlich gute Kürbissuppe mit Kürbiskernöl, allerdings ohne die angekündigten Kerne. Die Suppe ist frisch gemacht und pikant abgeschmeckt (3,50 Euro).

Der Spinatsalat ist vergleichsweise gigantisch, mit einem frischen Dressing in einer riesigen Schüssel angemacht und mit warmen Pilzen, Tomaten, jeder Menge gerösteten Pinienkernen und gebratenem Speck für den gesunden Appetit richtig schön hochgejazzt (8 Euro). Die offenen Weine, „ausschließlich aus Italien“, wie die Karte stolz vermerkt, sind sauber und trocken, anders als das Essen, aber in ihrer gepflegten Langeweile hart am Rande eines wirklich süffigen Preis-Leistungs-Verhältnisses. Der Pinot Grigio kostet 3, 80 Euro, der Chianti 4 Euro (0,2 l), die Liter-Flasche San Pellegrino immerhin auch schon 6,50 Euro.

Die Dorade reißt das wieder heraus. Sie ist im Ganzen gegrillt und keineswegs winzig, trägt noch Haut und alles Drum und Dran, schmeckt ganz frisch und ist von zartfester Konsistenz. Dazu gibt es Gemüse, kleine Pellkartoffeln und gemischten Salat (12,50 Euro).

Erstaunlich klein ist dagegen die Gemüse-Lasagne, deren Füllung fast nur aus Auberginen und Zucchini besteht. Sie wirkt so unlocker, fast komprimiert. Das ist angesichts der Vielfalt, die einem bei vegetarischen Pasta-Gerichten inzwischen sogar in Imbissen geboten wird, nicht überzeugend. Auch das Verhältnis von Käse und Tomate könnte sich noch deutlich zugunsten der Tomaten verschieben (7,50 Euro). Zum Nachtisch gibt es Käse in italienischen Darbietungsformen, zum Beispiel Gorgonzola mit Birnenspalten (6,50 Euro) oder Parmigiano mit Crema di Balsamico (5,50 Euro).

Einen aufkommenden Flirt mit dem Marsalaweinschaum verhinderte der Hinweis der Kellnerin, dass sie keine Garantie übernehmen könne, dass die bis dahin eher lahme Geschwindigkeit der Küche nun deutlich anziehen werde. Positiv betrachtet, lässt das immerhin hoffen, dass sich unter der Regie des offenbar sehr sorgfältigen Kochs die guten Ansätze vertiefen. Und vielleicht findet sich ja auch noch mal jemand zum Möbelrücken.

Es ist nämlich immer besser, ein paar Tische weniger und die voll zu haben, als zu viele Tische, an denen dann niemand sitzen mag.

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