Zeitung Heute : Varieté ist wie YouTube

UFA FABRIK Maximilian Rambaek fängt in „VibeZ“ das Lebensgefühl junger Großstädter ein

SANDRA LUZINA

Der Tänzer springt aus einer Holzkiste, die Kapuze hat er tief ins Gesicht gezogen. Zusammengekauert hockt er da und schaut sich um – wie ein scheues Tier, das auf dem Sprung ist. Doch dann erobert er sich seinen Freiraum, katapultiert sich in waghalsige Verschraubungen und Handbalancen. Nicht nur körperlich werden hier Grenzen überwunden. „Tough Guy“ heißt die Nummer von Cem „Jimmy“ Özdemir, die Tanz und Akrobatik auf furiose Weise verbindet – und sie macht deutlich, was so anders ist an der Show „VibeZ“, mit der das Sunset Varieté in der Ufa Fabrik in diesem Jahr eröffnet wird.

„Jimmy ähnelt in seiner Haltung einer kleinen Ratte“, erläutert der Regisseur Maximilian Rambaek. „Das war das Bild, das ich im Kopf hatte – und es hat sich stark und gut angefühlt. Mit Jimmy habe ich dann so lange an dem Thema gearbeitet, bis er das richtig gelebt hat.“ Rambaek zaubert in seiner Show „VibeZ“ keine ollen Kaninchen aus dem Hut, er lässt Kreaturen aus dem urbanen Dschungel auf die Bühne los. Denn „VibeZ“ fängt das Lebensgefühl junger Großstädter ein. Es geht um Gefühl und Härte, Konkurrenz und Vereinsamung. „VibeZ“ feiert aber auch die Gemeinschaft, beschwört die verbindende Kraft von Musik und Tanz.

„Varieté ist wie YouTube. Kannst du etwas Außergewöhnliches, zeig es einfach, statt Klicks gibt’s dann Applaus“, sagt Rambaek. Der Berliner, Jahrgang 1979, hat bereits in vielen Projekten bewiesen, wie man das etwas antiquierte Genre erneuern kann – mit Fantasie und Experimentierlust. Dabei ist er kein Überflieger, sondern ein Mann der Praxis. Nach der Schule fing er erst mal als Praktikant in der Ufa Fabrik an, wo er bald die Organisation des „Internationalen Kindercircusfestivals“ übernahm. Zusammen mit Yuppie überlegte er sich die Show-Abläufe. Danach hat er wechselnde Jobs übernommen – vom Stage-Management bis zur Abendspielleitung für „Palazzo“. „Ich habe alles von der Pieke auf gelernt“, betont Rambaek. Doch rasch merkte er, dass ihm das kreative Arbeiten am meisten Spaß macht. Auch der Regie-Star Markus Pabst, dessen Name für innovatives Varieté steht, glaubte an seine Begabung, gab ihm Raum zur Entfaltung. Vom Regieassistenten avancierte Rambaek bald zum Co-Regisseur, bei der Badewannen-Show „Soap“, die mit großem Erfolg im Chamäleon-Varieté lief, haben beide dann gleichberechtigt Regie geführt. „Soap“ ist schnell geschnitten wie ein MTV-Videoclip. „Wir bleiben nicht bei einem Genre, sondern zitieren ausgiebig“, umreißt Rambaek das Konzept.

Draht zur Szene

In „VibeZ“ zieht Rambaek allein die Fäden – und kreuzt auf unkonventionelle Weise die Genres. Als er bei der Afrika-Show „Bani Obashwe“ mit Cem Özdemir zusammenarbeitete, kam ihnen die Idee: Warum machen wir nicht eine Show mit Berliner Tänzern aus dem urbanen Bereich? Der Produzent Reinhard Bichsel gab den beiden grünes Licht. Özdemir hatte den Draht zur Szene, er schlug die Tänzer vor und übernimmt auch selbst einen wichtigen Part. Rambaek, der früher sehr aktiv war in der Hip-Hop-Szene, war aber von Anfang an klar: „Ich will keine 60 Minuten Yo Yo Yo haben.“

Seine Tänzer bedienen nicht nur die Breakdance-Klischees, sondern mischen unbekümmert die Stile. Des Weiteren mischen ein Beatboxer und zwei Akrobaten mit, die mit ausgefallenen Acts glänzen. „Ich kann keinen einarmigen Handstand, ich kann auch nicht tanzen. Aber ich habe die Fähigkeit, zu erkennen, was die Künstler draufhaben, und das so zu verpacken, dass es ankommt“, beschreibt der Jungregisseur seine Rolle. Fast schon selbstverständlich findet er, dass hier Künstler aus verschiedenen Kulturen aufeinandertreffen. „Die bunte Mischung – das ist ganz einfach Berlin.“ Wichtig ist ihm, dass die Akteure ihre charakteristischen Vibes rüberbringen. „VibeZ“ erzeugt positive Energien – darin ähnelt die mitreißende Show ihrem Schöpfer.SANDRA LUZINA

Premiere 14.7., 20.30 Uhr;

auch 15.-17., 27. und 29.-31.7.

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