Zeitung Heute : Vassilis Fall

Im Freizeitpark Kalkar stürzte ein Schwarzarbeiter zu Tode – was ist sein Leben wert?

Susanne Härpfer

Nadeshdas Hände zittern, als sie eine Rose auf das Grab legt. Ein Grab ohne richtigen Grabstein, der Name ihres Mannes Vassili ist auf ein Stück Blech geschrieben. Nadesha macht sich Vorwürfe: „Ich habe mich noch nicht einmal richtig von ihm verabschiedet. Noch nicht einmal auf den Balkon bin ich gegangen, als er nach Deutschland fuhr“, sagt sie.

Ihr Mann hatte sich auf den weiten Weg von Kasachstan nach Kalkar am Niederrhein gemacht. Er wollte ein bisschen Wohlstand, wollte etwas Geld verdienen für Nadeshda und seine Tochter Xenia, die heute 16 ist, und den 14-jährigen Sohn Vladislav. Und so ließ er sich anwerben von Schleusern, die ihm ein Visum verschafften und die Reise nach Deutschland organisierten.

„Nachts hatten sie manchmal noch nicht einmal Taschenlampen. Sie mussten sich mit Streichhölzern Licht machen. Trotzdem haben sie dort gearbeitet, in 20 Metern Höhe – bis es passiert ist“, erzählt Nadeshda Jevstegenev. „Es“ – das ist der Tod ihres Mannes Vassili. Er schweißte in 20 Metern Höhe, ohne Helm, ohne Schutz. Das Rohr, auf dem er saß, löste sich, und er stürzte in die Tiefe.

Dieses Unglück geschah im so genannten „Kernwasserwunderland“ – einem Vergnügungspark in Kalkar auf dem Gelände des „schnellen Brüters“. Das Atomkraftwerk ging nie ans Netz, stattdessen kaufte der Holländer Henny van der Most 1995 den Meiler, um hier einen Freizeitpark zu bauen. Auf einem Teil des Geländes fahren heute schon Kinder Karussell, daneben stehen immer noch Teile der Atomruine, die noch umgebaut werden sollen. Hier starb Vassili, 46 Jahre alt.

Das Landgericht in Kleve kam zu dem Schluss, dass in eklatanter Weise gegen den Arbeitsschutz verstoßen wurde und verurteilte den Abbruchunternehmer Jakob D. zu 2250 Euro wegen fahrlässiger Tötung. Die Strafe fiel so gering aus, weil sie sich nicht nach der Schwere der Tat richtet, sondern nach dem Einkommen. Und Jakob D. gab an, Sozialhilfe zu beziehen. Allerdings hat niemand diese Angaben in Frage gestellt und überprüft – obwohl es Hinweise gab, dass der Angeklagte Geschäfte mit Rotterdam, dem Iran und der Ukraine machen soll.

Das ist nicht die einzige Ungereimtheit. Im Prozess verschwand ein Polizeivideo, das die Zustände auf der Baustelle zeigte – verheerende Zustände. „Es war dunkel. Wenn wir Türen öffneten, standen wir plötzlich vor sechs Meter tiefen Abgründen, die nicht gesichert waren. In 20 Metern Höhe, also dort, wo der Tote gearbeitet hat, gab es nur schmale Laufgänge. Wir haben weder Gitter noch Gurte oder Absicherungen gesehen“, schildert ein Polizeibeamter den Unfallort.

Morgens um sechs Uhr wurde die Polizei in das ehemalige Kernkraftwerk von Kalkar gerufen. Dort fand sie die Leiche von Vassili – ohne Papiere. „Niemand kannte den Toten angeblich. Das fanden wir schon sehr ominös“, sagt Polizeihauptkommissar Heinz van Baal.

Kurz bevor die Leiche anonym bestattet wird, meldet sich eine Frau aus Kasachstan, die ihren Mann vermisst – es ist Vassili. Er wurde, zusammen mit vielen anderen, nach Deutschland geschleust, erfahren die Ermittler.

Die Polizei war bis zu Vassilis Tod nie auf dem Gelände, eine Razzia hat es nie gegeben. Sonst hätte man einen großen Fahndungserfolg erzielt, die Schwarzarbeiter erwischt, eventuell sogar die Verantwortlichen und Vassili das Leben gerettet. Ob sie allerdings je erfolgreich Bußgelder eingetrieben hätten, bezweifeln die Beamten. Allein im Jahr 2002 hat die Bundesanstalt für Arbeit 122,2 Millionen Euro Bußgeld wegen Schwarzarbeit verhängt, aber nur 30,4 Millionen Euro eingetrieben. Auch wenn – wie vom Bundesfinanzministerium angekündigt – Schwarzarbeit bald Straftatbestand würde, wären Arbeiter wie Vassili in Zukunft kriminell, aber seine Auftrageber hätten weiterhin Möglichkeiten, sich einer Strafe zu entziehen.

Die Fahnder erhalten Hinweise, wo die illegalen Arbeiter gehaust haben. 20 Mann waren in einer Wohnung zusammengepfercht. Die Betten waren eigentlich nie kalt, sagt der ehemalige Hausmeister, sie waren rund um die Uhr belegt. Auch Jakob D. hatte hier sein Büro – für ihn arbeiteten Vassili und die anderen. D. bestritt dies: Vassili sei Praktikant gewesen und wie er in der Nacht auf die Baustelle gekommen sei, das könne er sich nicht erklären.

Für etwa 2 Euro 50 pro Stunde hätten die „Illegalen“ auf der Baustelle gearbeitet, sagt Wolfgang Packmohr vom Hauptzollamt Duisburg. Vassili hielt das für einen guten Lohn. Da, wo er herkam, passen ausgebildete Elektrotechniker für dieses Geld auf Industrieruinen auf – für 2 Euro 50 im Monat wohlgemerkt. Mit Vassili sollen wenigstens 30 weitere Kasachen im selben Zeitraum nach Kalkar gekommen sein. Wie viel es tatsächlich waren, ließ sich nicht mit Sicherheit klären, aber die Ermittler gehen von bis zu 250 Männern aus. Das Amtsgericht Duisburg verurteilte deshalb Jakob D. Ende September dieses Jahres zu einem Jahr und neun Monaten Haft auf Bewährung.

Aber auch er war nur ein Rad im Getriebe. Jakob D. arbeitete als Subunternehmer für den Holländer André Bakker von der Firma Alers. Der wiederum war Subunternehmer von Henny van der Most – jenem holländischen Millionär, der das Kernkraftwerk Kalkar gekauft hatte und auch in Holland Vergnügungsparks, Hotels und Gaststätten betreibt. Das fand der holländische Journalist Huub Jaspers heraus, der für den WDR recherchierte. In Zeitungsartikeln kokettiert Most damit, selbst schwarz gearbeitet zu haben. Von den Zuständen auf seiner Baustelle will er nichts gewusst haben. Er kann sich noch nicht einmal mehr an seinen langjährigen Unternehmer Bakker erinnern. Dabei ließ er sich einst feiern als den „König von Kalkar“.

Und die Witwe? Der wurde zwar die Beerdigung bezahlt – von einer Reiseversicherung. Doch um eine Rente und eine Entschädigung muss sie von Kasachstan aus eventuell noch einen Prozess führen gegen deutsche Berufsgenossenschaften. Und das, obwohl auch illegal Beschäftigten und ihren Angehörigen eine Rente zusteht.

Jakob D. ist in Revision gegangen. In diesem Monat soll das Oberlandesgericht in Düsseldorf entscheiden, ob das Urteil rechtens war; ob 2250 Euro zu viel sind für ein Menschenleben. Vassili starb im November des Jahres 2000.

„Die Story“, WDR III, Montag, den 13.10. um 22 Uhr 30, Mittwoch, den 15.10. um 10 Uhr 15, und in der ARD in Plusminus am Dienstag, den 14.10. um 21 Uhr 55.

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