Zeitung Heute : Vater sein oder nicht sein

Der Gesetzgeber will heimliche Vaterschaftstests unter Strafe stellen. Wie bei allen Verboten fangen die Probleme damit erst an

Heiko Schwarzburger

Die Fortschritte der Wissenschaft bringen nicht nur Segen, sie werfen vor allem immer neue Fragen auf. Ein heftig umstrittenes Themen ist die juristische Bewertung von heimlichen Vaterschaftstests. Rein technisch ist es überhaupt kein Problem mehr, aus einem Haar oder einigen Hautschuppen zu ermitteln, ob ein Kind tatsächlich von seinen Eltern gezeugt wurde. Doch für Richter und Anwälte liegt darin erheblicher Zündstoff. Denn das Ergebnis solcher Tests kann Familien sprengen. Im Jahr 2005 entschied der Bundesgerichtshof, dass heimliche Tests nicht verwertet werden dürfen. Das Bundesverfassungsgericht hat dies jüngst bestätigt. „Die Bundesjustizministerin plant seit längerem ein Gesetz, das diese Tests unter Strafe stellt. Ob es tatsächlich verabschiedet wird, ist noch nicht entschieden“, sagt Susanne Sonnenfeld, Professorin im Fachbereich Rechtspflege der Berliner Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege (FHVR).

Der Grund: Die Justizminister der Länder wollen in dieser Angelegenheit mitreden. Baden-Württemberg will sie zulassen und im Gesetz verankern, auch Bayern stößt in dieses Horn. „Nun hat das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber aufgegeben, zur Verwirklichung des Rechts des Vaters auf Kenntnis der Abstammung seines Kindes ein geeignetes Verfahren – und zwar allein zur Feststellung der Vaterschaft – bereitzustellen. Zur Zeit ist die private Klärung der Abstammung nur mit Einwilligung des betroffenen Kindes zulässig“, sagt Sonnenfeld. „Ein ohne Einwilligung des Kindes eingeholtes Gutachten verstößt gegen dessen Persönlichkeitsrecht.“

Und genau an dieser Stelle fangen die Probleme an: Wer spricht für ein Kind, um die Erlaubnis zu erteilen? Ab welchem Alter gilt ein Kind als befähigt, selbst einzuwilligen? Susanne Sonnenfeld ist Expertin für Familienrecht, sie erforscht den Paragrafendschungel, damit Gesetze und Rechtsprechung auf die Realität menschlichen Zusammenlebens passen. „Nehmen wir den Fall, dass beide Elternteile miteinander verheiratet sind und das gemeinsame Sorgerecht haben“, konstruiert sie. „Nun kommen dem Vater Zweifel, ob der Filius wirklich sein eigener ist. Muss dann auch die Mutter dem Test zustimmen? Oder stellen Sie sich vor: Die 17-Jährige nimmt ein Haar ihres Vater. Sie will wissen, ob er tatsächlich ihr Vater ist und lässt es untersuchen. Sollte das dann unter Strafe gestellt werden?“

Nach deutschem Recht muss der Mann gegen das Kind klagen. Das hat enorme seelische Belastungen für alle Beteiligten zur Folge. Die Gerichte hängen die Hürden hoch, will ,Mann‘ die Vaterschaft anfechten. „In Deutschland muss der Mann Umstände vortragen, die geeignet sind, Zweifel an seiner Vaterschaft zu wecken“, erklärt Sonnenfeld. „Ein diffuser Verdacht reicht nicht. Anders wäre es, wenn ihm ein Arzt hundertprozentige Zeugungsunfähigkeit bescheinigt.“ Es kann die paradoxe Situation entstehen, dass der Mann aus einem heimlichen Test weiß, dass er nicht der Vater ist, dieses Ergebnis aber nicht verwenden darf – wie jetzt vom Verfassungsgericht bestätigt.

Die Professorin und ihre Studierenden sammeln nun relevante Literaturstellen, werten Kommentare und jüngste Veröffentlichungen aus. Im Sommer wollen sie ihre Ergebnisse vorstellen, gerade rechtzeitig, um in die heißen Debatten einzugreifen. „Es bleibt zu untersuchen, wie die Vorgaben der Verfassungsrichter umzusetzen sind und ob auch dem zweifelnden Kind ein geeignetes Verfahren allein zur Vaterschaftsfeststellung bereitzustellen ist“, sagt sie. Übrigens: 80 Prozent der heimlichen Tests bestätigen den Verdacht nicht. Sie kommen oft nicht einmal ans Licht: „Der Vater ist einfach nur gewiss, dass sein Verdacht nicht zutrifft“, berichtet Susanne Sonnenfeld. „Mehr geschieht nicht.“

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