Zeitung Heute : Vater Staat

Jorgos Papandreou, Sohn des legendären Andreas, ist der Star der griechischen Linken

Gerd Höhler[Patras]

Ein kalter Wind peitscht den Regen durch die Straßen der westgriechischen Hafenstadt Patras, doch der Kandidat kommt im dünnen Cordjackett. Jorgos Papandreou gibt sich jugendlich, dynamisch und volksnah heute. Er ist selber gefahren an diesem Tag, der Außenminister Griechenlands; zwei Stunden seit Athen, neben ihm im Saab sitzt seine Frau Ada. Und überall stehen winkende, Fahnen schwenkende Menschen am Straßenrand. Der Ortsverband Patras der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok) bereitet dem designierten Parteichef einen großen Empfang. Papandreou ist der neue Hoffnungsträger der Pasok.

Anfang Januar hatte Premier Kostas Simitis seinen Rücktritt vom Parteivorsitz der Sozialisten angekündigt. Papandreou ist der einzige Kandidat für die Nachfolge. Wenn einer die Sozialisten noch einmal zum Sieg bei den Parlamentswahlen im März führen kann, dann er. Binnen weniger Wochen ist der Vorsprung der Konservativen von acht auf 2,4 Prozent geschrumpft. Schafft der 51-jährige Außenminister den Wahlsieg, wäre er der dritte Papandreou, der Griechenland regierte. Keine Familie hat die Griechen so fasziniert und polarisiert, hat das Land so geprägt wie die Papandreous.

Den jüngsten Spross nennen sie „Jorgakis“ – „kleiner Jorgos“. Das ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Großvater, der das Land nach dem Abzug der deutschen Besatzer 1944 regierte und erneut von 1963 bis 1965. Noch heute ist er eine Ikone der griechischen Linken. In Kalentzi, seinem Heimatdorf in den Bergen über Patras, steht ein bronzenes Standbild des „Alten der Demokratie“. Und dorthin fährt auch der Enkel.

In Kalentzi empfangen sie ihn mit bengalischen Fackeln. Eine „Wallfahrt“ habe er hierher unternehmen wollen, sagt er, aber nun sei daraus viel mehr geworden, „eine Bewegung, ein neuer, großer Anfang“. Dann legt er am Standbild des Großvaters einen Kranz nieder. „Jetzt hat er den Segen des Alten“, flüstert ein Pasok-Anhänger.

„Es ist wie 1981“, schwärmt unter Tränen eine alte Frau, die im Regen ausgeharrt hat, um „Jorgakis“ zu sehen. Damals, vor 23 Jahren, zog ein anderer Papandreou in den Wahlkampf. Andreas Papandreou versprach den großen Wandel und elektrisierte Hunderttausende. Mit dem Schlachtruf „Hinweg mit den Todesbasen“ zog Papandreou auf seinen Wahlkundgebungen gegen die US-Stützpunkte zu Felde. „EG und Nato, dasselbe Syndikato“, brüllten die Massen zurück.

Andreas Papandreou gewann die Wahl vom Oktober 1981, aber der versprochene Wandel hielt sich in Grenzen. Weder setzte der neue Premier die amerikanischen Soldaten vor die Tür, noch vollzog er den Austritt aus EG oder Nato. Mit seiner aggressiven nationalistischen Rhetorik jedoch brachte Papandreou Griechenland in immer größere Isolation. Die Partner in Europa quälte der exzentrische Athener Premier mit Geldforderungen – in der Finanzpolitik bewies der studierte Ökonom keine glückliche Hand: In nur zwei Legislaturperioden stiegen die griechischen Staatsschulden auf das Dreifache. Nie aufgeklärte Korruptionsvorwürfe und die Affäre mit der Olympic-Airways-Stewardess Dimitra Liani, die mit Nacktfotos berühmt wurde und die Papandreou später heiratete, brachten ihm 1989 eine Wahlniederlage. Drei Jahre später schaffte er die Rückkehr, trotz schwerer Krankheit klammerte sich der greise Mann verbissen an die Macht. Während Papandreou dahinsiechte, war das Land wie gelähmt. Erst auf Zureden seines Sohnes Jorgos unterschrieb er im Januar 1996 auf der Intensivstation der Athener Onassis-Klinik widerwillig den Rücktritt vom Amt des Regierungschefs.

Andreas Papandreou und sein Sohn Jorgos: Auf den ersten Blick lässt sich kein größerer Gegensatz der Charaktere, des persönlichen Stils und des politischen Programms denken. Andreas führte die von ihm gegründete Pasok wie ein unfehlbarer Patriarch, Jorgos dagegen ist ein Mann des Dialogs und ein guter Zuhörer. Der Vater galt in Europa als unberechenbar, sein Sohn hingegen genießt als Außenminister im Kreis seiner EU-Kollegen hohes Ansehen. Andreas Papandreou steuerte einen harten Konfrontationskurs gegenüber der Türkei; sein Sohn dagegen legte das Fundament für eine Aussöhnung mit dem „Erbfeind“. Und während Papandreou senior wegen seines militanten Antiamerikanismus nie eine Einladung ins Weiße Haus bekam, stehen dem in den USA geborenen und aufgewachsenen Jorgos in Washington alle Türen offen.

Aber dieser Wahlkampf wird kein Spaziergang. Eben erst angetreten, ist Jorgos Papandreou bereits mit der ersten Krise in seiner Partei konfrontiert. Kurz bevor das Parlament aufgelöst wurde, brachte jetzt der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium eine Gesetzesänderung durchs Parlament, die es einem Bauunternehmer seines Wahlkreises ermöglichen sollte, unter Umgehung der Naturschutzbestimmungen Ferienhäuser in einem Wald zu errichten. Das brachte die Genossen in den Geruch der Günstlingswirtschaft. Papandreou griff durch: Auf seinen Druck verlor der Staatssekretär sein Amt, und neun sozialistische Abgeordnete, die den Gesetzentwurf unterstützt hatten, wurden von den Kandidatenlisten für die Wahl gestrichen. Aber der politische Schaden ist nicht behoben. Nach jüngsten Meinungsumfragen beginnt sich der Vorsprung der Konservativen wieder zu vergrößern.

Trotz aller Unterschiede – viele Pasok-Anhänger sehen in Jorgos den Vater. Das mächtige Über-Ich der Partei ist allgegenwärtig. „Andreas, du lebst, du führst uns“, skandieren sie in Patras, als sei der legendäre Vater in Gestalt seine Sohnes von den Toten auferstanden. Die Verehrung für den jungen Papandreou nimmt schon fast religiöse Züge an. Als er nach Kalentzi hinauffährt, läuten in den Dörfern die Kirchenglocken, Popen stehen am Straßenrand und segnen den Hoffnungsträger, die Leute grüßen ihn mit Olivenzweigen. Die gemeinsam mit dem scheidenden Premier und Parteichef Simitis geplanten Wahlkampfauftritte soll es nun doch nicht geben. Ein Messias kommt allein.

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