Zeitung Heute : "Vatersehnsucht": Krieg der Tomaten

Günter Franzen

Eben hat Alice Schwarzer mit ihrem neuen Buch wieder eine Lanze für die Frauen gebrochen. Wer aber nimmt sich der Männer an? Erinnern wir uns zunächst.

Als der Frankfurter Weiberrat unter Leitung der Genossin Sigrid Rüger am 13. September 1968 den männlichen Vorstand des SDS mit faulen Tomaten traktierte, ging ein großes Raunen durch den bundesrepublikanischen Blätterwald, und die verschreckten männlichen Beobachter der Szene fragten sich ein ums andere Mal, was um Gottes oder Demeters willen in die jungen Frauen gefahren sei, die man als sanft toupierte Tanzstundendamen vor der letzten Ballsaison in der Provinz her doch noch so ganz anders in Erinnerung hatte.

Der plötzliche Entzug des gewohnten weiblichen Liebreizes enthüllte das erhebliche Theorie-Praxis-Gefälle jener legendären Lautsprecher der APO, die sich nicht weniger auf die Fahnen geschrieben hatten, als den Mühseligen und Beladenen dieser Erde das Joch des Kapitalismus von den Schultern zu nehmen, in den eigenen vier Wänden jedoch ein durchgehend reaktionäres und ausbeuterisches Regiment führten. Sie urinierten im Stehen, plünderten die Kühlschränke bis zum letzten vertrockneten Wurstzipfel, begünstigten nach mangelnder Körper- und Haushaltspflege die Heimsuchung der Wohngemeinschaften durch Kakerlaken, sonderten unter Drogeneinfluss ellenlange Monologe über Gott, die Welt und den tendenziellen Fall der Profitrate ab und behandelten die Frauen an ihrer Seite wie Putzlumpen.

Das Schweigen der Männer

So wie der Prager Fenstersturz anno 1618 den Dreißigjährigen Krieg auslöste, läutete die Bockenheimer Gemüseattacke von 1968 nicht nur eine neue Runde im Kampf der Geschlechter ein. Sie stellte auch in der Bereitschaft zur furchtlosen Ausbreitung der schmutzigen Wäsche eine Sternstunde des Feminismus teutonischer Prägung dar.

Nach dem ersten energischen Eingreifen der Feministinnen in die öffentliche Debatte - unter der Führung ihrer Galionsfigur Alice Schwarzer - schossen über Nacht aus jedem Winkel Frauengruppen wie Pilze aus dem patriarchal verseuchten Mutterboden. Und weil der Gründungsrausch den Frauen Flügel verlieh, etablierten sich unter dem bergenden Dach der Frauenbewegung binnen kürzester Zeit eine Reihe florierender Filialbetreiber, unter denen die einschlägigen Frauenperiodika einen besonders hohen Rang einnehmen.

Der Gegenstand der von den Redakteurinnen betriebenen Recherchen ist seither jenseits seiner Selbstzuordnung im obsolet gewordenen politischen Spektrum der ideelle Gesamtmann und die sorgfältige Bestandsaufnahme seiner biologisch, psychisch und sozial invarianten Defizite. In einer auch als praktische Loseblattsammlung erhältlichen Mängelliste rangieren geschlechtsspezifische Gefühlskälte und strikte Gesprächsverweigerung in der Negativbilanz ganz oben. Nach der sprachlosen, von animalischen Abfuhrbestrebungen diktierten Abwicklung des Geschlechtsverkehrs, resümieren die Folgeuntersuchungen seit 33 Jahren mit nervtötender Zuverlässigkeit, ziehe "er" sich und sein überschätztes Tatwerkzeug zurück und überlasse die möglichen Folgen der lieblosen Umarmung der um ihre Zärtlichkeitsbedürfnisse betrogenen Frau, die sich neun Monate später mit ihrem Kind erwartungsgemäß ins graue Heer der alleinerziehenden Sozialhilfeempfängerinnen verstoßen sehe.

Ein Beleg dafür, dass dieser niederschmetternde Befund, der durch die vorsichtigen Einlassungen einzelner Autorinnen wie Marina Gambaroff ("Utopie der Treue") und Barbara Sichtermann ("Weiblichkeit. Die Politik des Privaten") nichts von seiner einprägsamen Einfalt eingebüßt hat und längst zum breitgetretenen Gemeingut avanciert ist, bietet der von den "Ärzten" kreischend vorgetragene Hit der vorletzten Saison: "Männer sind Schweine."

Einer, der in den Chor der grobschlächtigen männlichen Selbstbezichtigung nicht einstimmen mag und auch dem kathartischen Genre der Satire gänzlich abgeneigt zu sein scheint, ist Gerhard Amendt. Unter dem Titel "Vatersehnsucht. Annäherung in elf Essays" warnt der an der Universität Bremen tätige Soziologe die Angehörigen der jüngeren Generation vor dem Irrtum, "den verdammenden Feminismus und das sprachlose männliche Wegducken einem abgeschlossenen Kapitel kaum noch nachvollziehbarer Feindseligkeit zuzuordnen." Der Wahnsinn hat laut Amendt Methode, der Männerhass entspringt einer bis in die Gegenwart fortwirkenden Geschichte. Das Schweigen der Männer dauert seit Ende des Zweiten Weltkrieges unvermindert an. Der Ausgang dieses Krieges, dessen grandioser Verlauf bis 1942 die geschlechtsübergreifenden, kollektiven Größenfantasien ins Unermessliche aufblähte, begründete eine Verschlossenheit, die sich aus zwei Quellen speiste.

Die schwachen Stalingrad-Väter

Was die Heimkehrer erlitten und verbrochen hatten, trug den Charakter des historisch unvergleichlich Abstoßenden und sprengte die Grenzen dessen, was in der symbolischen Ordnung der unter der Aufsicht der Sieger sich formierenden Zivilgesellschaft als sprachlich mitteilbar galt. Die im freien Fall befindlichen Verlierer blieben nach der Rückkehr in den Schoß der Herkunftsfamilie psychisch gesprochen "draußen vor der Tür". Sie waren krank, unterernährt, pflegebedürftig und impotent und sahen sich in ihrem kraftlosen Versuch, ihre alten Positionen einzunehmen, mit Frauen konfrontiert, die sich im Überlebenskampf auf der Flucht und in den ausgebrannten Städten als belastungsfähiger und aus der Perspektive der um sie gescharten Kinder als zuverlässigere Garanten ihrer Existenz erwiesen hatten. Weil es nicht nur für Frauen schwieriger ist, sich nach dem Zusammenbruch einer Illusion mit der Realität zu konfrontieren, als den Verlust am anderen dingfest zu machen, verfielen die jämmerlich geschrumpften, sechs Jahre zuvor in schimmernder Wehr zum Raubzug in Marsch gesetzten Blitzkrieger einer umfassenden weiblichen Verachtung. Deren Wucht stand im direkt proportionalen Verhältnis zu den enttäuschten megalomanen Erwartungen.

Die beschädigten Heimkehrer repräsentierten in dieser inneren Lesart nicht das unsäglich Widerliche des Krieges, sie waren widerlich. Die Söhne und Töchter der Frontkämpfer, sahen sich in der Obhut ihrer impotenten Väter, die geschlagenen und beschädigten Existenzen befanden sich psychisch im Dilemma. "Die Erkenntnis über die seelische Notlage der Männer ist dazu angetan" schreibt Amendt, "dem fossilen Feminismus sein aufklärerisches Gepränge streitig zu machen und im Argumentationsgefüge der gedankenlos durch mehrere Generationen weitergleichen Anklageschrift die Spuren eines Hasses auszumachen, der so überwältigend ist."

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