Zeitung Heute : Vatikan sieht Papst als Ziel einer Kampagne

„Heiliger Vater soll mit einer gewissen Verbissenheit in die Missbrauchsfrage hineingezogen werden“ / Glück stellt Zölibat infrage

Berlin - Der Vatikan sieht sich einer Kampagne ausgesetzt. „Es ist offensichtlich, dass in den vergangenen Tagen einige mit einer gewissen Verbissenheit in Regensburg und München nach Elementen gesucht haben, um den Heiligen Vater persönlich in die Missbrauchsfrage hineinzuziehen“, sagte Vatikansprecher Federico Lombardi am Samstag. „Für jeden objektiven Beobachter ist klar, dass diese Versuche fehlgeschlagen sind“, fügte er auf Radio Vatikan hinzu.

Das Erzbistum München und Freising hatte am Freitag bestätigt, dass unter Mitwirkung des heutigen Papstes Benedikt XVI.,dem damaligen Erzbischofs Joseph Ratzinger, ein pädophiler Priester nach München versetzt wurde. Dort sollte er eine Therapie machen. Entgegen dem Beschluss sei der Geistliche aber direkt in der Gemeindearbeit eingesetzt worden. Jahre später wurde er rückfällig und verging sich erneut sexuell an Minderjährigen. Das Erzbistum sprach von einem schweren Fehler, für den der damalige Generalvikar Gerhard Gruber in der Erklärung die Verantwortung übernahm und sich bei den Opfern entschuldigte. Nach Angaben des Erzbistums ist kein Missbrauchsfall des Priesters aus der Zeit bekannt, in der Kardinal Ratzinger die Diözese leitete.

„Wir sind enttäuscht, dass der Papst bisher kein mitfühlendes Wort für eine Bitte um Vergebung und Versöhnung gefunden hat“, sagte der Sprecher der Reformbewegung „Wir sind Kirche“, Christian Weisner, der Deutschen Presse-Agentur. Unterstützung bekam Papst Benedikt XVI. dagegen vom Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück. „Ich persönlich sehe da keinen weiteren Aufklärungsbedarf“, sagte er im Deutschlandfunk. Dafür stellte er in der „Süddeutschen Zeitung“ die Zölibatspflicht für Priester infrage. Auch der Hamburger Weihbischof Hans- Jochen Jaschke plädierte für ein Nachdenken über die Zölibatspflicht.

Unterdessen wurde am Samstag bekannt, dass der Vatikan seit 2001 von rund 3000 Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche aus den vergangenen 50 Jahren erfahren hat. Das sagte ein Vertreter der päpstlichen Glaubenskongregation, Charles Scicluna, der italienischen Bischofszeitung „Avvenire“. In rund 60 Prozent der Fälle sei es um gleichgeschlechtliche Kontakte gegangen. Bei 30 Prozent der Beschwerden handelt es sich demnach um heterosexuelle Kontakte und in nur zehn Prozent der Fälle um pädophile Übergriffe Geistlicher. Insgesamt seien in neun Jahren 300 von 400 000 Priestern weltweit der Pädophilie bezichtigt worden. Gegen 60 Prozent der Betroffenen strengte die Kirche seinen Angaben zufolge keine Prozesse, sondern lediglich disziplinarische Maßnahmen an. Der Grund war laut Scicluna meistens das „fortgeschrittene Alter“ der Beschuldigten.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) regte nach Bekanntwerden der neuen Fälle unabhängige Untersuchungskommissionen an. In der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ sagte sie, der Blick nach Irland oder in die USA zeige, dass solche Untersuchungskommissionen „einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung leisten könnten“.

Autor

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar