Vattenfall : Aufklärung, nur krümelweise

Vattenfall kommt nach den Pannen in Krümmel und Brunsbüttel nicht zur Ruhe. Wie hat der Konzern das öffentliche Vertrauen verspielt?

Aus einem Feuer im Trafohäuschen am Atomkraftwerk Krümmel ist ein Flächenbrand der Entrüstung über den Energieversorger Vattenfall erwachsen. Jahrelang galt der Konzern als zuverlässig – und sympathischer als die alten deutschen Gebietsmonopolisten Eon und RWE. Dass Konzernchef Lars-Göran Joseffson als Umweltberater der Bundeskanzlerin fungiert, diente auch dem Firmenimage. Und Regionalpolitiker umschmeichelten die Schweden, die mit ihrem Einstieg in Versorger wie Bewag und HEW ihre Haushaltsnöte linderten.

Doch seit dem 28. Juni ist alles anders. Weniger, weil es in Krümmel brannte, sondern weil der Konzern den Unfall offensichtlich kleinredete. „Die Störungen standen nicht mit dem Nuklearbereich in Verbindung“, teilte Vattenfall mit und gab sich fortan wortkarg. Dass Vattenfall die Öffentlichkeit nur häppchenweise über die tatsächlichen Vorkommnisse informierte, weckte Misstrauen – und so rückten auch Pannen aus der Vergangenheit wieder in den Vordergrund.

Im schwedischen Reaktor Forsmark löste 2006 ein Kurzschluss Hektik aus. Das Kraftwerk, das zu einer älteren Generation gehört, trennte sich nach dem Vorfall automatisch vom Stromnetz. Der Reaktor schaltete sich zwar wie vorgesehen ab, doch nicht schnell genug, weil zwei von vier Dieselgeneratoren nicht ansprangen. Durch die kurzfristig ausgefallene Stromversorgung war die Belegschaft mehr als 20 Minuten nicht über den Zustand der Anlage informiert. Die Mitarbeiter starteten schließlich die Generatoren von Hand. Ob es zum Gau gekommen wäre, wenn die Generatoren ganz ausgefallen wären, ist umstritten. Ein Vattenfall-internes Gutachten kommt jedoch zu dem Schluss: „Die aufgetretene Störung muss leider aus der Perspektive eines Höhepunkts im Verfall der Sicherheitskultur des Unternehmens betrachtet werden.“ Damals fragte man sich auch in Deutschland, wie sicher die hiesigen Akws noch sind. Zumal es auch hier immer wieder Pannen gab. Ende 2001 explodierte in Brunsbüttel eine Leitung auf drei Metern Länge. In dem Kraftwerk hatte sich Knallgas gesammelt, das bei der Trennung von Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff entsteht. Zu dem Unfall konnte es laut Umweltschützern nur kommen, weil sich das Gas an einer in anderen Akws unüblichen Kühlanlage sammelte. Die Anlage beschleunigt das Auswechseln von Reaktorstäben, was den Profit des Kraftwerks steigert.

Dass der Konzern sich seit Jahren weigert, eine Mängelliste für Brunsbüttel zu veröffentlichen, stärkt nicht gerade das Vertrauen. Die Liste aus dem Jahr 2001 führt nach Angaben der Landesregierung Schleswig-Holstein Hunderte Punkte auf, die noch nicht abgearbeitet sind. Vattenfall erreichte per Gerichtsbeschluss, dass das Dokument bislang nicht an die Öffentlichkeit gelangt ist. Es handele sich überwiegend um „Kleinprobleme“. Vor diesem Hintergrund stieß Vattenfalls Versuch, die Laufzeit für Brunsbüttel beim Bundesumweltministerium zu verlängern, in der Öffentlichkeit erst recht auf Unverständnis. Trotz der Mängel möchte der Konzern das Akw statt bis 2009 bis 2011 betreiben – und dafür das Kraftwerk Krümmel früher abschalten. Sigmar Gabriel erteilte Vattenfall eine Abfuhr. Die im Norden zuständige Ministerin gab Vattenfall auch noch einen mit: Brunsbüttel sei „wegen teilweise gravierender technischer Probleme in keiner Weise geeignet“, länger am Netz zu bleiben.

In Berlin und Brandenburg verscherzte es sich der Konzern mit vielen Kunden wegen der seit Juli gültigen Strompreiserhöhung um durchschnittlich 6,5 Prozent. Vielen stieß übel auf, dass Vattenfall in einem Schreiben nur auf teure Angebote hinwies, Spartarife aber nicht erwähnte. Wettbewerber wie Nuon meldeten dann Zehntausende von Vattenfall zu ihnen gewechselte Neukunden. Zudem stellt sich Deutschland-Chef Klaus Rauscher mit seinem Einsatz für neue Braun- und Steinkohlekraftwerke in Berlin und Hamburg gegen ambitionierte Klimaschutzziele, die auch Konzernchef Josefsson vertritt.

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