Zeitung Heute : Vaybee!

Der Tagesspiegel

Von Matilda Jordanova-Duda

Das Zuwanderungsgesetz im Bundesrat, die Politik von Ankara, die deutschen Schultypen und die Kulturgeschichte des weiblichen Hinterteils samt erotischer Bilder zeitgenössischer Schönheiten: Die „Vaybee!“-Redaktion wechselt mühelos zwischen harten News und prickelnden Lifestyle-Themen. Das größte und bekannteste unter den hiesigen Ethno-Portalen bietet den Deutsch-Türken eine Heimatecke im Internet. Es hat nach eigenen Angaben inzwischen über 210 000 registrierte Mitglieder und verzeichnet rund 750 000 Visits im Monat. Die Nutzerzahlen seien in den letzten acht Monaten rasant gestiegen – und das trotz der allgemeinen Internet-Krise.

„Vaybee!“ wurde im März 2000 von den drei Brüdern Kulmac und deren Schwager Ufuk Senay gegründet. Vater Kulmac hatte noch als Schlosser in den Ford-Werken gearbeitet. Die Söhne haben studiert und erst einen kleinen Verlag eröffnet, bevor sie zu der New Economy kamen. „Wir sind im Internet herumgesurft und haben nach Angeboten für die türkische Gemeinde gesucht“, sagt Akgün Kulmac, „wir fanden keine.“ Die Seiten aus der Türkei nützten den hierzulande Aufgewachsenen doch wenig. Die Idee, selber welche zu schaffen, überzeugte auch die Investorgesellschaft IVC aus Frankfurt auf Anhieb. So wurde „Vaybee!“ die erste türkische Existenzgründung mit deutschem Risikokapital. Der Name lässt sich mit „Wow!“ übersetzen und drückt eine Art von verwunderter Begeisterung aus.

In den USA erprobt

Herumgesurft und nichts entdeckt - auf die gleiche Art und Weise sind Germany.ru und polonium.de entstanden. Im Jahr 1999/2000 begannen sich Ethnoportale im deutschsprachigen Raum zu etablieren: für die Deutsch-Türken und für die RusslandDeutschen, für Griechen, Italiener und Polen. Wie vieles im Internet, ist auch dieser Trend zuerst in den USA erprobt worden. Dort haben die Plattformen der Hispanos, der Chinesen, der Inder und der jungen Schwarzen Millionen Mitglieder.

Und die Pioniere blieben nicht lange ohne Konkurrenz. Das Potenzial der 2,8 Millionen Türkischstämmigen wird auch von turkinfo.de, turkdunya.de und anderen beansprucht. Für die über 3 Millionen russischsprachigen Einwanderer gibt es eine Vielzahl lokaler (hamburg.ru) oder nach Zielgruppen ausgerichteter Seiten. Auf rusportal.de sind zum Beispiel die IT-Spezialisten unter sich. Bei obman.de (auf Deutsch: Betrug) können sich Neuankömmlinge über die Fallstricke des Aufnahmelandes informieren. Eine Frau berichtet über ihre leidvollen Erfahrungen mit Schlankmacherpillen. Ein anderer warnt vor Anzeigen über angeblich ertragreiche Nebenjobs. Unter kniga.de wird schwungvoll mit russischen Romanen, Musik-CDs und Videos gehandelt.

Landesspezifische Marktnischen zu bedienen ist ein Standbein der Ethno-Portale. Allerdings, nur bei den großen, ethnischen Minderheiten lohnt sich das wirklich. „Vaybee!“ hat das nach eigenen Angaben größte türkische Musiksortiment mit Hörproben ins Netz gestellt. Fan-Artikel von Fußballclubs aus der Türkei, gewisse Lebensmittel, demnächst sollen auch Reisen folgen. Auch die Werbebanner – immer noch die größte Einnahmequelle der New Economy – sind auf den Ethno-Portalen ein kleines bisschen anders: weniger Erotik und mehr Familiensinn, Prominente aus der Heimat.

Andreas Brückmann registrierte 1999 einfach so, ohne groß zu überlegen, die Adresse germany.ru und schnappte sie der Deutschen Botschaft in Moskau unter der Nase weg. Dann begann der 30-jährige Aussiedler, die Seite allmählich aufzubauen. Zuerst gab es Chats, dann Foren – „und die fanden einen so großen Zuspruch, dass unser Server regelmäßig überlaufen war“, sagt er. Drumherum hat er dann das Informationsangebot aufgebaut. An die 47 000 registrierte Mitglieder hat germany.ru im ersten Quartal 2002. Andreas Brückmann schielt Richtung „Vaybee!“, ebenfalls ein Kölner Startup. Nur dass er ohne 3,5 Millionen Euro Risikokapital und mit viel bescheideneren Mitteln auskommen muss.

Als Sponsoren konnten diverse Autohäuser gewonnen werden, die gebrauchte Wagen für die Überführung nach Osteuropa verkaufen. Es inserieren auch russische Firmen, die den Aussiedlern und jüdischen Kontingentflüchtlingen gewohnte Dienstleistungen und Waren anbieten. Der Einzelhandel für die russischsprachigen Migranten ist schließlich bei weitem nicht so gut ausgebaut wie der türkische – da ist noch Platz für den einen oder anderen Online-Shop.

Brückmann ging auch bei den Konzertveranstaltern Klinken putzen. Und zwar bei solchen, die Tourneen russischer Popsänger in Deutschland organisieren. Immerhin 10 Millionen Euro. Umsatz werde damit jährlich gemacht, sagt er und will ein Stück des Kuchens haben. Die Fans können sich nun in seinem Eventkalender die Termine herauspicken, und rechtzeitig vor den Konzerten wird eine Werbekampagne gestartet.

Die Ethnoportale sind mehr oder weniger zweisprachig oder wollen es noch werden. Deutschen Interessenten stehen sie offen. Ein Teil der aktuellen Nachrichten ist den deutschen Medien entnommen, der Rest stammt aus den Zeitungen und Agenturen des Herkunftlandes. Eine Rundumversorgung des Nutzers mit Mail- und SMS-Versand, elektronischen Postkarten, Horoskopen und Ähnlichem ist hier auch selbstverständlich. Gut benutzt sind die Ratgeberteile: Wie verlängert man den Pass? Wie verschiebt man den Militärdienst? Wie schreibt man offizielle Briefe? Einen Großteil der Inhalte schaffen aber die Nutzer selber: in Foren und Chats.

Mehr Frauen als sonst

Liebe, Flirt und Partnerschaft ist das mit Abstand am meisten frequentierte Forum von „Vaybee!“. 40 Prozent der Nutzer sind Frauen – im Internet eine überdurchschnittliche Quote. Vermutlich weil sich im Netz freier kommunizieren lässt als in der realen Welt. Als typische „Vaybee!“-Nutzer wurden Türken der zweiten und dritten Generation, zwischen 18 und 49 Jahren alt, meist Studenten, Angestellte, Auszubildende und Selbständige ausgemacht. Mitten im Satz wird oft von Deutsch auf Türkisch und zurück gewechselt. Politische Interessen werden in den Foren ebenfalls deutlich. So haben Besucher von turkinfo.de den Auftritt von Kanzlerkandidat Edmund Stoiber bei Sabine Christiansen genüsslich zerpflückt. Allerdings werden politische Belange des Heimatlandes insgesamt mit größerer Leidenschaft diskutiert.

„Warum sind Sie auf germany.ru?“ wollte der Betreiber einmal wissen. Tja, die Information und auch die Kommunikation mit Landsleuten sind nur halb so wichtig. 34 Prozent und damit die meisten Nutzer, so die Antwort, hoffen auf diese Weise, ihre bessere Hälfte zu finden. Apropos Hochzeiten. „Vaybee!“ hat schon mindestens eine gestiftet.

Links im Internet:

www.vaybee.de

www.turkinfo.de

www.germany.ru

www.rusportal.de

www.polonium.de

www.in-italy.de

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