Zeitung Heute : Venezuela: Eintönig und großartig

Gerald Penzl

"Que frío! Maria, que frío!" Carlos schüttelt sich vor Kälte. "Si", nickt fröstelnd sein Herzblatt, "hier auf 1600 Metern sind die Temperaturen ja noch halbwegs ertragbar. Aber dort oben", sagt sie und deutet auf den wolkenumtosten 4765 Meter hohen Pico Espejo, "wird es lausig kalt."

So wie den beiden geht es den meisten hier am Eingangstor der Teleferico, Venezuelas spektakulärer Seilbahn hinauf in die Gipfelwelt der Anden. Erbaut wurde die Attraktion Ende der Fünfziger Jahre. Damals schwelgte das Land im Öl; das schwarze Gold spülte astronomische Summen in die Kassen und der Staat spendierte sich von schicken Highways, himmelstürmenden Wolkenkratzern bis hin zu eben dieser - übrigens weltlängsten - Seilbahn alles, was gut, beeindruckend und vor allem teuer war.

Die Zeiten sind längst vorbei. Ölkrise, Opec-Kartell, Mañana-Schlendrian und vor allem Vetternwirtschaft haben das selbst ernannte Saudi-Arabien Südamerikas wieder zum Kreditnehmer der Weltbank gemacht. Das freilich kümmert die Ausflügler wenig. Auch wenn die 12,6 Kilometer lange Seilbahn mit ihren drei Umsteigestationen zwischenzeitlich jedem TÜV-Ingenieur die Haare zu Berge stehen ließe - ohnehin wurde das letzte Teilstück seit dem Unfall 1991 immer noch nicht repariert - sind ihnen die eisgepanzerten 5000er mit ihren nebeldurchtränkten Schluchten und mythenumrankten Lagunen ein beliebtes Ausflugsziel.

Pünktlich um 8 Uhr öffnet die Bahn. 36 Erlebnishungrige spurten in die Gondel, die Türe schließt, mit einem Ruck nimmt die Reise ihren Lauf. Über Bananen und Kaffeestauden hinweg, durch Kiefernhaine, Pinien und Bergnebelwälder, verschwimmen Talstation und die 250 000 Einwohner große Universitätsstadt Mérida. Freundlich noch leuchten ihre roten Ziegeldächer, grüßt der Spanien-Befreier und Nationalheld Simón Bolívar als bronzene Reiterstatue umrahmt von wohlrestaurierten Kolonialpalästen und schon ist die beschauliche, gerade 40 Flugminuten von der Küste entfernte Stadt aus dem Blick.

So kräftig sich die venezolanischen Anden auch in den Himmel recken, so klein sind sie im Vergleich zu der 917 000 Quadatkilometer Gesamtfläche des Landes. Goliathhaft dagegen präsentieren sich die über 300 000 Quadratkilometer großen Llanos im Herzen Venezuelas. Als eintönig und großartig zugleich hatte sie Alexander von Humboldt auf seiner Reise im März 1800 beschrieben. Eine baumlose Tiefebene seien sie, menschenleer, feucht und heiß, von unzähligen Gewässern zerfurcht und endlos weit. Doch schon die Spanier hatten den Wert dieser vermeintlich unwirtlichen Region erkannt. Überzeugt, dass dieses kontinentale Galapágos mit seiner Artenvielfalt ein wahres Rinderparadies sein musste, erbauten sie hier bereits 1548 die ersten Haziendas. Aus ihren damals wenigen Tieren sind heute Millionen und die Llanos zum größten Steak-Produzenten des Landes geworden. Parallel dazu hat sich auch eine menschliche Spezie, der Llañero entwickelt. Wie sein Amtskollege, der Cowboy im Wilden Westen Amerikas, ist er ein harter Kerl und Draufgänger. Auf dem Rücken der Pferde zu Hause, stets nur auf das Wohl der Rinder bedacht, hatte auch er mit den ursprünglichen Besitzern des Landes, den Indianern, wenig völkerfreundschaftliches im Sinn ...

Acht Autostunden Bandscheiben-Tortur entlang uriger Bergdörfer, haarsträubender Serpentinen, über den 4000 Meter hohen Pico-de-Aquilla-Pass, durch Regenwald und horizontlose Weite ist die Hato-El-Cedral-Ranch erreicht. Zwar ist sie mit ihren 50 000 Hektar nicht die größte Rinderfarm der Llanos, doch bieten ihre weit verzweigten Wasserkanäle die spektakulärste Fauna. Für die Gäste ist Ramón zuständig. "Bueno", begrüßt er die Besucher und macht Glauben, dass er mit seinen 65 Jahren 24 Kinder habe, davon 20 (!) Söhne von sechs (!) Frauen und der größte Schlangen- und Piranha-Fänger der Llanos sei. Mit ihm als Guía, Führer, habe man Glück. "Keiner", versichert er, kenne die Hato so gut wie er. "Ich weiß, wo die kapitalsten Kaimane, die größten Ameisenbären und die gefräßigsten Anakondas zu finden sind.

Piranha am Haken

Kaum sind die Fremdlinge im Boot und der Außenboarder gestartet, folgen den Worten Taten. Flink fingert Ramón eine Angelschnur aus der Hosentasche. Im Handumdrehen piekt er ein rohes Stück Fleisch daran. Ein gekonnter Wurf noch und schon zappelt ein Piranha am Haken. Ramón, nun ganz den Kerl herauskehrend, öffnet dem Schuppengesellen das Maul. So harmlos wie das Tierchen am Haken aussah, so gruselerregend blinken dem Betrachter jetzt zwei dolchspitze Zahnreihen entgegen. Um das Adrenalin noch höher zu puschen, wirft Ramón den Piranha einem dahindösenden Krokodil als Appetizer zu. "Keine Angst", versichert er dabei, "der steht in der Nahrungskette höher als wir Menschen!" Und tatsächlich, der Fisch ist sogleich im Schlund des Urtiers verschwunden.

Venezuela versteht sich als als KaribikAnrainer. Stolz verweist das sechstgrößte Land Lateinamerikas auf rund 2000 Kilometer Küstenlinie und Hunderte von Inseln, allen voran die Isla Margarita und das Los Roques Archipel. Playas, so weit das Auge reicht: Von der Halbinsel Paria vis-à-vis Trinidad bis hin zu Puerto Cabello im Norden reihen sich die palmbestandenen Hoffnungsträger wintergeplagter Fernwehsüchter wie Perlen aneinander. Gäbe es für diese Ankerplätze der Träume eine Hitparade, Playa Medina führte sie an. "Bis in die Vierziger", so Wilfrid Merle mit Fingerzeig über die sanft geschwungene Bilderbuch-Bucht, "war das hier eine Kokos-Hazienda. Dann rentierte sich das Geschäft angeblich nicht mehr und die Plantage wurde geschlossen." Der Grund war natürlich das Erdöl. "Venezuela", so Wilfrid Merle weiter, "stand damals an der Weltspitze der Erdöl produzierenden Länder. Nichts und niemand scherte sich um die Landwirtschaft. Warum sollte man sich auch die Finger dreckig machen, wenn es genug Dollars gab, um alles, aber auch wirklich alles zu importieren. Die Folgen für die traditionell unterentwickelte Halbinsel Paria sind heute katastrophal."

Wilfrid Merle ist für Paria so etwas, wie Mutter Theresa für Kalkutta war. Der 60-jährige Agraringenieur erfüllt seit 36 Jahren die selbstauferlegte Pflicht, der Region wieder zu Arbeit und Brot zu verhelfen. Von Rinder-, Schweine- und Büffelzucht, Käseproduktion, Tropenfruchtanbau, Kunsthandwerk bis zum umweltfreundlichen Klein- aber Feintourismus hat er alles angekurbelt, was sich mit seiner Idee und dem ökologischen Gleichgewicht der Natur einigermaßen in Einklang bringen lässt. "Für die Umweltverträglichkeit meiner Playa-Medina- und Playa-Puy-Puy-Ferienbungalows", erzählt er, habe er 1997 den Tourismus- und Umweltpreis der deutschen Reisebüros und Reiseveranstalter erhalten. Stolz berichtet er von seinem Kakao-Projekt. "Obwohl hier der beste Kakao der Welt gedieh, fiel auch der dem Erdöl zum Opfer." Er nun hat die braune Leckerei in kleinem Rahmen wieder angebaut. Imhoff, der Schokoladenkönig aus Köln, war von der Qualität derart begeistert, dass er ihm einen Großteil der Ernte abkaufte und noch 500 Dollar pro Tonne extra zahlte. "Wenn das", so Wilfrid, "kein Qualitätsbeweis ist!"

Cumaná, empfehlen die Reiseführer, sei eines jener Städtchen, die eine Stippvisite lohnen. Mit der Schnellfähre von der Isla Margarita in nur zwei Stunden erreicht, bietet es Lokalkolorit, Kolonial-Ambiente und das schmucke Castillo San Antonio als Wahrzeichen und Aussichtspunkt der Stadt. Doch so erhaben das Auge von der Festung aus über den Golfo de Cariaco schweift und so sehr sich das venezolanische Lebensgefühl in den Mauern der Stadt entdecken lässt, so finster ist es um seine Historie bestellt. Cumaná, so die Chronik, war die erste spanische Siedlung auf venezolanischem Boden. Getrieben von der unbändigen Gier nach Reichtum und Gold, merkten die Spanier alsbald, dass die türkisfarbenen Fluten haufenweise Cocixas, wertvollste Perlen bargen. Entsprechend gingen die Eroberer zur Sache. Da die Indianer von Amts wegen keine Seele besaßen, also bestenfalls den Status zweibeiniger Tiere hatten, konnte man sie schinden, wie man wollte. Unter schier unmenschlichen Bedingungen jagten die Spanier sie in die lebensgefährliche Tiefe. Diejenigen, die nicht spurten, sprich, Gott und König um ihren gerechten Lohn betrogen, landeten in Ketten oder zur Abschreckung gleich am Galgen des Castillo.

Den Venezuleño lässt das Gräuel seiner Geschichte kalt. Mit Kind und Kegel, Schwiegermama und Großpapa, die Kühlboxen voll Cervesa und Grillsteaks griffbereit neben sich, gibt er sich am liebsten der unendlichen Leichtigkeit des Playa-Lebens hin. Nicht von ungefähr schließlich vermarktet die offizielle Tourismusvertretung sein Land als el secreto más guarado del Caribe, als das bestgehütete Geheimnis der Karibik. Und das heißt für ihn: Vamos a la playa und nur keine Sorge wegen der Vergangenheit und / oder der ungewissen Zukunft ...

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