Venezuela : Konterrevolution mit Gebet

Der Sozialismus scheut das Gebet wie der Teufel das Weihwasser, weiß unser Kolumnist Helmut Schümann. Das hindert die Sozialisten in Venezuela aber nicht daran, ein Gebet auf den verstorbenen Hugo Chavez anzustimmen.

Die regierende Sozialistische Partei Venezuelas (Psuv) hat ein Gebet nach dem Vorbild des christlichen "Vaterunser" an den gestorbenen Präsidenten Hugo Chávez offiziell gebilligt.
Die regierende Sozialistische Partei Venezuelas (Psuv) hat ein Gebet nach dem Vorbild des christlichen "Vaterunser" an den...Foto: dpa

Muss ja jeder selber wissen, wen oder was er anbetet. Ich, für meinen Teil, bete öfter mal die Tyche an, besser bekannt unter ihrem lateinischen Namen Fortuna. Das ist gleichermaßen die Glücksgöttin und der Vorname eines ruhmreichen rheinischen Fußballvereins. Und schwerhörig ist sie auch. Besonders im Falle dieses rheinischen Fußballvereins. Sie überhört seit Jahrzehnten hartnäckig meine Gebete. Ein kleiner Trost ist es, dass Fortuna nicht alleine taub ist. Auch die anderen Götter kann man bitten und bitten, es passiert nichts. Die Christen, zum Beispiel, gleich welcher Konfession, eint, dass sie ihren Vater anbeten. „Vater unser, der du bist im Himmel“ undsoweiter. Aber wenn man mal konkrete Wünsche hat, „Herr, lass Hirn regnen“ etwa, kübelt er allenfalls wochenlang und hirnlos Wasser vom Himmel. Die meisten Gebete, wenn nicht sogar alle, verpuffen, verwehen, schwirren auf ewig unerfüllt durch die Weiten des Kosmos. Oder verkehren sich, wie bei der Fortuna, ins Gegenteil. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, wann das südamerikanische Venezuela dem Kapitalismus anheimfallen wird.

Wie das zusammenhängt, wo doch, wie wir nicht erst seit Don Camillo und Peppone wissen, der Sozialismus das Gebet scheut wie der Teufel das Weihwasser? Oh doch, es hängt zusammen, die PSUV, die regierende Sozialistische Partei Venezuelas hat den Zusammenhang gerade offiziell bestätigt. Auf dem Parteitag in Caracas wurde dieser Tage ein Gebet vorgestellt. Eins, das sich das christliche Vaterunser zum Vorbild genommen hat. „Unser Chávez, der du bist im Himmel, auf Erden, in der See und in uns, ..., spende uns an diesem Tag Licht, uns jeden Tag zu führen, damit wir nicht der Versuchung des Kapitalismus erliegen.“ Hugo Chávez, der frühere Staatspräsident, weilt schon länger im Himmel, nachdem er im vergangenen Jahr an Krebs gestorben ist. Die Opposition wähnt ihn allerdings in der Hölle, bezweifelt, dass allein die Adresse des Gebets richtig ist, und wirft der kompletten chávezgläubigen Gemeinde schlimmsten Personenkult vor. Der Vorwurf ist nicht so leicht zu entkräften. „Bewahre uns vor dem Bösen und vor Oligarchen“, heißt es weiter im „Chávezunser“, und endet mit: „weil uns ist die Heimat, der Frieden und das Leben, für immer und ewig, Amen. Lange lebe Chávez!“ Was in Anbetracht der Unerfülltheit von Gebeten schon als Akt der Konterrevolution zu betrachten ist. „Herr, lass kein Hirn auf die PSUV regnen!“ Vielleicht klappt es ja so.

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