Zeitung Heute : Verblasste Bilder

Auf einem U-Bahnhof sah sie ihre Kinder zum letzten Mal. Das war vor vier Jahren. Jetzt steht der Vater vor Gericht

Katja Füchsel

Geistesabwesend lässt Helen S. den Schlüsselanhänger durch ihre Finger gleiten. Die Kette ist längst abgerissen, das Plastik ganz zerkratzt. Mit jedem Monat, der vergeht, kann sie die Fotos ihrer Kinder Hannah und Ibrahim darauf schlechter erkennen. Das passt irgendwie. Denn den Schnappschüssen von damals dürften ihre Kinder kaum noch ähneln. Vier Jahre danach. „Ich weiß nicht, wie sie heute aussehen“, sagt die Mutter von Hannah und Ibrahim. Im schwarzen Hosenanzug ist die 39-jährige Helen S. am Amtsgericht Tiergarten erschienen. Ihre Stimme bricht, sie muss sich kurz sammeln. „Ich weiß nicht, wie sie leben. wie es ihnen geht, ob sie gesund sind – nichts.“

Helen S. sitzt ihrem Ex-Mann genau gegenüber, doch sie würdigt Mahmoud A., 40 Jahre, keines Blickes. Ein gut aussehender Kerl, dunkel, schlank, er trägt Jeans und ein blaues Hemd. Der Staatsanwalt sagt, dass Mahmoud A. seine Kinder im Dezember 2000 nach Ägypten verschleppt hat. Helen S. glaubt, dass Hannah und Ibrahim seither in einem Dorf bei der Familie oder in Kuwait bei einem Bruder des Vaters leben. Vor Gericht schweigt Mahmoud A., bei der Polizei aber hat er die Vorwürfe bestritten.

Sieben Jahre lang war Helen S. mit Mahmoud A. verheiratet. Sie trat zum moslemischen Glauben über, verdiente das Geld in der Familie, während sich Mahmoud A. um die Kinder kümmerte. Als die Ehe scheiterte, erkannte Helen S. ihren Mann nicht wieder. „In der Nacht vor meinem Auszug hat er mich fast getötet“, sagt sie. Ein Gericht sprach Mahmoud A. das Umgangsrecht zu: Auch, wenn Helen S. stets ein „mulmiges Gefühl“ begleitete, musste sie Hannah und Ibrahim – damals fünf und zwei Jahre alt – an den Wochenenden mit ihrem Vater ziehen lassen.

Es gibt Bilder, die sich in Helens Erinnerung eingefräst haben: Hannah auf dem U-Bahnhof Mehringdamm, ihren Teddy in der Hand. Ibrahim auf dem Arm des Vaters. Die Bahntüren schließen sich. „Da habe ich sie das letzte Mal gesehen.“ Und es gibt Worte, die Helen S. nie vergessen wird: „Du bist so dumm zu glauben, dass ich meine Kinder bei einer deutschen Schlampe lasse“, soll ihr Mann am Telefon gebrüllt haben. „Du wirst die Kinder nie mehr sprechen, nie mehr sehen, nie mehr von ihnen hören!“

Helen S. hat fast alles drangesetzt, dass die Prophezeiung nicht wahr wird. Sie schaltete das Landeskriminalamt ein, die Deutsche Botschaft, das Auswärtige Amt, einen Privatdetektiv, einen Anwalt in Kairo – vergebens. Es geht ihr da nicht anders als den meisten der jährlich rund 200 Mütter und Väter, deren Kinder ins Ausland verschleppt werden. Als besonders schwierig gelten die Fälle, in denen der Nachwuchs in ein islamischen Land entführt wird – auch „countries of no return“ genannt. Diese Staaten ohne Wiederkehr, zumeist im Nahen Osten gelegen, weigern sich beharrlich, dem internationalen Haager Abkommen beizutreten, das die Rückgabe gekidnappter Kinder regelt. In dem 1980 geschlossenen Vertrag verpflichten sich rund 50 Staaten, entführte Kinder an den Ausgangsort zurückzuführen.

In sieben von zehn Fällen sind es die Väter, die mit ihren Kindern „unbekannt verziehen“. Das Auswärtige Amt, die Botschaften und Konsulate haben keine rechtlichen und in der Praxis nur sehr beschränkte Möglichkeiten zu helfen. Auch die deutsche Polizei gerät schnell an ihre Grenzen. Wie im Bestseller „Nicht ohne meine Tochter“ ist dann Eigeninitiative gefragt. „Zuweilen kann das die letzte Chance sein“, sagt Gina Graichen, beim Berliner Landeskriminalamt die zuständige Kommissariatsleiterin. Nicht jeder kann sich das leisten: Kosten für den Anwalt im Ausland, Hotels, Flüge, Übersetzungen und für Detektive gehen leicht in den sechsstelligen Bereich.

Nicht nur die Autorin Betty Mahmoody, auch manche Berliner Mutter könnte eine Geschichte mit Bestseller-Qualität erzählen. Wie beispielsweise die Mutter des vierjährigen Samy, den sein Vater nach Jordanien entführt hatte. Sechs Monate später gelang der Mathematikerin eine List: Sie traf sich in Jordanien im Hotel mit Samys Vater, machte ihn mit Tabletten im Tee bewusstlos und flüchtete mit dem Jungen.

Oder die Geschichte von Charazad, die mit ihrem Vater für einen Kurzurlaub nach Tunesien flog. Als Monji L. ohne das Mädchen wieder am Flughafen Tegel eintraf, sah die 30-jährige Mutter rot. Ute L. raste mit ihrem Kleinwagen auf die Haupthalle des Flughafens zu, auf ihren Ehemann, stieß mehrmals vor und zurück mit quietschenden Reifen. Nur ein im Weg stehender Heizkörper rettete dem Tunesier das Leben. Der Fall Charazad ist Ende der 90er Jahre in die Berliner Rechtsgeschichte eingegangen, als „das mildeste Urteil eines Schwurgerichts“: Der Staatsanwalt hatte Ute L. wegen versuchten Totschlags angeklagt, sie kam mit einer Verwarnung davon. Charazad blieb verschwunden. Ein tunesisches Gericht sprach Monji L. das alleinige Sorgerecht zu.

Helen S. hat von all diesen Fällen gehört, hält illegale Aktionen aber für wirkungslos und „viel zu gefährlich“. Als sie noch mit Mahmoud A. verheiratet war, hat das Paar oft die Familie in Kairo besucht. Immer dort zu leben konnte sich Helen S. aber nicht vorstellen.

Mit den Kindern verschwand an diesem Tag auch Mahmoud A. Erst als er Anfang des Jahres versuchte, in Bonn Sozialhilfe zu beantragen, griff die Polizei zu. Der Prozess geht am nächsten Dienstag weiter. Von der Anklagebank hat ein Wachtmeister Mahmoud A. gestern wieder direkt ins Gefängnis geführt. „Vielleicht kommt er jetzt doch noch zur Einsicht“, sagt Helen S. Wirklich überzeugt klingt sie nicht.

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